Aus: Ausgabe vom 12.01.2019, Seite 10 / Feuilleton

Die Konsequenz der Dichtung

»Wir blicken aufs Ziel«: Eine Münchner Ausstellung zur Rolle von Schriftstellern in der bayerischen Revolution 1918/19

Von Nick Brauns
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»Das Erstarrte, wenn es sein muss, umstürzen« (Ausweis von Ernst Toller)

»Die Dichtkunst ist nichts als eine meiner Waffen im Kampf«, notierte der Dichter Erich Mühsam Ende 1927 in seinem Tagebuch, und er hätte kaum Marx’ Diktum widersprochen, wonach die Waffe der Kritik die Kritik der Waffen nicht ersetzen könne. Dass ein bekennender Anarchist aber mit ausdrücklicher Genehmigung der Polizei eine Pistole mit sich führen konnte, dürfte in der Weltgeschichte eher die Ausnahme sein. »Herr Mühsam, Georgenstr. 105 II, hat Erlaubnis, Waffen zu tragen« – das bescheinigt ein am 23. Dezember 1918 vom Polizeipräsidium München ausgestellter Ausweis, der aus dem Gorki-Institut für Weltliteratur in Moskau seinen Weg in die Ausstellung »Dichtung und Revolution« der Münchner Stadtbibliothek Monacensia im Hildebrandhaus gefunden hat.

Im Mittelpunkt der Ausstellung über Revolution und Konterrevolution in Bayern 1918/19 stehen vier Schriftsteller. Neben Mühsam sind dies der erste Ministerpräsident des von ihm in der Nacht zum 8. November 1918 ausgerufenen Freistaates Bayern, Kurt Eisner, der »Vollzugsrat« der Räterepublik, Ernst Toller, sowie der schöngeistige Anarchist Gustav Landauer, der als »Beauftragter für Volksaufklärung« den Kampf gegen klerikale Verdummung aufnahm. Die Ausstellung präsentiert anhand zahlreicher biographischer Dokumente, Manuskripte, Tagebücher, Briefe, Objekte und Fotografien das Leben und Wirken dieser vier Revolutionäre, während zeitgenössische Flugblätter und Plakate die historischen Umbrüche der Revolutionszeit verdeutlichen.

»Die Konsequenz der Dichtung ist Revolution«, zeigte sich Landauer überzeugt. Darin stimmte er mit Mühsam und den Unabhängigen Sozialdemokraten Eisner und Toller überein, Uneinigkeit bestand über die sonstigen Mittel und Wege. »Wir sind nicht zufrieden mit der Beschränkung der revolutionären Forderungen auf politische Angelegenheiten. Wir verlangen die Verwirklichung des Sozialismus als Krönung der gegenwärtigen Volksbewegung«, heißt es in einem Flugblatt der um Mühsam und Hilde Kramer gegründeten Vereinigung revolutionärer Internationalisten Bayerns. »Wir blicken nicht auf den Weg, sondern aufs Ziel. Das Mittel der Revolution heißt Revolution. Das ist nicht Mord und Totschlag, sondern Aufbau und Verwirklichung.« Auslöser der von den Anarchisten und Kommunisten erhofften neuen revolutionären Welle, die in der Ausrufung der Räterepublik gipfelte, wurde ausgerechnet die Ermordung des in ihren Augen zu gemäßigt agierenden Eisner durch einen völkischen Terroristen.

Es würden Flugblätter verteilt, »die in der würdelosesten und verbrecherischsten Weise die Leidenschaften der Massen gegen die Juden aufzuhetzen versuchen«, warnte Toller in einem Aufruf des Zentralrates die Bürger der Räterepublik. Eine Organisation reaktionärer Verschwörer wolle die Massen zu Judenpogromen hinreißen, »um den Freikorps Preußens den Weg nach Bayern zu öffnen und die proletarische Republik niederzuschlagen«. Nicht nur die Verschwörer der Thule-Gesellschaft, die sich unter dem Zeichen des Hakenkreuzes sammelten, setzten auf Antisemitismus. Eine sozialdemokratische »Volksregierung von Württemberg« hetzte in einem Aufruf, der den zur Niederschlagung der Räterepublik nach Bayern geschickten Truppen ausgehändigt wurde, gegen »land- und wesensfremde Literaten und politische Hochstapler«, »die durch Überrumpelung und Vorspiegelung falscher Tatsachen sich in den Besitz der Gewalt zu setzen vermochten«.

Landauer fiel wie mehr als tausend weitere Räterepublikaner dem Gemetzel der Anfang Mai 1919 in München einmarschierenden Freikorps zum Opfer. Für die zu langjähriger Festungshaft verurteilten Toller und Mühsam wurde hinter Kerkermauern wieder die Schreibfeder zur Waffe im revolutionären Kampf. Davon zeugen Dramen wie Tollers »Masse Mensch« und Mühsams »Judas«, die zugleich der Aufarbeitung der jüngsten Erfahrungen dienten.

Da auch in Bayern der Geschichtsunterricht radikal zusammengestrichen wurde, ist es gut, dass in der Ausstellung ein »Kleines Wörterbuch der Revolution« für »Rebellen ab zwölf Jahren« zum Mitnehmen ausliegt. In einfacher Sprache werden darin Begriffe von »Agitation« und »Anarchismus« bis »Weißgardist« und »Zensur« erklärt, die vor 100 Jahren noch vielen politisch engagierten Arbeitern verständlich waren. Ergänzt wird die Schau durch einen von der Kuratorin Laura Mokrohs verfassten und mit tollen Arbeiten der Comiczeichnerin Barbara Yelin bebilderten Blog auf dem Literaturportal Bayern.

Ein vom Kulturreferat der Landeshauptstadt München vorgelegtes Programmheft führt rund 330 Veranstaltungen zu 100 Jahren Revolution und Rätezeit an. Eine kleine Auswahl: Die Oskar-Maria-Graf-Gesellschaft veranstaltet die musikalisch begleitete Lesereihe »Uns kann nur die Revolution retten«, eine Vortragsreihe befasst sich mit der »Geburt des Antikommunismus« in Reaktion auf die Räteherrschaft, ein Stadtrundgang führt auf Mühsams Spuren zu den Kaffeehäusern der Schwabinger Boheme. Mit der »Erfindung des Russn« – gemeint ist die in bayerischen Biergärten beliebte Mischung aus Weißbier und Zitronenlimonade – in den Revolutionstagen befasst sich eine Lyriklesung am 21. Februar. Und am 15. März wollen Linken-Fraktionschefin Sahra Wagenknecht, Münchens sozialdemokratischer Altoberbürgermeister Christian Ude und CSU-Urgestein Peter Gauweiler »reden über die Revolution«.

Ausstellung »Dichtung ist Revolution«, bis 30. Juni, Monacensia im Hildebrandhaus, Maria-Theresia-Str. 23, 81675 München

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muenchen.de/wasistdemokratie


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