Ramadan unter israelischem Beschuss
Von Helga Baumgarten
Der Ramadan ist ein ganz spezieller Monat in Palästina. Familien sitzen täglich zum Iftar, zum Fastenbrechen, zusammen. Man unterhält sich in Ruhe, ohne Stress. Besucher, vor allem Verwandte und Freunde, kommen, und es werden immer gemütliche und lange Abende. Wer möchte, geht nach dem Iftar zum speziellen Ramadangebet in die Moschee, zu den Tarawih. Aber hier beginnen schon die Probleme. Denn wie kommen palästinensische Muslime heute nach Jerusalem, um in der Aksa-Moschee zu beten? Wer bekommt dafür überhaupt die Erlaubnis der Herren des Landes?
Rechtzeitig zum ersten Fastentag am Mittwoch wurden neue Vorschriften erlassen. Einerseits dürfen nun extremistische israelische Siedler vormittags eine Stunde länger zum Haram Al-Scharif, für sie der Tempelberg, um dort zu provozieren – ein weiterer Bruch des Status quo, wie er 1967 durch die damalige israelische Regierung festgelegt worden war. Andererseits ist schon die Zahl der Muslime aus der Westbank, die zum Freitagsgebet zum Haram dürfen, begrenzt: 10.000. Außerdem gibt es klare Bestimmungen zu den Altersgrenzen: Frauen müssen mindestens 50, Männer 55 Jahre alt sein. Und sie müssen jede Woche einen neuen Antrag stellen, verbunden mit scharfen Sicherheitskontrollen. Die israelische Armee hat an ihrem Kontrollpunkt Kalandija am ersten Freitag morgen dieses Ramadans menschenverachtende Praktiken angewandt, wie Al-Dschasira live berichtete. Wegen politischer Differenzen mit Ankara ist türkischen Muslimen das Gebet in der Aksa-Moschee inzwischen verboten. Auch vielen Jerusalemern ist der Zugang verwehrt, darunter führenden Geistlichen wie dem ehemaligen Mufti Scheich Akrima Sabri, auch wenn er im Rollstuhl sitzt.
Die Minister Itamar Ben-Gvir und Bezalel Smotrich haben klare Pläne veröffentlicht: Der Tempelberg gehört natürlich den Juden. Die Westbank wird sukzessive unter israelische Kontrolle genommen und annektiert. Die »Auswanderung« der Palästinenser, besser ihre Vertreibung, soll intensiviert werden. Derweil gehen Häuserzerstörungen, Armeeangriffe und Siedlerattacken ununterbrochen und täglich schlimmer weiter, vom Norden in Dschenin bis in den Süden nach Masafer Jatta. Wer zur falschen Zeit am falschen Platz ist, wird erschossen, egal ob Mann, Frau, Kind oder Greis.
In Gaza ist es inzwischen der dritte Ramadan, während die Menschen versuchen, einen Völkermord zu überleben. Von einem Waffenstillstand spüren sie nichts. Trumps gefeierter Frieden ist leider nicht in Gaza angekommen. Dennoch bestehen zahllose Familien darauf, den Ramadan doch irgendwie festlich zu begehen: Sie schmücken ihre Zelte mit Farbbändern oder kleinen Fahnen – was immer aufzutreiben ist. Die Hausfrauen versuchen, ein gutes Essen für den Iftar vorzubereiten. Wer kein Geld zum Einkaufen hat, erhält von islamischen Wohltätigkeitsorganisationen vorbereitete Mahlzeiten. Al-Dschasira zeigt, wie in deren Großküchen Essen vorbereitet und rechtzeitig zum Iftar verteilt wird. Keiner soll hungern im Ramadan. Und in Kindergärten und Schulen und in Nachbarschaften singt und feiert man mit den Kindern – obwohl die Heranwachsenden sich wehmütig an die Zeiten erinnern, als sie – ohne Völkermord und ständige Todesgefahr – die Ramadantage genießen durften.
Sehr viele jüdische Israelis nehmen den Ramadan heute nur als bedrohliches »Fest von Terroristen« wahr. Dagegen wendet sich Avraham Burg, ehemaliger israelischer Parlamentspräsident, in einem aktuellen Eintrag auf seinem Substack-Blog. Für ihn ist der Fastenmonat »eine der eindrucksvollsten sozialen Einrichtungen, die je von einer der monotheistischen Religionen geschaffen wurde. Der Ramadan umfasst lange Tage persönlicher und kollektiver Praxis zur Stärkung von Selbstdisziplin. Das Fasten ist auch ein Weg, Wut zu zügeln und verbale Gewalt und Grobheit zu vermeiden. Der Ramadan stärkt zudem die Empathie mit den Armen und Hungrigen, er ist ein Monat der sozialen Solidarität, quer durch alle Klassen.«
Helga Baumgarten ist emeritierte Professorin für Politik der Universität Birzeit und schreibt wöchentlich ihre Kolumne »Brief aus Jerusalem«
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