Zum Inhalt der Seite
Christen in Palästina

Sonnabend des Lichts

Trotz Einschränkungen durch Israels Besatzung können Orthodoxe Ostern in Jerusalemer Altstadt feiern

Foto: Mustafa Abu Ganeyeh/REUTERS
Alles nur Aberglaube? Orthodoxe feiern in der Jerusalemer Grabeskirche Christi Auferstehung (11.4.2026)

Am orthodoxen Ostersamstag – in Jerusalem »Sabt Al-Nur«, »Samstag des Lichts« genannt – ist die Auferstehungskirche endlich wieder geöffnet: für griechisch-orthodoxe, syrisch-orthodoxe, armenische und koptische Christen in Jerusalem. Während der Feierlichkeiten für das »Wunder des Lichts«, die mittags beginnen, riegelt die Polizei inzwischen die Tore zur Altstadt und den Weg zur Kirche hermetisch ab. Jahr für Jahr dürfen weniger Menschen in die Kirche, zur Zeit ist die Zahl auf etwas mehr als 1.000 begrenzt. Israel argumentiert wie immer mit Sicherheit. Aber ab 17 Uhr werden die Absperrungen sukzessive abgeräumt, und wir können endlich in die Stadt und zur Kirche. Überall kommen uns Menschen entgegen, die Kerzen mit dem Licht tragen.

Was genau ist Sabt Al-Nur, und was passiert jährlich an diesem Tag? Der griechisch-orthodoxe und der armenische Patriarch gehen gemeinsam in die Grabeskammer, wo sie zum Gebet niederknien. Dann geschieht das »Wunder«: Aus dem Grabstein Jesu schlägt eine Flamme, an der zuerst der griechisch-orthodoxe Patriarch die mitgebrachten Kerzen anzündet. Mit ihnen tritt er vor das Grab, wo ihn die Gläubigen erwarten. Er ruft ihnen entgegen: »Al-Masih kam«, »Christus ist auferstanden«. Ihm schallt wie aus einem Mund entgegen: »Hakkan kam«, »Er ist wahrhaftig auferstanden«. Dann werden die Kerzen der Wartenden an denen beider Patriarchen entzündet, bis die ganze Kirche im Kerzenlicht erstrahlt. Danach geht die »heilige Flamme« hinaus zu den Wartenden: Jeder entzündet seine Kerze, und Vertreter aller christlichen Gemeinden in Palästina bringen ihre Kerzen nach Bethlehem im Süden, nach Ramallah im Norden und natürlich in den drittwichtigsten christlichen Ort im Lande, nach Nazareth.

Vor dem Krieg warteten die Limousinen der Diplomaten aus mehrheitlich orthodoxen Staaten wie Russland, Ukrai­ne, Serbien, Griechenland und Zypern vor dem Jaffator, um das »heilige Licht« zum Flughafen und von dort in ihre Länder zu bringen. Denn erst dann kann auch dort Ostern beginnen. In diesem Jahr können aber nur Jerusalemer kommen. Niemand aus der Westbank darf in die Stadt, für die Christen aus Gaza gilt das seit 2024. Wegen des Krieges gegen Iran gibt es auch keine Pilgerschaft der orthodoxen Christen, meist aus Griechenland und aus Zypern. Man hört jedoch viel Russisch: Offensichtlich erinnern sich viele der russischen Einwanderer nach Israel ihrer orthodoxen Wurzeln.

Anzeige

Anders als in den Jahren vor dem Völkermord in Gaza ist die Altstadt relativ leer, ebenso wie die Kirche. Wer in die Grabkammer möchte, braucht nur kurz zu warten. In früheren Jahren hätte das eine Stunde oder länger gedauert. Wir gehen zur koptischen Gebetsnische auf der Rückseite des Grabs. Dort spenden wir Kerzen für alle unsere Verstorbenen, ob Christen, Muslime oder Säkulare. Zum Abschluss steigen wir noch hinunter zur armenischen Gebetshalle mit ihrem faszinierenden Mosaik. Eine Treppe tiefer kommen wir an die Stelle, an der Helena – die Mutter des römischen Kaisers Konstantin, unter dessen Herrschaft die Kirche im vierten Jahrhundert errichtet wurde – Reste des Kreuzes von Jesus entdeckt haben soll.

Nur die orthodoxen Christen feiern Sabt Al-Nur mit dem jährlichen »Wunder des heiligen Lichts«. Da unter der Herrschaft der Kreuzfahrer das Wunder ausblieb, erließ Papst Gregor IX. ein Edikt gegen »diesen Betrug«. Einige hundert Jahre später klagten die Protestanten den »Aberglauben« der östlichen Christen und der Palästinenser an. Man möchte ihnen allen die wunderschöne Kurzgeschichte des New Yorker Schriftstellers Philip Roth, »The Conversion of the Jews«, »Die Bekehrung der Juden«, empfehlen. Ein zwölfjähriger jüdischer Junge argumentiert mit seinem Rabbiner über die Allmacht Gottes: Wenn denn Gott allmächtig ist, so der Junge, dann kann er es doch auch ermöglichen, dass eine Jungfrau ein Kind gebärt. Wenn also Katholiken aus Rom und Protestanten aus dem Westen glauben, dass eine Jungfrau Jesus zur Welt brachte, dann sollte Gott doch in der Lage sein, jedes Jahr das heilige Licht in Jerusalem zu entzünden.

Wir jedenfalls nehmen teil an der österlichen Freude. In einem kleinen armenischen Restaurant nahe dem Neuen Tor genießen wir unsere armenische Pizza und sind erleichtert und glücklich, endlich wieder in der Altstadt zu sein und zu feiern. Denn Sabt Al-Nur ist das Fest überhaupt in Jerusalem, wie eine muslimische Freundin, die aktive Kommunistin ist und Spross einer uralten ortsansässigen Familie, argumentiert.

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 14.04.2026, Seite 6, Ausland

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!