Zum Inhalt der Seite
Kapitallogik und Lohnerhöhungen

Tarifkampf in Krisenzeiten

IG Metall mobilisiert. Bosch schließt Werk. Schaeffler »spart«. Und Audi verstärkt Fluchtintensität

Foto: Marijan Murat/dpa
Voller Kraft in den Arbeitskampf: Arbeiter bei Warnstreik am Dienstag in Stuttgart

Die abgelaufene Woche stand weiter im Zeichen wirtschaftlicher Konflikte. Während regierungs- und gewerkschaftsnahe Kommentatoren eher eine Beruhigung der Lage diagnostizierten, keine Krise, sondern einen »Umbruch« sehen, reagieren Konzerne und Kapitallobby auf Profiteinbußen. Das dient ihren aktuellen Interessen besser als Erfolgsmeldungen. Auf der strategischen Ebene hat sich die Krise eher verfestigt – und es zeigen sich kaum Tendenzen eines Aufschwungs.

Gleichzeitig stehen harte Tarifkämpfe an. Am Freitag mobilisierte die IG Metall (IGM) erneut zu zahlreichen Warnstreiks. Trotz problematischer Lage in wichtigen Teilen der Metall- und Elektrobranche fordert sie fünf Prozent mehr Geld. Unterstützt wurde dieser Kurs – wohl eher zufällig – durch die Meldung des Statistischen Bundesamtes vom Freitag, wonach im September die Industrieproduktion in der BRD 1,7 Prozent im Vergleich zum Vormonat zugenommen habe.

Das gewerkschaftsnahe Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) erklärte das prompt mit kalenderbedingten Problemen: »Damit zeigt sich nun, dass die Produktionsschwäche in der Kfz-Produktion im Juli und August zu einem spürbaren Teil der besonderen Lage der Sommerferien und Werksferien geschuldet war und der unterliegende Trend etwas besser als von einigen befürchtet war«, zitierte AFP IMK-Chef Sebastian Dullien. Übersetzt: Fünf Prozent Plus sind machbar – auch für die Autobranche.

Dort überwiegt weiterhin die gegenteilige Entwicklung. Zwei der größten Zulieferer setzen weiter auf Jobabbau. Bosch will gleich ein ganzes Werk dichtmachen. Am Standort Abstatt in Baden-Württemberg werden damit 750 Arbeitsplätze vernichtet. Und der Düsseldorfer Schaeffler-Konzern kündigte am Dienstag ein »Sparprogramm« an: 3.460 Stellen in ganz Europa sollen gestrichen werden. Immerhin schreibt Bosch noch keine roten Zahlen – ganz im Gegensatz zum Automarktführer Volkswagen, der vergangene Woche Milliardenverluste verkündet hatte.

Anzeige

Die große VW-Tochter Audi zeigte sich indes unbeeindruckt vom medialen Aufruhr im Lande, als Konzernchef Gernot Döllner vergangene Woche eine Zwei-Milliarden-Investition in den USA angekündigt hatte. Und das im Beisein des am Dienstag gefühlt abgewählten Zollexperten Donald Trump. Laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters will das Unternehmen eine Erweiterung seines geplanten Engagements im US-Staat Georgia angehen. Dies gehe aus Unterlagen einer örtlichen Wirtschaftsförderungsbehörde vom Donnerstag (Ortszeit) hervor.

Audi würde so weitere drei Milliarden US-Dollar investieren und bis 2033 zusätzliche 3.000 Arbeitsplätze im Südstaat schaffen. Der Konzern lehnte laut Reuters eine Stellungnahme zu den Plänen ab. Der Autobauer hatte am 25. Oktober den Bau der vier Milliarden US-Dollar teuren Fabrik nahe der Stadt Macon angekündigt. In Georgia sollen dann ab Anfang der 2030er Jahre rund 4.500 Beschäftigte jährlich 200.000 SUVs fertigen. Dafür bekomme das Unternehmen vom Bundesstaat Steuervergünstigungen und Zuschüsse in Höhe von mehreren hundert Millionen US-Dollar.

Für die IG Metall ergibt sich eine komplizierte Lage. Manche Unternehmen schreiben schwarze Zahlen. Besonders in der immer noch wachsenden Kriegsindustrie sieht es gut aus: »Beinahe jede dritte Maschinenbaufirma, die im Verteidigungssektor unterwegs ist, rechnet dort mit mindestens 15 Prozent Wachstum in diesem Jahr«, verlautete der Branchenverband VDMA am Freitag.

Auch die Gewerkschaft kennt das differenzierte Gesamtbild. In den bisherigen Verhandlungen stellten die »Arbeitgeber« die Lage düster dar. »Doch tatsächlich haben die Wirtschaftsinstitute ihre Prognosen zuletzt deutlich nach oben korrigiert. Und auch Umfragen der IG Metall bei Betriebsräten zeigen einen Aufwärtstrend: 62 Prozent der Betriebe haben wieder eine gute bis sehr gute Auslastung«, heißt es von der IGM auf ihrer Homepage.

Die Situation sei aber sehr unterschiedlich. »Während die Auto- und Zulieferindustrie schwächelt, boomen andere Branchen wie die Luft- und Raumfahrt, die Medizintechnik, die Elektrotechnik und die Wehrtechnik.« Dennoch biete die Kapitalseite wenig: »Nur 1,3 Prozent Entgelterhöhung (…) und das erst im Juli 2028, nach 20 Monaten Wartezeit für die Beschäftigten. Bei einer Laufzeit von 26 Monaten entspricht das lediglich 0,6 Prozent mehr pro Jahr – bei einer Inflation von bis zu drei Prozent.«

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 07.11.2026, Seite 8, Kapital & Arbeit

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!