Zum Inhalt der Seite
Literatur

Ein schöner Morgen

Der gräuliche Herr Buchhalter verlässt das Haus, schließt die Tür und will zur Bushaltestelle gehen. Da sieht er eine Krähe in der kalten Morgensonne schwarz schillernd mitten auf der Straße herumstolzieren. Der Buchhalter freut sich, geht vorsichtig zwei Schritte auf die Krähe zu und zwitschert sie dabei leise an. Sie bleibt stehen, guckt, fliegt aber nicht weg. Er zwitschert, sie lauscht.

Ein Auto kommt von rechts, der Buchhalter läuft langsam zum gegenüberliegenden Gehsteig, die Krähe beobachtet ihn. Das Auto kommt näher, jetzt folgt der schwarze Vogel dem Buchhalter. Der geht in Richtung der Kreuzung und zwitschert, und die Krähe trippelt an seiner Seite. Am Ende der Straße schwingt sie sich auf, fliegt auf den Dachsims des Hauses gegenüber und blickt über die Kreuzung.

Der Buchhalter sieht ihr entzückt nach, wartet am Fußgängerüberweg und denkt sich, wenn mich der Schlag trifft und sie mich ausschlachten, sollen die Krähen meine Augen kriegen. Er lacht in sich hinein, ja, ich werde meinen Organspenderausweis ändern müssen.

Die Ampel wird grün, der Buchhalter geht los, lacht wieder und dreht sich noch einmal um nach der Krähe auf dem Dach. Ein Auto bremst, es kracht, jemand schreit.

Aber die Krähen haben die Augen nicht gekriegt.

junge Welt

Unabhängiger Journalismus braucht deine Unterstützung.

Bezahlmethoden:

Mit Absenden erklärst du dich mit der DSGVO-konformen Datenverarbeitung einverstanden

Erschienen in der Ausgabe vom 11.11.2020, Seite 10, Feuilleton

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!