Helfer
Nietzsche fragte sich: »Ist es euch selber zuträglich, vor allem mitleidige Menschen zu sein? Und ist es den Leidenden zuträglich, wenn ihr es seid?« Ich komme zwecks Beantwortung noch einmal auf den kenianischen Ökologen Mordecai Ogada (siehe jW vom 9. Juni) und seine Kritik am Naturschutz in Afrika zurück. Für Ogada besteht der größte Fehler beim Naturschutz darin, die Menschen zu vergessen. Die Zeitschrift Geo hatte ihn gefragt: »Wer lügt?« Er antwortete: »Sobald jemand denkt, er wäre ein Retter: Das ist der Moment, in dem alles schiefgeht. Es gibt keine Heilsbringer. Man muss nicht nach Afrika gehen und Elefanten retten.«
Als Beispiel erwähnt Ogada eine NGO, die im Norden Kenias ein Schutzgebiet für Nashörner eingezäunt hat: »Dort gibt es gutes Weideland und dauerhaft Wasser. Die Gegend ist sehr trocken, also ist Wasser sehr wichtig. Wegen des Zauns können aber die Menschen dort ihre Herden nicht mehr tränken. Sie zerschneiden den Zaun und werden verhaftet. Das ist ein Konflikt, den es ohne Zaun nicht gäbe. Naturschutz ist nicht nur Biologie. Er ist Soziologie, Geschichte, Politik, Anthropologie. Diese Nashörner leben nicht auf einer einsamen Insel. Und somit trägt die Wissenschaft zur Apartheid bei. In den Anzeigen sieht man weiße Touristen, Savanne bis zum Horizont und sonst keine Menschen. Sie lassen mit Photoshop Dörfer verschwinden und preisen ein Produkt an, das nicht existiert. Naturschutz ist der neue Kolonialismus. Früher nahm man den Afrikanern das Land mit Gewalt ab. Heute ist das nützlichste Werkzeug, um an Land zu kommen, ein Nashorn.«
Mitleidige Retter gab und gibt es auch hierzulande. Wollen sie Land gewinnen? Es waren zunächst begüterte Ehefrauen, die in die Armenbezirke gingen, um den Familien dort christliche Nächstenliebe, Sauberkeit, Ordnung und Nüchternheit zu predigen. Sie waren die ehrenamtliche Hilfstruppe von Pfarrern und Priestern. Der Hintergrund für so ein Engagement war nicht zuletzt die Angst des Bürgertums vor Seuchen und Aufständen. Das änderte sich auch nicht, als der Journalist Henry Mayhew in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts systematisch die Lebensbedingungen in den Londoner Slums studierte – und 1851 publizierte. Wenig später taten es ihm deutsche Armutsforscher nach – zunächst im Arbeiterbezirk Friedrichshain. Parallel dazu entwickelten sich dann aber auch die ersten Hilfsorganisationen und Suppenküchen.
Die ehrenamtlichen Helfer werden besonders gerne von konservativ-reaktionären Politikern motiviert, die ansonsten vor allem dem Kapital zugute kommende Maßnahmen und Gesetze beschließen. Auch jetzt wieder. Seit einiger Zeit sind denn auch erneut die begüterten Ehefrauen und ansehnlich lächelnden Damen aus der Mittelschicht dabei. Sie bekommen gelegentlich Geldpreise für ihr hilfreiches Engagement.
Bild der Frau wirbt mit ihren Porträts in den Bahnhöfen. 2026 beglückwünschte sie fünf Preisträgerinnen, mit denen sie zuvor geworben hatte. Rita Ebel: »Wir bauen Brücken für mehr Teilhabe«; Charlotte Arnold: »Wir lassen junge Mütter mit Krebs nicht allein«; Jermabelle Westner: »Wir helfen Kindern raus aus den Armutsbezirken«; Dr. Juliane Kronen: »Wir verwandeln Überfluss in Hilfe«; Kara Schott: »Wir sorgen dafür, dass Mensch und Tier zusammenbleiben.« Weil die Armut zunimmt, wirbt deswegen eine Dame zur Zeit für ihr Projekt »Wir helfen Kindern in Armutsbezirken«.
Rita Ebel, auch »Lego-Oma« genannt, hat neben ihrem Mann ein Dutzend Helfer, mit denen sie an Treppen Rampen für Menschen mit Behinderungen aus Legosteinen baut. Im Juli hat man sie damit in die Vereinigten Staaten eingeladen zu dem Baptistenkongress »Social Inclusion – Two-Way Empathy«.
In den USA, wo der Staat derartiges traditionell bürgerschaftlichem Engagement überlässt, werden solche Initiativen auch gerne von Künstlern und Wissenschaftlern übernommen. So unterbrach 1987 zum Beispiel ein New Yorker Fotograf sogar sein Berlin-Stipendium, um nach Hause zu fliegen, wo er vor einer Kirche für die Verteilung von Essen für Obdachlose eingeteilt worden war. Andy Warhol formulierte diesbezüglich einmal einen Verbesserungsvorschlag: Statt regelmäßig Lebensmittel zu verteilen, sollte man lieber für anständige Toiletten und Duschen in der Stadt sorgen und Kleidung für die Obdachlosen zur Verfügung stellen, dann könnten sie sich jederzeit bei Vernissagen und Premieren einfinden und dort kostenlos essen und trinken.
Auch in Berlin gab es bis 1989 bei Ausstellungseröffnungen in vielen Galerien noch belegte Schnittchen, Wein, Bier und Mineralwasser für jeden. Ich kannte vier Arme, die dieses Angebot regelmäßig nutzten und sich dabei in Kunst schulten. Seit den Neunzigerjahren gibt es statt dessen nur noch Tafeln, an denen Ehrenamtliche (in der Nachwende-DDR auch ABM-Kräfte) Lebensmittel an Bedürftige austeilen, sogar Tierfutter – für arme Hunde- oder Katzenbesitzer. Inzwischen haben die über 980 deutschen Tafeln mit ihren 77.000 Helferinnen einen eigenen Dachverband. Er bildet mit der Dachser Food Logistics eine »Allianz für Lebensmittelrettung«. Sie sammelt pro Jahr rund 265.000 Tonnen Lebensmittel ein, und die Tafeln geben diese an rund 1,5 Millionen Menschen weiter.
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Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
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