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EU-Grenzregime

Massengrab Mittelmeer: 2026 fast 1.000 Tote

Die Zahlen steigen dramatisch, während private Seenotretter drangsaliert werden

Foto: Valeria Ferraro/Anadolu Agency/IMAGO
Särge mit den Leichen Asylsuchender nach einem Schiffsunfall vor Lampedusa (15.8.2025)

Bald beginnt es wieder. Ganz Europa strömt ans Mittelmeer. Ein wenig Sonne tanken: Sizilien, Ägäis, Kreta. Das Mittelmeer lädt aber nicht nur zum Baden ein, sondern ist laut Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) die tödlichste Fluchtroute der Welt.

Erst am Sonntag kenterte ein Schiff im zentralen Mittelmeer, 80 Menschen werden vermisst. In den vergangenen Wochen hat sich die Situation noch einmal verschärft, seit dem 28. März sind UN-Angaben zufolge 180 Menschen bei Schiffbrüchen ums Leben gekommen oder gelten als vermisst. Der Jahresbeginn 2026 markiert damit den Zeitraum mit den höchsten Todeszahlen Asylsuchender seit Beginn der Aufzeichnung: Mindestens 990 Menschen starben oder sind verschollen. Im vergangenen Jahr starben insgesamt mindestens 1.340 Menschen auf dieser Route. Seit der ersten Erhebung im Jahr 2014 überlebten der IOM zufolge bis Ende 2025 mehr als 33.000 Menschen die gefährliche Überfahrt nicht oder gelten als vermisst.

Die Staaten der Europäischen Union sind nicht gewillt, das Massensterben zu verhindern. Sie sind vielmehr die Totengräber. So stellte auch die »schwarz-rote« Bundesregierung die Förderung privater Rettungsschiffe, die zuletzt 900.000 Euro betrug, nach Amtsantritt ein. Die Helfer sind darüber hinaus auch immer wieder Repressionen ausgesetzt. So beklagte »Sea-Watch« am Dienstag, dass die »Aurora«, ein Schiff der Seenotrettungsorganisation, von Italien blockiert wird. Die »Aurora« hatte am Sonnabend 44 Asylsuchende von einer verlassenen Ölplattform gerettet und auf die italienische Mittelmeerinsel Lampedusa gebracht. Der Organisation wurde zudem eine Geldstrafe zwischen 2.000 und 10.000 Euro angedroht. Schon Ende März war das Schiff »Sea-Watch 5« von italienischen Behörden festgesetzt und für 20 Tage aus dem Verkehr gezogen worden. Zudem musste die Organisation eine Geldstrafe von 10.000 Euro zahlen.

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Mit Italiens Operation »Mare Nostrum« wurde 2015 der letzte Einsatz zu eigenständigen Such- und Rettungsaktionen beendet und an die Brüsseler Grenzagentur Frontex übertragen, die seither immer weiter aufgerüstet wird, um Menschen davon abzuhalten, EU-Territorium zu erreichen. Millionengelder sind auch in die sogenannte libysche Küstenwache geflossen, deren Milizionäre die Flüchtenden im Auftrag der EU abfangen und in Lager sperren.

Angesichts der dramatischen Zahlen haben sich 128 Abgeordnete von SPD, Die Linke und Bündnis 90/Die Grünen am Wochenende in einem »Osterappell« mit insgesamt sieben Forderungen an die Bundesregierung gewandt. Verlangt wird unter anderem der Schutz der privaten Seenotrettung. Zudem soll sich die Koalition um ein staatlich finanziertes Seenotrettungsprogramm in der EU bemühen.

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Erschienen in der Ausgabe vom 09.04.2026, Seite 6, Ausland

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