Die schwarze Macht des Marktes
Von Jürgen Schneider
An diesem Dienstag ist St. Patrick’s Day. Der heilige Patrick, Irlands Schutzpatron, angeblich Sohn eines römischen Offiziers, der in der Provinz Britannia stationiert war, hat einst die Mauren aus Irland vertrieben. Bis zum heutigen Tag hält sich freilich hartnäckig die Mär, es seien von ihm im 5. Jahrhundert mittels einer eisernen Glocke die Schlangen vom Cruachán Aigle in der Grafschaft Mayo (dem Berg, der heute Cruach Phádraig heißt) und somit von der gesamten Grünen Insel ein für alle Mal verscheucht worden. Menschen in aller Welt stoßen jedes Jahr am 17. März, dem St. Patrick’s Day, mit Guinness auf diesen Humbug an. Fakt ist, dass es im nacheiszeitlichen Irland keine Schlangen gab. Bis zu seinem Tod – möglicherweise in der Grafschaft Down im Norden Irlands – soll der heilige Patrick tausende Iren zum christlichen Glauben bekehrt haben. Moderne Untersuchungen über Patrick gehen von einer Theorie von zwei Patricks aus. Demzufolge wurden nachträglich viele Informationen Patrick zugeschrieben, die aber ursprünglich Palladius betrafen, der 431, also ein Jahr vor seinem Glaubensbruder, als Missionsbischof aus Gallien nach Irland gekommen sein soll.
Der deutsche Wortpilot Jürgen Ploog (1935–2020) vertraute sich wiederholt auch am 17. März seinem Tagebuch an. So etwa am 17. März 1991 an seinem Wohnort Frankfurt am Main: »In einer Joyce-Besprechung (›Ulysses‹) ist ›von der Angst vor der von Fragmentierung befallenen klassischen Moderne‹ die Rede, die die eigene ›Epoche als Chaos‹ begreift. Frage ist, was seitdem passiert ist. Ich gebe zu bedenken, ob die zeitgenössische Literatur nicht ins Sagliche, unverbindlich Formale geflüchtet ist, ob sie nicht gänzlich abgedankt hat von allen Themen & Nöten der Gegenwart. Es scheint mir, dass Beckett vorerst der letzte war (& mit ihm Kafka), der auf die Herausforderungen der Zeit noch einging. Inzwischen scheint der Faden gerissen, Realität & die Antworten des Bewusstseins haben kaum noch etwas miteinander zu tun.
In ›Ulysses‹ ist zu vernehmen, dass ›die Unterscheidung von wichtiger & unwichtiger Information nicht mehr vom Autor (oder Erzähler) vorgenommen wird‹. Dies würde ich als Materialität des Inhalts bezeichnen, die auch dem Schnittverfahren zugrunde liegt. Joyce (an dessen Totenbett sich das Buch ›I Follow St. Patrick‹ von Oliver St. John Gogarty fand) folgte dem Prinzip, ›dass es beim Schreiben (& Lesen) zunächst nur Details gibt, kein Ganzes & dass literarischer Sinn durch Bloomsday = 16.6.1904 aufmerksames Recycling der Vertrauten entsteht‹. Nicht anderes läuft im Schnittprozess ab, wo Joyce (unbenommen) ein Pionier war, wird durch das Cut-up-Verfahren prozessual, das heisst zu einem kongenialen Instrument. So dass der post-moderne, lieber würde ich sagen spät-moderne Ansatz zu einer erprobten, auch anerkannten Anwendung post-experimenteller Vorgehensweise wird.«
Dieser Auszug aus Ploogs Tagebüchern wurde dem jüngst veröffentlichten Schreibheft Nr. 106 entnommen. Er erschien dort unter der Überschrift »Jürgen Ploog – Im Flug über die Jahre. Tagebuch 1964–2018.« Ob sich ein Verlag finden wird, der die Tagebücher komplett veröffentlicht, ist angesichts des Dünkels und der Ignoranz, mit der die das Schreiben im zarten Saitling und Wohlfühlgeblubber pflegenden Gschaftlhuber des etablierten Literaturbetriebs Ploog begegneten, mehr als fraglich. »Die alten Zöpfe, ein System toter Handelssprache … worum geht es eigentlich? Den bornierten Eigentumsdeutschen borniertes Eigentumsdeutsch anzudrehen«, notierte Ploog am 26. September 1970 und ergänzte am 28. Juni 1992 angesichts der langen Zeit, in der ein Hans Sahl (1902–1993) ignoriert wurde: »Der Veröffentlichungsmarkt ist eine schwarze Macht, die ihre eigenen Kräfte hat, die ich nicht verstehe.«
Der bei einem Autounfall in London ums Leben gekommene Schriftsteller Rolf Dieter Brinkmann (1940–1975) ist laut Ploog »das exemplarische Beispiel einer manischen Sezierung des Verlierens«. Im Schreibheft Nr. 106 finden sich auch unveröffentlichte Texte aus Brinkmanns Nachlass. Der erste Text, datiert 11. Mai 1971, ist überschrieben mit: »Worüber kann man noch schreiben, was?« Brinkmann: »Ich habe mir gewünscht, daß ich freundlicher schreiben würde, ich habe das versucht, aber mir ist es nicht möglich. Dann lieber einige Krümel hinzufügen an der Zerstörung des 20. Jahrhunderts.«
Schreibheft – Zeitschrift für Literatur Nr. 106, hrsg. von Norbert Wehr, 16,50 Euro
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