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Film

Er kennt die Knöpfe

Die ultimative Querfront: Uwe Boll und die Bürgerpflichten

Foto: Armie Hammer/Boll Films
Nicht richtig gelüftet? Ein Vermieter sieht rot (Armie Hammer)

Anyplace, Europa, eine Mutter geht einkaufen. Plötzlich wird sie bestialisch abgestochen. Von einem Ausländer, einem Schwarzen – schon wieder ein Mord durch einen »undocumented migrant«, berichtet die gelangweilte Nachrichtensprecherin in Uwe Bolls neuem Film »Citizen Vigilante«. Die heißen Eisen packt er an: Uwe Boll ist zum Reconquistador geworden. »I am not a Nazi«, proklamiert der Regisseur gegenüber der konservativen britischen Tageszeitung Daily Telegraph, seit März in der Springer-Familie. Dazu outete er sich als früherer Sozialdemokrat und lobte Schröder, der die einzige funktionierende Wirtschaftsreform in Deutschland umgesetzt habe.

Boll ist für Trashkino bekannt, low budget, finanziert durch Medienförderung und Steuerschlupflöcher. Früher kaufte er Lizenzen für Videospieladaptionen, verfilmte dann etwas, das nicht viel mit der Vorlage zu tun hatte. Immerhin hat er dem indizierten Skandal-Ego-Shooter »Postal 2« eine kohärente Handlung verpasst, durchaus unterhaltsam, viele erkennen darin eine »Live-Action-Version« von »South Park«. Ohne Skandal geht’s nicht: Filme über Amokläufe, einen über den Anschlag in Hanau vom 19. Februar 2020 – entgegen den Bitten der Angehörigen veröffentlicht. Als ein Teaser »Auschwitz« (2011) ankündigte, war klar: Gaskammern, Uwe Boll, das polarisiert, die Aufmerksamkeitsökonomie wurde gefüttert. 2006 lud er einige Filmkritiker zu einem Boxkampf ein, gewann alle fünf Kämpfe. Sollte der Autor dieser Zeilen eine solche Einladung erhalten, würde er wohl sterben, lieber sendete er als Champion den jW-Bauern- und Boxreporter.

Boll besetzt gern große Namen: Jason Statham, Ray Liotta oder Ben Kingsley. Diesmal hat der Auteur Armie Hammer (»Call Me by Your Name«, »Codename U.N.C.L.E.«) für die Hauptrolle gewinnen können, was nicht schwer gefallen sein dürfte: Vorwürfe sexueller Gewalt und die Veröffentlichung eigenwilliger Chatprotokolle mit Kannibalismusphantasien haben Hammers Karriere nicht geholfen. Im Interview mit dem Daily Telegraph äußert Boll auch sein Interesse, mit Kevin Spacey zu arbeiten – er kennt die Buzzwords, triggert das Publikum, schwer ist das nicht. In Deutschland sei der Film »zensiert«, erfährt der Leser des Telegraph. Ist dem so? Ein klares Jein: Von der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft hat die Produktion keine Altersfreigabe erhalten, Todesstoß fürs Marketing, zu heiß für die meisten Kinos. Sie dürften ihn nur vor einem ausschließlich erwachsenen Publikum vorführen, Streamingdienste ihn nur mit wirksamer Altersverifikation anbieten, beworben werden dürfte er jeweils nur so, dass Minderjährige nicht erreicht werden können. Indiziert oder strafrechtlich verboten ist er nicht.

An der Werbung wird’s nicht scheitern. Negative Publicity ist halt auch … Sie wissen, was ich meine. Für 48 Stunden hatte Elon Musk den Film vorletzte Woche zum kostenfreien Stream auf X zugänglich machen lassen. Boll ist im rechten Kulturkampf angekommen. Ob er wirklich dahintersteht: unklar, aber auch egal. Er ist Geschäftsmann, zynisch wittert er den Skandal, drückt die richtigen Knöpfe.

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Worum geht es eigentlich? Einen ehemaligen US-Soldaten zieht es nach Europa, Ort offen, ein einiges Europa wird unterwandert, Hrvatska steht an Gebäuden. Die Stadt ist Zagreb, günstiger Drehort. Alle kroatischen Schauspieler sprechen Englisch. Hammer ist der Vigilante Sanders, konzeptionell eher Marvels Punisher als Batman, trotzdem sollte der Film ursprünglich »The Dark Knight« heißen. Überraschenderweise verwehrte sich Warner Bros. Abermals: Aufmerksamkeit generiert. Jugendliche fahren schwarz – da ist Hammer noch wohlwollend. Später betreiben sie Mobbing – Knochen bersten. Ausländer vergewaltigen eine junge Frau, die Gerichte sind zaghaft. (Boll bezieht sich auf eine Gruppenvergewaltigung in Hamburg 2023, die Täter kamen mit einem Urteil nach Jugendstrafrecht recht glimpflich davon.) Der Rächer ermordet gleich die ganze Familie.

In der verfilmten »Kritik der praktischen Vernunft«, also »Muxmäuschenstill« (2004), Meilenstein des deutschen Films, drückt Drehbuchautor und Hauptdarsteller Jan Henrik Stahlberg das Gesicht der Hundehalterin in den Kothaufen, den sie abermals nicht eingetütet hatte, Boll hingegen das Gesicht der Zuschauer, sobald sie das Videotagebuch von Hammers Vigilantenfigur sehen müssen: bisschen Ayn Rand, bisschen schwäbischer Vermieter mit Liegenschaften in Berlin. Der Miethai stolziert durch ein Laufhaus. Der anschließende Akt findet ein jähes Ende. Schimmelflecken an der Decke, aber hallo! Sanders hält der Prostituierten einen Vortrag: Wie richtig lüften. Das ist seine Immobilie! Trollt Boll auch sein rechtes Publikum? Kann jemand das noch ernst nehmen? Die ultimative Querfront, die Verschmelzung: Martin Sellner und Ihr Vermieter? Später setzt er einen seiner Angestellten darauf an, Anwälte zu mobilisieren, um die zehn Prozent Mieter, die nicht pünktlich zahlen, auf die Straße zu setzen – und den Sozialstaat aus den Angeln zu heben.

Sein Antagonist Henry von Interpol (bemerkenswert: allerhand Figuren haben einfach keine vollständigen Namen) vermutet anfänglich hinter den Morden des Vigilanten russische Dienste. Am Krankenbett wird er der Jim Gordon für den Sanders-Batman. Dort liegt er, denn Uwe hat gebollert, Copy and Paste eines der vielen Youtube-Videos à la »Kaminfeuer 4k (12 Hours)« mit gigantischer Explosion. Es tut weh, ein Sequel zieht man schon in Erwägung.

Charles Bronson sah rot in »Death Wish« (1974), Clint Eastwood nahm in »Dirty Harry« (1971), als festangestellter Mann des Gesetzes, das Gesetz in die eigene Hand – alles Produkte ihrer Tage, ihrer Kulturkämpfe. Doch Bolls Sanders »ist nicht der Held, den wir verdient haben, aber der, den es gerade braucht. Ein stiller Wächter, ein wachsamer Beschützer.« Ein Vermieter, der dir im besten Fall ins Gesicht schießt oder dich wegen Nichtigkeiten auf die Straße setzt.

»Citizen Vigilante«, Regie: Uwe Boll, Kroatien/BRD 2026, 89 Min., seit dem 19.6. irgendwo im Netz

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Erschienen in der Ausgabe vom 07.07.2026, Seite 11, Feuilleton

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