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Aus: Ausgabe vom 11.03.2026, Seite 2 / Ausland
Eva Michelmann und Ahmet Polat

Was ist passiert, bevor sich ihre Spur verlor?

Zwei in Syrien vermutlich von der HTS entführte Journalisten müssen umgehend freikommen, fordert Avin Hummitzsch
Interview: Gitta Düperthal
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Razzia der HTS bei Anwohnern in Wadi al-Dahab, angeblich um Reste alter Regierungstruppen zu finden (2.1.2025)

Die Kölner Journalistin Eva ­Michelmann und ihr kurdischer Kollege Ahmet Polat wurden zuletzt am 18. Januar im syrischen Rakka gesehen, nachdem die Streitkräfte der dortigen Übergangsregierung, die dschihadistischen Milizen der Hai’at Tahrir Al-Scham – als HTS bekannt –, die Stadt angriffen hatten. Welche Hinweise gibt es darauf, dass Michelmann und Polat dort entführt wurden?

Am 6. Januar waren Truppen der Übergangsregierung unter Ahmed Al-Scharaa (ehemals Al-Dscholani, militärischer Befehlshaber der HTS, jW) in die Region vorgerückt und hatten Gebiete der Demokratischen Autonomen Verwaltung von Nord- und Ostsyrien, DAANES, angegriffen. Eva Michelmann und Ahmet Polat waren dort, um darüber zu berichten. Am 18. Januar hatte sich die Lage in Rakka zugespitzt. Den ganzen Tag herrschte rohe Gewalt, mit Straßenkämpfen und Hinrichtungen im Ort. Die Syrischen Demokratischen Kräfte, SDF, hatten sich von dort zurückgezogen.

Zivilistinnen und Zivilisten, darunter die beiden Presseleute, hatten sich in ein Haus einer kurdischen Jugendorganisation geflüchtet. Aus dem Gebäude heraus hatte Ahmet Polat noch per Video berichtet, wie es umzingelt wurde. Dann brachen Internet- und Telefonkontakt ab. Nach Verhandlungen der DAANES mit der Übergangsregierung kam eine Gruppe aus dem Gebäude frei, wurde den SDF übergeben und in Sicherheit gebracht. Die Journalistin und ihr Kollege aber waren dort zuletzt gesehen worden.

Was können Sie zu deren letztem Aufenthaltsort sagen?

Zeugen aus der Gruppe berichteten, dass sie gesehen hatten, wie Kräfte der angreifenden Milizionäre beide Medienschaffende in einem Wagen abtransportierten. Danach verlor sich ihre Spur.

Für welche Presseorgane arbeiteten sie?

Eva Michelmann kam 2022 als internationale Journalistin nach Rojava, berichtete unter anderem für die linke Nachrichtenagentur Etha mit Sitz in der türkischen Metropole Istanbul und für den Onlinesender Özgür TV über Angriffe auf Städte und Dörfer sowie über gesellschaftliche Entwicklungen im Kontext der Revolution von Rojava. Ahmet Polat ist Autor bei Kurdistana Azad und moderiert bei Özgür TV.

Könnte die HTS schon länger zum Ziel gehabt haben, die beiden an der Berichterstattung zu hindern? Machten sie eine besonders gefährliche Arbeit?

Die Gefahr für Journalistinnen und Journalisten ist groß, da sie ja durch ihre Berichterstattung Kriegsverbrechen aufdecken, wenn Regierungskräfte dort die eigene Bevölkerung massakrieren. Die HTS hatte sich bereits eklatanter Menschenrechtsverletzungen schuldig gemacht, noch bevor die Übergangsregierung in Damaskus an die Macht kam. Das Regime erhält diplomatische Unterstützung und Geld aus der EU und den USA, obwohl die HTS im März 2025 Hunderte Alawitinnen und Alawiten umbrachte und im Juli des Jahres Drusinnen und Drusen angriff. Nach den aktuellen Angriffen in diesem März »verschwanden« insgesamt 1.070 Menschen.

Wer steht politisch in der Verantwortung?

Am Tag des Angriffes vom 6. Januar 2026 war Ursula von der Leyen als Präsidentin der EU-Kommission in Syrien bei Al-Scharaa. Kein kritisches Wort war zu hören, weder von ihr noch von der deutschen Bundesregierung. Derweil fließen Milliarden Euro der EU. Man will das Land »stabilisieren«, um Menschen dorthin abschieben zu können. Mit dem Abkommen vom 29. Januar zwischen der kurdischen Autonomieverwaltung und der syrischen Übergangsregierung sagte Damaskus zu, alle verschleppten Gefangenen freizulassen. Am 3. März kamen schließlich 59 von ihnen frei. Nach Berichten hieß es: Einige seien vom IS gefangengehalten worden. Das beunruhigt.

Die syrische Regierung gibt offenbar nichts auf die Pressefreiheit. Sind Sie mit dem Auswärtigen Amt in Kontakt?

Auf Anfrage des Anwalts Roland Meister hieß es: Man sei dort informiert und habe die Syrien am nächsten liegende deutsche Botschaft in Beirut im Libanon eingeschaltet, um den Verbleib der beiden Medienschaffenden zu klären. Mit unserer Kampagne sorgen wir nun für öffentliche Aufmerksamkeit.

Avin Hummitzsch ist Sprecherin der Solidaritätsplattform »­People’s Bridge for International Solidarity and Support with ­Rojava/NE Syria«, die die Freilassung der in Syrien »verschwundenen« Journalisten Eva Michelmann und Ahmet Polat fordert

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