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Aus: Ausgabe vom 22.12.2025, Seite 6 / Ausland
Nordsyrien

Kurdische Journalisten im Fadenkreuz

Nordsyrien: Gedenken für vor einem Jahr getötete Medienschaffende
Von Tim Krüger, Kamischli
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Anteilnahme ein Jahr nach der Attacke: Menschen versammeln sich an den Gräbern von Daştan und Bilgin (Kamischli, 19.12.2025)

Weiße und rote Rosen schmücken die grün bepflanzten Gräber auf dem Friedhof in der nordsyrischen Stadt Kamischli. Zwischen den Reihen der marmornen Grabsteine hat sich eine kleine Gruppe in andächtigem Schweigen versammelt. Am Freitag sind Kollegen, Freunde und Bekannte einer Einladung des »Verbands der freien Medien« – der Berufsorganisation der Medienschaffenden in Nord- und Ostsyrien – gefolgt, um der beiden vor einem Jahr durch einen türkischen Luftschlag getöteten Journalisten Nazim Daştan und Cihan Bilgin zu gedenken. Daştan und Bilgin hatten am 19. Dezember 2024 von vor Ort über den umkämpften Tischrin-Staudamm berichtet. Auf dem Rückweg wurde ihr Auto südlich von Kobani von einer türkischen Kampfdrohne getroffen. Die beiden kurdischen Journalisten waren auf der Stelle tot, ihr Fahrer überlebte den Angriff verletzt.

Bilgin arbeitete in Nordsyrien als Korrespondentin der lokalen Nachrichtenagentur Hawar (Anha). Ihr Kollege Daştan berichtete seit über zehn Jahren für die Nachrichtenagentur Firat (ANF) über die Geschehnisse in Syrien. »Nazim war einer der ersten, der die Kollaboration des türkischen Staates mit den IS-Banden dokumentiert hatte«, erinnert sich Ekrem Barakat, Journalist bei Anha und langjähriger Kollege der beiden Getöteten gegenüber jW. Schon damals stand Daştan im Fadenkreuz der türkischen Behörden. »Als er 2015 nach Nordkurdistan zurückkehrte, wurde er für seine Berichterstattung verhaftet und musste einige Monate im Gefängnis verbringen«, erklärt Barakat. Auch Bilgin kam wie Daştan bereits 2017 aus dem kurdischen Teil der Türkei nach Nordsyrien und berichtete über den Kampf gegen die Dschihadisten des Islamischen Staates (IS) und die türkischen Invasionen.

Für Barakat steht fest, dass es sich um einen gezielten Angriff gehandelt haben muss: »In den elf Tagen ihrer Berichterstattung von der Front haben unsere Kollegen mehrfach die Propaganda des türkischen Staates entlarvt und die von ihnen begangenen Kriegsverbrechen an die Öffentlichkeit gebracht.« Das sei dem türkischen Militär und den mit ihnen verbündeten Dschihadisten ein Dorn im Auge gewesen, schildert Barakat. Bilgin und Daştan sind nicht die ersten Journalisten, die zum Ziel der türkischen Luftwaffe wurden. So wurden im vergangenen Jahr bereits der jesidische Radiojournalist Murad Mîrza Ibrahim und die kurdischen Journalistinnen Gulîstan Tara und Hêro Bahadîn durch Drohnenangriffe im Nordirak getötet.

Auch wenn seit dem Abkommen im März dieses Jahres zwischen der von der islamistischen HTS geführten Übergangsregierung in Damaskus und der Selbstverwaltung Nord- und Ostsyriens die Waffen weitgehend schweigen, ist die Anspannung doch im ganzen Land spürbar. Immer wieder kommt es entlang der Kontaktlinie zu kleineren Angriffen auf Stellungen der Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) und die Zivilbevölkerung. Und Schläferzellen des IS haben im Windschatten des Regimewechsels ihre Aktivitäten in der Region gesteigert. Während die Verhandlungen über eine Eingliederung der SDF in die zukünftige syrische Armee und ein neues syrisches Staatswesen andauern, trauen viele Menschen in den kurdisch dominierten Gebieten den Dschihadisten in Damaskus nicht über den Weg.

Am Donnerstag hatte das Verhandlungskomitee der Selbstverwaltung einen ersten Durchbruch gemeldet. Laut Berichten in der lokalen Presse sei eine vorläufige Einigung über die Eingliederung der SDF erzielt worden. Über den genauen Inhalt der Vereinbarung halten sich beide Seiten bis dato bedeckt. Der Generalkommandant der SDF, Mazlum Abdi, erklärte gegenüber dem Fernsehsender Aryen TV, dass der Dialog unter Beteiligung der US-amerikanischen Seite langsam, aber kontinuierlich voranschreite. Er betonte, es gehe nicht um eine »einseitige Eingliederung«, sondern den »gemeinsamen Aufbau« der neuen syrischen Streitkräfte. Die bisherige Organisationsstruktur der SDF soll unangetastet bleiben. Auch der Fortbestand der Frauenverteidigungseinheiten YPJ als eigenständige Formation müsse garantiert werden, sagte Abdi.

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