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18.03.2026
- → Feuilleton
Am magischen Berg
Katharina Schmidts Buch über Sigmar Polkes Künstlerreise nach Südostasien und Ozeanien
Im März 1980 brach Sigmar Polke (1941–2010), begleitet von seiner damaligen Lebensgefährtin Britta Zoellner, nach Indonesien auf, um sich auf Bali in ruhiger Atmosphäre für drei Monate seiner Malerei zu widmen. Doch vor Ort entschied sich Polke anders. Er rührte keinen Pinsel an, sondern reiste mit seiner Begleiterin bis Anfang 1981 von Indonesien über Singapur nach Papua-Neuguinea, Australien, Tasmanien, Malaysia und Thailand. Katharina Schmidt zeichnet in ihrem brillanten Buch »Sigmar Polke – Die Reise 1980–1981« diese kaum bekannte Künstlerreise und die von ihr ausgehende Inspiration für danach entstandene Polke-Werke nach. Zoellner stellte Schmidt ihre Taschenkalender der Jahre 1980 und 1981 zur Verfügung, in denen in knapper Form festgehalten wurde, was das Duo Zoellner/Polke während seiner Reise unternommen hat. Schmidt begnügt sich jedoch nicht mit einer einfachen Nacherzählung, sondern bietet landeskundliche, ethnologische, kulturgeschichtliche, zoologische, botanische sowie politische Informationen zu den von Zoellner und Polke bereisten Regionen. Das Buch ist dadurch mehr als nur die Rekonstruktion dieser Reise. Es bietet der Leserschaft jede Menge Material, sich dem Werk Polkes auf neue und intensivere Weise zu nähern.
Polke, der eine ausgeprägte Affinität zu textilem Material hatte, zeigte auf Bali bei den Bali Aga großes Interesse für die in einem aufwendigen Webprozess hergestellten Doppelikattücher. Von einem Künstler lässt er sich das Zeichnen auf Lontar-Palmblättern zeigen. In Kotagede bestaunte Polke, der an allem Interesse hatte, was die Natur betrifft, eine asiatische Weichschildkröte. Eines seiner Fotos von Parangtritis, wo der Legende nach die mächtige Meeresgöttin Ratu Kidal residiert, deutete Polke später um, indem er es mit einem Titel nach Caspar David Friedrich versah. Polke, schon vor der Reise an Gamelan interessiert, zeigte sich von Gamelan-Aufführungen auf Bali, Java und Lombok beeindruckt: »In Java versammeln sich fünfzehn Personen, jede mit einem Schlaginstrument in der Hand und einem Gong oder einer Trommel vor sich. Jede spielt ihren eigenen Klang und hört gleichzeitig den anderen zu: So entsteht eine Melodie, der Beginn der Kultur.« Polke genoss das Farbschauspiel, das der Kratersee Telaga Warna bot – das Gelb, Gelbgrün, Türkis, leuchtende Blau kann ins Rosafarbene, ins Rötliche übergehen. Auf Sumatra studierten Zoellner und Polke die Kultur der Minangkabau, ihre soziale Ordnung und Architektur. In Indonesien, wo Suharto – ein Freund von Helmut Kohl – von 1967 bis 1998 diktatorisch regierte, empfand Polke den Einfluss der über 300 Jahre langen, vorwiegend niederländischen Kolonialherrschaft als Last. In Papua-Neuguinea sahen sich die beiden Reisenden in besonderem Maße mit der Kolonialgeschichte konfrontiert.
Polke ging seinem Interesse an tropischen Tieren nach und bestaunte auf einer Farm die Kasuare, große, flugunfähige Laufvögel. Er konnte in ein Baumhaus steigen, ähnlich dem, welches er 1976 gemalt und das J. W. Lindt 1895 erstmals bei den Koiari fotografiert hatte. In Schmidts Kommentar zu diesem Reiseerlebnis heißt es: »In diesem respektive einem solchen Haus wie in einem Nest angekommen zu sein und zugleich einer völlig veränderten Realität und Zeit, gehört zu Polkes wesentlichen Erfahrungen während dieser Reise.«
An der Nordküste gerieten Zoellner und Polke auf die Spuren von Deutsch-Neuguinea, »der unseligen ersten Kolonie des Deutschen Kaiserreichs«. Hart traf sie auch die Konfrontation mit der tasmanischen Kolonialgeschichte. Der brutalen Landnahme war binnen kurzer Zeit die komplette Vernichtung der gesamten indigenen Tasmanier durch die Briten gefolgt.
In Australien erwies sich besonders der Besuch des Henbury-Meteoriten-Kraters als folgenreich. Meteoriten erhielten in der Folge einen besonderen Stellenwert in Polkes Kunst. Viel Zeit verbrachte das Paar damit, den aus der australischen Halbwüste emporragenden Sandsteinmonolith Uluru/Ayers Rock zu erkunden. Ihr Interesse galt nicht nur dem geologischen Phänomen, sondern sie erkundeten den Uluru in Kenntnis seiner Entstehung laut der Mythologie der Ureinwohner, die sie durch die Lektüre der Publikationen des australischen Forschers und Fotografen Charles Mountford erlangt hatten. Nahezu manisch mutet laut Schmidt ihr Versuch an, alle Steine, Schluchten, Höhlen, Wasserlöcher aufzufinden, die Entstehungsgeschichte des Berges nachzuerleben. »Die drei Wochen in Nähe des magischen Berges«, so die Autorin, »bedeuten vielleicht die wesentliche Erfahrung dieser ›schweigsamen Reise‹.« Etwa 30 Kilometer südwestlich des Uluru erheben sich die »Türme« des Kata Tjuṯa/Mt. Olga. Polke sollte 1981 den Farben, Spalten, Klüften und Hohlräumen dieses Sedimentgesteins eine elfteilige Fotoserie mit dem Titel »Les Olgas/Die Olgas« widmen.
1984 erklärte Polke in einem Interview, nach seiner Rückkehr von der langen Reise habe er angefangen, über Farbe nachzudenken sowie über die Beschränkung auf eine Farbe, die Monochromie. Diesem Nachdenken korrespondierte der Malprozess mit allen nur erhältlichen reinen Farbpigmenten sowie mit für die Malerei recht atypischen Materialien – Bleimennige (auch Pariser Rot genannt, ein leuchtend rotes, giftiges Bleioxidpigment), Arsen, Aluminium, Barium, Eisen, Kalium, Mangan, Silbernitrat oder Zink. Aus Australien hatte Polke in einem mit Blei ausgeschlagenen Holzkistchen einen Brocken Uranerz mitgebracht, den er für seine zum Thema Radioaktivität entwickelte Werkgruppe verwendete. Laut Schmidt stand im ersten Jahrzehnt nach der Rückkehr für Polke die Farbe im Vordergrund, was jedoch die Auseinandersetzung mit anderen Themen, auch solchen von globaler Bedeutung, nicht ausgeschlossen habe, auf die seine Aufmerksamkeit verstärkt gelenkt worden war. Spuren, die zurückweisen auf Erfahrungen der Reise von 1980/81, so Schmidt, lassen sich bis in die späte Arbeitsphase von Polke verfolgen, seien jedoch nicht vordergründig erkennbar.
Katharina Schmidt: Sigmar Polke – Die Reise 1980–1981. Scheidegger & Spiess, Zürich 2025, Großformat, 432 Seiten, 68 Euro
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