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Aus: Ausgabe vom 13.02.2026, Seite 9 / Schwerpunkt
Krieg in Syrien

»Was nun geschieht, hängt vom fortgesetzten Widerstand weltweit ab«

Syrien: Trotz Waffenstillstands mit Damaskus bleiben die Errungenschaften der Autonomieverwaltung in Rojava bedroht. Ein Gespräch mit Mara Guva
Von Annuschka Eckhardt
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Mitglieder der Frauenverteidigungseinheiten YPJ stehen auf dem Posten, während Polizeikräfte der syrischen Regierung vertragsgemäß nach Hasaka einrücken (2.2.2026)

Nach einer Blitzoffensive syrischer Regierungstruppen auf die Demokratische Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien haben sich die aus der dschihadistischen Allianz HTS hervorgegangene Übergangsregierung von Präsident Ahmed Al-Scharaa und die Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) der Autonomieverwaltung am 30. Januar in einem Abkommen auf einen dauerhaften Waffenstillstand geeinigt. Wie schätzen Sie diesen ein?

Das vorrangige Ziel dieses Abkommens ist die Beendigung des Krieges. Aber das Regime musste mit diesem Abkommen wichtige Zugeständnisse machen: Die lokalen Sicherheitskräfte bleiben im Amt, es kommt nur eine symbolische kleine Delegation aus Damaskus, es werden keine Militäreinheiten in den Städten stationiert, den Kurden werden umfassende Bürgerrechte gewährt und die SDF werden in Form von vier Brigaden geschlossen in die Syrische Armee integriert – zuvor einer der größten Streitpunkte bei den Verhandlungen.

Ist die Gefahr für die nun auf die mehrheitlich kurdischen Siedlungsgebiete – also Rojava – zurückgedrängte Autonomieverwaltung also gebannt?

Trotz politischer, militärischer oder finanzieller Unterstützung der Türkei, der USA, der EU, Großbritanniens und Israels konnte die Übergangsregierung nicht in die kurdischen Städte eindringen. Sie glaubten, sie könnten die Frauenrevolution mit einem einzigen Großschlag beenden. Doch wir haben sie zurück an den Verhandlungstisch gebracht.

Allerdings hat die HTS bereits viele Waffenstillstandsabkommen gebrochen, weshalb die Bevölkerung weiter skeptisch bleibt. Die Belagerung von Kobani ist zudem noch nicht aufgehoben, und die gefangengenommenen YPJ-Kämpferinnen sind noch nicht freigelassen. Das Abkommen erwähnt weder Frauenrechte noch die Zukunft der Frauenbefreiungseinheiten YPJ. Es ist daher um so wichtiger, laut zu bleiben und klarzustellen, dass wir die Errungenschaften dieser Revolution weiterhin verteidigen werden. Die roten Linien in Rojava bleiben die Existenz des Selbstverwaltungssystems, die Volksverteidigungsstrukturen und die Errungenschaften der Frauenrevolution. Was nun geschieht, hängt vom fortgesetzten Widerstand weltweit ab.

Seit Beginn des neuen Bürgerkriegs Anfang des Jahres wurden laut Autonomieverwaltung mehr als 170.000 Menschen vertrieben. Wo ­suchen sie Schutz?

Es handelt sich dabei vor allem um Kurden, aber auch arabische Familien, die ursprünglich aus Afrin vertrieben wurden und Anfang des Jahres erneut aus Aleppo, Tabqa, Rakka und Teilen ­Hasakas fliehen mussten. Sie suchen Schutz in den selbstverwalteten Gebieten. Einige kommen bei Verwandten unter, einige in privaten Wohnungen. Viele leben in von der Selbstverwaltung bereitgestellten, größtenteils improvisierten Unterkünften – Schulen, Moscheen, Fußballstadien, Universitätsgebäuden. Auch die Vertriebenencamps sind voller geworden. Es gibt wenig oder keinen Strom – geheizt wird mit Dieselöfen, kein warmes Wasser, nur wenige beheizte Räume, große gemeinsame Schlafsäle. Einige haben auch gar keine Heizmöglichkeiten. Sie sind größtenteils mit wenig bis keinem Hab und Gut gekommen und angewiesen auf Hilfe, um die alltäglichen Bedürfnisse zu decken.

Nachdem Tausende Anhänger des »Islamischen Staats« (IS) aus Gefängnissen und ­Lagern in Ostsyrien entkommen konnten oder von den Regierungstruppen befreit wurden, hat das US-Militär mit der Verlegung von bis zu 7.000 weiteren IS-Gefangenen in den Irak begonnen. Wie gehen die Menschen in der Region mit der erneuten Bedrohung durch den IS um?

Die Bevölkerung musste ab 2012 leidlich erfahren, was sie nun wieder zu befürchten hat: Genozid an den Jesiden, Enthauptungen, Folter. All das mit dem Ziel der ethnischen und religiösen Säuberung. Es gibt bei vielen große Angst vor dem IS. In den sozialen Medien wimmelt es von Videos von Dschihadisten, die drohen. Wieder gab es Enthauptungen, und Leichen wurden geschändet. Es gibt Videos, die die Ermordung von Frauen zeigen. Mit dem Kampf der kurdischen Frauenverteidigungseinheiten wurde eine Frauenrevolution im ganzen Nahen Osten eingeleitet, die mit den Aufständen im Iran zu »Jin, Jiyan, Azadî« international groß wurde. Es waren und es sind Frauen, die eine leitende Figur des Widerstandes darstellen und die eine große Rolle im Kampf gegen den IS spielten, die nun erneut zu einem Angriffsziel werden. Mit dem Abschneiden der Zöpfe, die als Symbol des Widerstands gelten, wird versucht, den Widerstand der Frauen zu brechen. Es geht nicht nur darum, Territorium zu erobern, sondern auch um die Vernichtung derjenigen, die vom IS und anderen dschihadistischen Gruppen als Feindbild gesehen werden.

Wer ist von dieser Verfolgung betroffen?

Kurden, aber auch all diejenigen, die mit der Selbstverwaltung zusammengearbeitet haben, ­Araber, Drusen, Alawiten, Suryoye. Seit dem Sturz von Assad hat die Selbstverwaltung wiederholt auf die Gefahr durch die Milizen unter ­Al-Scharaa hingewiesen. Gewalt richtete sich zuerst gegen Alawiten und Drusen, Entführungen gegen Frauen und nun gegen die Bevölkerung der Selbstverwaltung. Diese ist natürlich mehrheitlich kurdisch. Aber die demokratische Selbstverwaltung ist kein rein kurdisches Projekt. Auch arabische Familien sind in Gebieten der Selbstverwaltung vor dem IS und anderen dschihadistischen Gruppen geflohen, etwa aus Idlib, einer Provinz, die schon jahrelang unter HTS-Herrschaft stand. Mit am schlimmsten aber hat es bisher die arabischen Frauen getroffen, die über zehn Jahre in den von der IS-Herrschaft befreiten Gebieten für ein freies Leben als Frauen kämpften und diese Errungenschaften nun verloren haben.

Wie sind die neuen Kämpfe um von der SDF kontrollierte Gebiete einzuschätzen?

Es ist kein arabisch-kurdischer Krieg, auch wenn es in vielen Medien so dargestellt wird. Es ist ein ideologischer Krieg zwischen demokratischen Kräften und dschihadistischen Kräften. Die Selbstverwaltung kämpft gegen ethnische, religiöse und politische Säuberung. Sie ist ein Projekt der demokratischen Nation, setzt auf Vielfalt und multiethnisches Zusammenleben.

Nun sollen die aktuellen Kämpfe dargestellt werden wie ein Krieg zwischen Kurden und ­Arabern, denn die Spaltung und der Hass dienen den politischen Interessen der Herrschenden. Es liegt aber auch eine Gefahr darin, dass ein kurdischer Nationalismus verstärkt genutzt wird für politische Zwecke, die nicht im Einklang stehen mit den Ideen Rojavas.

Was bedeutet das?

In einigen kurdischen Medien, die nicht der Freiheitsbewegung nahestehen, gibt es aktuell viel Propaganda gegen Araber. Sie beschwören die Notwendigkeit eines kurdisch-ethnischen Staates. All das ist auch ein ideologischer Angriff auf die Selbstverwaltung. Die Flagge der Kurdistan-Region im Irak – der KRI – ist aktuell auch überall in Rojava zu sehen. Doch diese KRI ist ein Staat, der westliche Interessen durchsetzt. Hier sollen Kurdinnen und Kurden, vor allem die Jugend, von der radikalen Idee einer friedvollen, multiethnischen Selbstverwaltung abgebracht werden.

Nun ist Kobani bereits seit Mitte Januar von mehreren Seiten belagert. Was hören Sie aus der Stadt an der Grenze zur Türkei?

In Kobani wurde mit der Belagerung die Wasser- und Stromversorgung abgestellt und in den darauffolgenden Tagen auch das Internet. Laut unseren Informationen sind mindestens fünf Kinder an Unterkühlung gestorben. Es handelt sich um eine humanitäre Krise. Gleichzeitig ist die Solidarität sehr groß, die Menschen kommen zusammen, um Lösungen zu finden. So backen manche Bäckereien 24 Stunden durch, um die Bevölkerung mit Brot zu versorgen. Die YPJ-Kommandantin Nesrin Abdullah spricht in einer Grußbotschaft von einer hohen Moral der Menschen. Viele seien sich bewusst, dass sie für weitaus mehr kämpfen als nur die Stadt.

Wie nehmen Sie die Mobilisierung von Zivilistinnen und Zivilisten wahr?

Auch wenn die kurdische Einheit und Solidarität stärker ist denn je, muss die Solidarität von Bashur (Südkurdistan im Nordirak, jW) und der dortigen Regierung auch gesehen werden als Angst davor, dass sich der IS wieder ausweitet, bis über die syrischen Staatsgrenzen hinaus. Mit dem Vorrücken der syrischen Regierungstruppen ab dem 17. Januar auf Tabqa, Rakka, Deir Al-Sor und Kobani hat die Selbstverwaltung in der Nacht vom 19. auf den 20. Januar zur Generalmobilisierung ausgerufen. Öffentliche Institutionen sind geschlossen und viele, vor allem junge Menschen, sind dem Aufruf gefolgt. Die Mobilisierung der Bevölkerung ist so stark wie schon lange nicht mehr. Viele sagen, es ist so wie am Anfang der Revolution, als die ganze Gesellschaft sich verteidigte. Damals änderte sich auch die Strategie im Kampf gegen den IS und die internationalen Kräfte, die immer versuchen, ein Machtvakuum für sich zu nutzen. Unter der Führung von Abdullah Öcalan wurde der »revolutionäre Volkskrieg« eingeleitet, was bedeutet, dass die Gesellschaft sich selbst verteidigt. Nicht nur die Volks- und Frauenverteidigungseinheiten YPG/YPJ sind nun auf Verteidigung vorbereitet, sondern ganze Dörfer haben sich bewaffnet.

Ist im Alltag sichtbar, dass Menschen aus anderen Teilen Kurdistans nach Rojava gekommen sind, um die Autonomie zu verteidigen?

Die Autokorsos, die spät abends ankamen, habe ich leider verpasst, aber in den Medien gibt es natürlich viele Videos und Berichte. Diese vor allem jungen Menschen gingen meistens sofort an Orte, um sich den Verteidigungskräften anzuschließen, sie sind also im Straßenbild nicht unbedingt sichtbar. Es sind auch viele Jugendliche aus Rojava, die in Bashur lebten, zurückgekehrt. Bei den Aktionen an der Grenze zur Türkei in Kobani und Qamishlo wird es natürlich auch im eigenen Alltag deutlich, wenn die Menschen von beiden Seiten der Mauer versuchen, diese einzureißen – mental und physisch. Die Stimmung ist aktuell eine sehr kämpferische, das Volk steht mehr zusammen als sonst.

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