Verharmlosen deutsche Medien Dschihadisten?
Interview: Gitta Düperthal
Sie kritisieren die Berichterstattung deutscher Mainstreammedien über Nord- und Ostsyrien, also Rojava: Sie stelle die Dschihadisten der sogenannten syrischen Regierungstruppen und Banden verharmlosend dar. Woran machen Sie das fest?
Die Frauenrevolution von Rojava und die Menschen dort sind existentiell bedroht: Selbstbestimmungsrechte für Frauen wurden erkämpft, und ein demokratisches, konföderales System wurde aufgebaut, in dem verschiedene Volksgruppen friedlich zusammenleben. Die deutsche Presse aber berichtet über Angriffe auf die Errungenschaften oft falsch oder voreingenommen. Sie unterdrückt die Stimmen kurdischer und arabischer Menschen, die für die Errungenschaften Rojavas eintreten. Sie leugnet die dschihadistische Geschichte des syrischen Übergangspräsidenten Al-Dscholani, der sich heute Al-Scharaa nennt, legitimiert ihn als starken Staatsmann und verschweigt Massaker an der Zivilbevölkerung.
In den ARD-»Tagesthemen« darf im Beitrag »Offensive in Syrien: Regierungstruppen drängen Kurden zurück« ein Mann auf der Straße »unbeschreibliche Freude« darüber ausdrücken, dass sich der Vormarsch der sogenannten Regierungstruppen ausbreitet. Al-Dscholani wird gezeigt, wie er behauptet, bewaffnete Einheiten »außerhalb der Staatsmacht und des Rechtsstaates« würden die »Stabilität des Landes« gefährden. Gezeigt wird auch, wie Dschihadisten die Statue einer kurdischen Kämpferin in Tabqa zerstören.
Es ist ein Angriff auf Frauen und ihre Freiheit: Die Statue zeigt eine Frau, die für unsere Sicherheit ihr Leben gab. Warum kommen weder eine Kämpferin der Frauenverteidigungseinheiten YPJ zu Wort noch der Oberkommandierende der Demokratischen Kräfte Syriens, SDF, Mazlum Abdi, um ihre Vision eines freien Syriens zu schildern? Man bietet frauenfeindlichen Akteuren eine Bühne, beschwört ethnische Konflikte zwischen »den Kurden« und »den Arabern« und verstärkt so nationalistisches Denken. Es geht aber um regionale und globale Vormachtstellung, Zugang zu Ressourcen und Handelswegen und darum, ob sich im neuen Syrien eine faschistische Ordnung durchsetzen kann. Klar akzeptiert der Staat keine bewaffnete Kraft neben sich. Aber Al-Dscholani, bis 2025 gesuchter Terrorist, bekämpfte die syrische Armee. »Staatsmacht« kann er für sich nur beanspruchen, weil imperialistische Mächte ihn stützen. Demokratische Medien sollten sich auf demokratische Stimmen beziehen.
Das Magazin Spiegel titelte »Welches Spiel die mächtigste Kurdenmiliz in Syrien treibt« und bedauerte, dass »die Gefahr noch nicht gebannt« sei, die linksliberaleTazprognostizierte unter »Wie die USA die Kurden fallen ließen« das »faktische Ende der autonomen Zone namens Rojava«. Ist das vorauseilender Gehorsam der Presse gegenüber der Bundesregierung?
Aus unserer Sicht geht es um geopolitische Veränderungen, letztlich einen dritten Weltkrieg. Im Mittleren Osten kämpfen Israel bzw. die USA, der Iran und die Türkei nach patriarchalem Prinzip »der Macht des Stärkeren« um die jeweilige Vormacht. Die kurdische Freiheitsbewegung widersetzt sich dieser Logik, weil diese ihren sozialistischen Werten widerspricht. Sie vertraut auf den Willen zum friedlichen Zusammenleben der Gesellschaft. Die Presse muss sich von staatlichen, kapitalistischen Denkweisen lösen, um dies in all seinen Facetten abzubilden.
Der Spiegel zitierte Vorwürfe, SDF-Kräfte hätten das Lager Al-Hol mit IS‑Gefangenen noch vor dem Eintreffen der Regierungstruppen »einfach sich selbst überlassen«, um später Al-Dscholanis Regierung vorwerfen zu können, sie habe Terroristen befreien wollen.
Die SDF haben die Terrormiliz IS jahrelang bekämpft, um die Bevölkerung zu schützen. Welches Interesse sollten sie an deren Freilassung haben? Deutsche Medien verbreiten oft ungeprüft Diffamierungskampagnen und Lügen der staatlichen syrischen Syrian Arab News Agency, SANA, des Propagandaorgans Al-Dscholanis. Wir appellieren an die deutsche Gesellschaft, an menschlichen Werten festzuhalten. Lasst uns Wissen und Erfahrungen teilen, Widerstand aufbauen! Der Kampf in Nord- und Ostsyrien ist noch lange nicht entschieden.
Magdalena Kattowitz ist Aktivistin bei »Women Defend Rojava« und kam 2025 mit einer Delegation nach Nord- und Ostsyrien, um die dortigen Frauenstrukturen zu unterstützen
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