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Aus: Ausgabe vom 28.02.2026, Seite 6 / Ausland
Brief aus Jerusalem

Ein Ort für alle

Brief aus Jerusalem: Der christliche Verein YMCA blickt zurück auf eine bewegte Geschichte
Von Helga Baumgarten
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Der ikonische Glockenturm des YMCA-Gebäudes in Jerusalem (17.4.2022)

Wir nehmen unser Mittagessen in historisch-eleganter Umgebung ein: beim Christlichen Verein Junger Männer in Westjerusalem, dem CVJM oder YMCA, wie er auf englisch abgekürzt wird. Das gleichnamige Gebäude ist bestens gelegen: Die Altstadt, sei es über das »Neue« oder das »Jaffa-Tor«, ist fußläufig erreichbar. Warum wir uns für das YMCA entschieden haben? Hier können wir im »Faran« auch vor dem Fastenbrechen, dem Iftar, essen. Ausgezeichnete Küche, hervorragende Süßigkeiten und exzellenter Kaffee: alles absolut frisch und selbst hergestellt mit den besten ökologisch kontrollierten Zutaten. Auch im besetzten Ostjerusalem gibt es von »Faran« eine relativ neue Gaststätte, aber in Beithanina wird der Ramadan eingehalten.

Also wählen wir das YMCA: das gleiche Restaurant, aber in einer Umgebung, die das moderne Beithanina nicht bieten kann. Das Gebäude blickt auf eine illustre Geschichte zurück. Der Gründer des weltweit ersten YMCA 1844 in London, George Williams, wurde der erste YMCA-Präsident in Jerusalem in einem Haus in der Nähe des Damaskus-Tors. Der zweite Präsident war ein US-Amerikaner, Archibald Harte. Unter seiner Ägide und mit Hilfe der stolzen Summe von einer Million Dollar aus den USA konnte das Land, auf dem das YMCA-Gebäude heute steht, erworben werden. Der Architekt Arthur Loomis Hamon entwarf den Plan. Er hatte zuvor das Empire State Building in New York gebaut, und sein Stil ist unübersehbar beim Blick auf den 46 Meter hohen Aussichtsturm. 1933 erfolgte die Einweihung durch General Edmund Lord Allenby, der Jerusalem 1917 erobert hatte.

Während in Deutschland die Naziherrschaft unter Hitler begann, stand Palästina unter britischer Kolonialherrschaft, durch den Beschluss des Völkerbundes verbrämt als Mandatsregierung. Großbritannien förderte die zionistische Einwanderung gegen die Wünsche der einheimischen palästinensischen Bevölkerung. Dagegen stellte der YMCA sein Prinzip der Anerkennung und Unterstützung der drei monotheistischen Religionen. Ziel war und ist »die Förderung von Frieden, Einheit und Würde der gesamten Menschheit«. Dafür wurde der Verband 1993 für den Friedensnobelpreis nominiert.

Wie sieht die Realität aus? Da sich der YMCA in Westjerusalem befindet, dominiert im Verein die jüdisch-israelische Seite gegenüber der Minderheit der Muslime in Israel und der verschwindend kleinen Gruppe der Christen. Allerdings sitzt an der Rezeption ein christlicher Palästinenser mit israelischer Staatsangehörigkeit, und wir können mit ihm auf arabisch reden. Als wir uns mit einer vorzüglichen Pasta stärkten, war jedenfalls die jüdisch-israelische Präsenz unübersehbar. Doch auf eine Art und Weise, die wir nicht erwartet hätten: Junge Frauen in wallenden weißen Brautkleidern wurden vor dem historischen Gebäude und darin selbst fotografiert – für das zukünftige Hochzeitsalbum. Wie wir erfuhren, ist das keine Ausnahme. Was allerdings heute fehlt, ist der Fußballplatz direkt hinter dem YMCA, jahrzehntelang der einzige professionelle Platz in der Stadt und einst »State of the Art«. Dort stehen inzwischen Wohnblocks mit Luxusapartments. Israel meint wohl, dass das 1991 gebaute »Teddy-Kollek-Stadion« etwas außerhalb ausreicht. Die Kinder und Jugendlichen in der Umgebung des YMCA sehen das anders.

Als wir das YMCA verlassen, blicken wir auf das gegenüberliegende King-David-Hotel. Dort befand sich einst das Hauptquartier der britischen Streitkräfte in Palästina. Die ultrarechte Irgun Zwai Leumi (Nationale Militärorganisation), angeführt vom späteren Nobelpreisträger Menachem Begin, verübte dort am 22. Juli 1946 einen der schlimmsten Anschläge gegen die Briten, die sie als Besatzungsmacht betrachteten: Ein Flügel des Hotels wurde durch die Explosion vollständig zerstört, 91 Menschen wurden getötet. Heute ist das »King David« eines der begehrtesten Luxushotels der Stadt. Die Liste der Staatsgäste umfasst viele US-Präsidenten, von Richard Nixon bis Donald Trump.

Helga Baumgarten ist emeritierte Professorin für Politik der Universität Birzeit und schreibt wöchentlich ihre Kolumne »Brief aus Jerusalem«

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