Aus: Ausgabe vom 16.05.2018, Seite 11 / Feuilleton

Bauschan biegt links ab

Ralf Höllers rasanter Roman »Das Wintermärchen« über die bayerische Revolution

Von Nick Brauns
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»Selbständiger Sozialist«: Ministerpräsident Kurt Eisner im November 1918

Die Geschichte der bayerischen Revolution ist schon oft erzählt worden: vom Streik der Münchner Rüstungsarbeiter im Februar 1918 über den Sturz des letzten Wittelsbacher Königs nach einer Antikriegskundgebung bis zur Ausrufung des Freistaates Bayern durch den sozialistischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner. Von dessen Ermordung durch einen antisemitischen Eiferer und der ersten Räterepublik aus Anarchisten und Sozialdemokraten. Vom gescheiterten Gegenputsch über die zweite kommunistische Räterepublik im April 1919 bis zur Niederschlagung der Arbeitermacht in einem Blutbad der Freikorps. Zum 100. Jahrestag der Ereignisse hat Ralf Höller nun »Das Wintermärchen« vorgelegt. Der Buchtitel spielt auf eine Rede Eisners bei der Revolutionsfeier im Nationaltheater an: Ein Märchen sei Wirklichkeit geworden, meinte er da.

Nach dem Sachbuch »Der Anfang, der ein Ende war« (1999) lässt Höller die Ereignisse nun noch einmal passieren, in einer rasanten, mitreißenden Reportage , die sich aus Texten zeitgenössischer Schriftsteller und Intellektueller speist. Diese waren in führender Rolle an der Revolution beteiligt. Eisner war Journalist, der anarchistische Schriftsteller Gustav Landauer Minister für Volksaufklärung in der Räterepublik, der Dichter Erich Mühsam unermüdlicher Agitator des Revolutionären Arbeiterrates, und unter Führung des eigentlich pazifistischen Dichters Ernst Toller gelang der bayerischen Roten Armee im April 1919 bei Dachau ein Überraschungssieg gegen die weißen Truppen.

Zu den Sympathisanten zählten der schöngeistige Dichter Rainer Maria Rilke und sein proletarisches Gegenstück Oskar Maria Graf, zu den entschiedenen Gegnern der Gymnasiallehrer Josef Hofmiller und der deutschnationale Historiker Karl Alexander von Müller. Irgendwo dazwischen pendelte Thomas Mann, der sich mitten in der Arbeit am »Zauberberg« befand. »München, wie Bayern, regiert von jüdischen Literaten«, klagte er zunächst, doch die Sorge um seine Bogenhausener Villa wich zunehmend der Sorge um das Vaterland. Da erschien ihm der Bolschewismus schon mal als das kleinere Übel angesichts alliierter Diktate. »Ich bin imstande, auf die Straße zu laufen und zu schreien: ›Nieder mit der westlichen Lügendemokratie! Hoch Deutschland und Russland! Hoch der Kommunismus!‹« vertraute Thomas Mann seinem Tagebuch an. Ausdruck seines Sinneswandels war die Novelle »Herr und Hund«, deren Protagonist sich beim Morgenspaziergang mit Mischlingshund Bauschan immer häufiger für die linke Abzweigung in die Stadt entscheidet, wo die revolutionäre Politik gemacht wird, statt nach rechts in die idyllische Natur zu gehen.

Dem gutsortierten Textfundus – vgl. etwa Hansjörg Viesels umfangreiches Sammelwerk »Literaten an der Wand. Die Münchner Räterepublik und die Schriftsteller« (1980) – hat Höller kaum Neues hinzuzufügen, noch bleibt Platz für eine aus geschichtswissenschaftlicher Sicht unerlässliche Einordnung der Quellen, deren Charakter, Intention und Wahrheitsgehalt doch sehr unterschiedlich ist. Das »Wintermärchen« ist mehr historischer Roman als Geschichtsbuch, aber Geschichte soll ja auch Spaß machen. Und Rilkes Liebschaften oder Grafs Suche nach Mäzenen kommen so nicht zu kurz.

Wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute, heißt es im Märchen. Viele Protagonisten des bayerischen Wintermärchens starben keines natürlichen Todes. Gustav Landauer wurde von Freikorpsmännern erschlagen und liegt heute auf dem Israelitischen Friedhof in München neben seinem ermordeten Genossen Eisner. Wenige Meter entfernt erinnert ein kleiner, von Hasenlöchern unterminierter Obelisk an Eugen Leviné. Die letzten Worte des am 5. Juni 1919 hingerichteten Vorsitzenden der kommunistischen Räterepublik lauteten: »Wir Kommunisten sind alle Tote auf Urlaub«. Erich Mühsam, an den heute ein kleiner Platz im längst gentrifizierten einstigen Künstlerviertel Schwabing erinnert, wurde 1934 im KZ Oranienburg von der SS zu Tode gequält. Ernst Toller nahm sich 1939 im Alter von 45 Jahren in New York das Leben. Der ebenfalls dorthin geflohene Oskar Maria Graf blieb bis an sein Lebensende im Exil, statt in das Land der Mörder seiner Freunde zurückzukehren.

Was ist geblieben vom bayerischen Wintermärchen? Zu Unrecht wird der »Freistaat« heute gemeinhin mit der CSU assoziiert. Obwohl die Bayerinnen dank der Revolution noch vor ihren Schwestern im Reich das Stimmrecht ausüben durften, liegt der Frauenanteil im Bayerischen Landtag bei mageren 28 Prozent. In Münchner Biergärten wird die »Russen-Maß« serviert. Der Name dieser Mischung aus Weißbier und Zitronenlimo geht auf die im Volksmund als »Russen« bezeichneten Räterepublikaner zurück, die das erstmals im Mathäserbräu ausgeschenkte Getränk angesichts schwindender Biervorräte und der Notwendigkeit eines klaren Kopfes kreiert hatten.

Geblieben ist Kurt Eisners Traum von einer Revolution, die »Ideal und Wirklichkeit vereint«. Und aktuell ist auch Gustav Landauers Bemerkung zum Verrat an dieser Idee: »In der ganzen Naturgeschichte kenne ich kein ekelhafteres Lebewesen als die sozialdemokratische Partei.«

Ralf Höller: Das Wintermärchen: Schriftsteller erzählen die bayerische Revolution und die Münchner Räterepublik 1918/1919, Edition Tiamat, Berlin 2017, 320 S., 20 Euro

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