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Papstreise

Des Papstes Divisionen in Afrika

Papst Leo XIV. hat auf seiner jüngsten Tournee die USA ins Abseits gestellt und sich für Freundschaft zwischen den Völkern stark gemacht

Foto: Guglielmo Mangiapane/Reuters
Der Höhepunkt der Papstreise war seine »Begegnung mit der afrikanischen Jugend« in der Stadt Bata (22.4.2026)

Stalin soll einmal gefragt haben: »Der Papst – hat wie viele Divisionen?« Leo XIV. hat ihm nun die Antwort gegeben – im darauffolgenden Jahrhundert: mit der ersten Reise des gegenwärtigen Oberhaupts der katholischen Kirche vom 13. bis 23. April nach Afrika. Dabei gab Leo einen Eindruck von seiner Anhängerschaft dort: 280 Millionen Gläubige, das sind 20 Prozent der Bevölkerung des Kontinents. Und fast 20 Prozent der Katholiken weltweit sind Afrikaner. Afrika verzeichnet zudem ein starkes Wachstum des kirchlichen Personals mit nach letztem Stand 54.944 katholischen Priestern, Diözesan- und Ordenspriestern. Auch im Bildungsbereich ist die katholische Kirche in Afrika von großer Bedeutung: 27,2 Millionen Kinder sind in katholischen Schulen eingeschrieben, davon 19,4 Millionen in der Grundschule. Der Vatikan spielt in Afrika schließlich im Gesundheitswesen eine wichtige Rolle. Die Caritas ist einer der größten Verbände in der Welt der Nichtregierungsorganisationen. Das sind die »Divisionen« des Papstes in Afrika. Mit der Folge, dass sich das operative Zentrum des Katholizismus nach Süden verlagert, auch wenn die Exekutive im Norden verbleibt.

Algerien zur ersten Station der Papstreise zu machen war ein für viele unerwarteter Zug. Tatsächlich ist das nordafrikanische Land, das das »koloniale« Europa anprangert, aufgrund seiner Geschichte ein wichtiger Bezugspunkt für die christliche Welt. Dort ist der Geburtsort eines ihrer großen Theologen, des heiligen Augustinus. In jüngerer Zeit ist Algerien für Katholiken ein Land der Mission und der Märtyrer. Zwischen 1994 und 1996, während des algerischen Bürgerkriegs, wurden 19 katholische Amtsträger ermordet. Die bekanntesten: die sieben Trappistenmönche von Tibhirine, die im März 1996 entführt wurden. Diese Geistlichen, darunter auch der Bischof von Oran, Pierre Claverie, waren am 8. Dezember 2018 in Oran von Kardinal Angelo Becciu als Märtyrer seliggesprochen worden. In dieses Land begab sich nun Leo XIV., der selbst dem Augustinerorden angehört, um für die Versöhnung zwischen den Religionen und die Freundschaft zwischen den Völkern einzutreten.

Gestärkt durch den erfolgreichen Auftakt, wurden die weiteren Stationen in Afrika – Kamerun, Angola und Äquatorialguinea – zum Triumph für den Papst. Vor allem im Kontrast zu US-Präsident Donald Trump, der Leo noch zu Beginn der Reise verspottet hatte. Durch seine Pilgerfahrt vollbrachte der Pontifex ein »Wunder«: die Schaffung eines neuen Pols in der multipolaren Welt jenseits jeder Form von militärischem oder wirtschaftlichem Pakt. Denn Afrika und der Vatikan haben gemeinsam, dass der Glaube und das Heilige dort alltägliche Realitäten bleiben. Die afrikanischen Völker sind arm, doch Armut ist der höchste Wert im Evangelium Christi. Deshalb hat die Achse Vatikan–Afrika solide Grundlagen.

Allerdings hat der Papst kein Wundermittel gegen die Übel, unter denen die besuchten Länder leiden: insbesondere Kamerun, Angola und schließlich Äquatorialguinea. In Kamerun herrscht ein alter Diktator, Paul Biya, der seit 1982 an der Macht ist. Biya ist geradezu die Karikatur eines autoritären Führers: Korrupt, steinreich in einem Land der Armen, teilt er den Reichtum Kameruns mit seiner Frau. Im benachbarten Äquatorialguinea, wo Leo am vorletzten Tag seiner Tournee in der Stadt Bata symbolisch mit der Jugend Afrikas zusammentraf, gibt es ein ähnliches Szenario. Der Tyrann Teodoro Obiang Nguema, der seit 1979 regiert, ist der am längsten amtierende Machthaber der Welt. Er nutzte den Besuch Leos, um seinen ältesten Sohn Teodorin Nguema Obiang als seinen Nachfolger zu installieren. Seit fast 50 Jahren gehört Äquatorialguinea der Familie Nguema wie ein Privatbesitz, mit Recht über Leben und Tod ihrer Untergebenen, die nicht einmal als Bürger angesehen werden. Am Vorabend der Ankunft des Papstes in der Hauptstadt Malabo wurde Weihbischof Fortunato Nsue Esono, der die Begrüßungsrede für Leo halten sollte, in seiner Residenz ermordet.

Angola zögert, sich von der Ära des 2022 verstorbenen Eduardo dos Santos zu lösen, des Nachfolgers von Agostinho Neto, dem ersten Präsidenten Angolas. Dos Santos hat sich durch die Kunst hervorgetan, den Reichtum des Landes zu verschleudern, unter Mitwirkung mächtiger multinationaler Konzerne wie der Ölfirma Total France und des Konsortiums Fina. Auch João Lourenço, der derzeitige Präsident, hat kein Profil, das Begeisterung für dieses Land wecken könnte, das lange von Bürgerkrieg gezeichnet war. Doch mit seinem Besuch in der schwarzen Welt, zu einer Zeit, in der die mächtigsten Länder mit Getöse und unter Trommelwirbel ihre Waffen aufstellen, hat der Papst nicht nur die USA und Israel lächerlich gemacht, sondern auch eine starke Botschaft gesendet: Es gibt Besseres zu tun, als Unschuldige zu massakrieren. Frieden und Dialog sind möglich.

→ Joaquín Mbomío Bacheng ist Schriftsteller aus Äquatorialguinea

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Erschienen in der Ausgabe vom 30.04.2026, Seite 6, Ausland

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