Zum Inhalt der Seite

Herr Doktor lassen denken

Foto: Tristram Kenton
»Man invented morals but AI have none.« (frei nach »Peter Grimes«)

Ich sitze da und spucke Pistazienschalen in die Rabatten, während ich auf den Rücktritt von Mario Voigt warte. Der nach Ramelow zweitpeinlichste Ministerpräsident der Thüringer Geschichte hat sich wieder beim Abschreiben erwischen lassen. Anfang Juni druckte Die Welt einen Gastbeitrag von Voigt und seinem Ministerpräsidentenkollegen Sven Schulze aus Sachsen-Anhalt mit dem Titel »Wir brauchen mehr Raum (!) für deutsche Stimmen«. Darin fordern die beiden CDU-Raumpfleger eine ­Quote für deutsche Musik im Radio. Kurz darauf musste die Erfurter Staatskanzlei einräumen, dass künstliche Intelligenz beim Abfassen des Artikels am Werke war. Seitdem haben lästige Kollegen wie die von »Frag den Staat« herausgefunden, dass »ein Großteil der Texte und Reden aus Voigts aktueller Amtszeit offenbar größtenteils durch KI generiert worden« ist. Wegen exzessiven Spickens hatte die TU Chemnitz erst im Januar seinen Doktortitel kassiert, nun prüfen Richter die Sache.

Abschreiben ist auch Glückssache. In »ihrem« Artikel für Die Welt heißt es, Musik stifte Identität, und als Beispiele dienten Bach und – ausgerechnet – Händel. Dabei wollte der mitnichten deutsche Identitäten stiften, sondern ging stiften und heuerte am englischen Königshof an. Am Ende wird auch aus der Deutschquote nichts werden, aber beachtliche KI-Quoten in offiziellen Regierungstexten hat Super Mario schon erreicht. Seine Ansprache bei einem Gedenkakt für die Opfer des Faschismus war zu einhundert Prozent KI-generiert, rechnete das Analysetool Pangram aus, was in Erfurt unwidersprochen blieb. – Ist der Kunde echt noch im Amt? Die Pistazien werden knapp.

Zu den Vorschlägen für die nächsten sieben Tage im Radio: Im Feature → »Inside ›Private Equity‹« wird über den Raubzug feiner Investoren berichtet, die Altenpflegeheime aufkaufen, um sie auszupressen (DLF 2025, Di., 19.15 Uhr, DLF). In den »Dimensionen« staunen Neurobiologen über die natürliche Intelligenz einer Spezies mit neun Gehirnen: → »Die wundersame Welt der Kraken« (Mi., 19.05 Uhr, Ö 1). Die Schweizer Kollegen von SRF 2 Kultur machen → »Die offene Rechnung« auf und fragen, was die USA ihren Schwarzen schulden (Fr., 20 Uhr).

Anzeige

→ »Fänggen« ist ein neues Hörspiel über ein Bergdorf, in dem finstere Vergangenheit herumspukt (BR 2026, Ursendung, Fr., nach 20.03 Uhr, Bayern 2). Auch spooky: → »Die dunkle Aufklärung« der Techfaschisten vom Schlage Peter Thiels, die »Feature-Zeit« beleuchtet die Schattenmänner des siechen Imperiums (Sa., 9.05 Uhr, SR Kultur). Die Scheinwerfer im Londoner Royal Opera House haben auf Benjamin Brittens → »Peter Grimes« gehalten, am Samstag abend läuft ein Mitschnitt aus dem Mai (Sa., 19.05 Uhr, DLF Kultur). Für die Krimi-Mimi gibt es als Betthupferl → »Das unheimliche Dorf«, ein Stück aus der Feder des Briten Rodney David Wingfield (BR 993, Sa., 20.03 Uhr, Bayern 2).

Am Sonntag nachmittag stehen zwei Hörspielpremieren zur Wahl: → »Die Welt zwischen den Nachrichten« von Judith Kuckart (SWR 2026, 18.20 Uhr, SWR Kultur) und → »Südliche Autobahn« von Julio Cortázar (DLF 2026, So., 18.30 Uhr, DLF Kultur); der Argentinier ließ in seinem Klassiker von 1966 einen ewigen Stau entstehen, aus dem keiner mehr herauskommt. NDR Kultur bietet eine Produktion von den Internationalen Händel-Festspielen Göttingen im Mai, → »Die Geschichte vom Soldaten« von Igor Strawinsky, ergänzt um die Pestkantate »Wie liegt die Stadt so wüste« von Matthias Weckmann (So., 21.30 Uhr). Und am Montag bringt Ö 1 den frisch prämierten → »Gewinnertext Bachmannpreis 2026« (11.05 Uhr).

Themen:
→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 23.06.2026, Seite 14, Feuilleton

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!