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Konzernkrise und Beschäftigte

VW vor heißem Winter

Vorstand und Beschäftigtenvertreter sondieren Lage vor neuer Tarifrunde. Die Zeichen stehen auf Arbeitskampf

Foto: Julian Stratenschulte/dpa
VW-Betriebsratschefin Daniela Cavallo und IG-Metall-Bezirksleiter Thorsten Kröger am Freitag in Hannover

Bei VW brodelt es. Am Freitag trafen sich Vertreter von Konzernführung und Beschäftigten in Hannover zu einer »Gesprächsrunde«. Dieses Konsultationsformat war vor zwei Jahren bei Abschluss des »Zukunftstarifvertrags« für den Fall vereinbart worden, dass sich Rahmenbedingungen nach Auffassung einer Seite gravierend verändern würden. Und das haben sie, machen IG Metall und Betriebsrat, aber auch die Konzernführung geltend. Zu Recht: Die »Zukunft« von 2024 liegt in Trümmern.

Im September hatte der Vorstand zehn Tarifverträge zum Jahresende gekündigt, darunter den Manteltarifvertrag. Alle Versprechungen von 2024 – die seinerzeit mit dem Abbau von 35.000 Arbeitsplätzen und einem weitgehenden Lohnerhöhungsstopp erkauft wurden – sind verpufft. Und nicht nur das. Das Management besteht auf weiterem Jobabbau, hält an Werksschließungen fest und plant, Lohnerhöhungen auf unbestimmte Zeit einzufrieren.

Die »Arbeitnehmer«-Seite hatte das zunächst kalt getroffen. »Das ist ein übles Foul an der Belegschaft und erneut ein schamloser Versuch, in die Geldbeutel der Beschäftigten greifen zu wollen«, so IG-Metall-Bezirksleiter Thorsten Gröger auf dem Webportal der IGM. »Volkswagen versucht, die wirtschaftlichen Herausforderungen des Konzerns bei denen abzuladen, die das Unternehmen jeden Tag am Laufen halten.« Für die neue Tarifrunde fordern Gewerkschaft und Betriebsrat fünf Prozent mehr Geld.

Am Freitag legten Gewerkschaft und Betriebsrat nach und verlangten die Rücknahme der Kündigung fast aller Haustarifverträge. »Wir erwarten von Volkswagen, dass der Vertrauensbruch rückgängig gemacht wird«, zitierte die Nachrichtenagentur Reuters Verhandlungsführer Gröger vor Beginn der Gespräche. Andernfalls hätte das weitreichende Folgen. »Wir geben dem Unternehmen bis Ende Oktober Zeit«, so der Gewerkschafter, »sonst rollt eine gewaltige Maschinerie an, die einen Arbeitskampf bei VW ‌vorbereitet«. Das Management könne sich den 31. Dezember, wenn die Friedenspflicht endet und Streiks möglich sind, schon dick im Kalender anstreichen.

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Fakt ist, der Konzern steckt in einer anhaltenden Krise. Der Absatz stockt, im Hauptmarkt China schrumpft er sogar. Die Produktion in Deutschland hat sich zunehmend verteuert – nicht zuletzt wegen hoher Energiekosten. Vor allem aber machen zwei der drei Großaktionäre inzwischen erheblichen Druck, denn der Konzern ist aus ihrer Sicht nicht mehr profitabel. Nur das Land Niedersachsen, mit etwa 20 Prozent Anteilen dritter Großeigner, verharrt in seiner Zwitterrolle. Die SPD-Grünen-Regierung in Hannover ist einerseits gegen Jobabbau und Werksschließungen – was nicht zuletzt die Steuereinnahmen des Landes treffen würde. Sie möchte andererseits aber auch nicht auf ihren Dividendenanteil verzichten.

Den beiden anderen VW-Besitzern Katar (über das staatliche Investmentvehikel des Emirats) und Porsche SE geht es schlicht ums Geld. Die Porsche Gesellschaft Europäischen Rechts, die über die Hälfte aller VW-Stammaktien hält, musste im August 2,2 Milliarden Euro abschreiben. Ein Verlust, der den Damen und Herren der Besitzerfamilien Porsche und Piëch Verdruss bereitet haben dürfte. Dabei hatte der VW-Konzern Ende Juni noch 2,6 Milliarden Euro Dividenden an die Aktionäre ausgeschüttet, wie Gesamtbetriebsratschefin Daniela Cavallo anmerkte.

Fakt ist: Wenn die Lage aus Kapitalsicht dramatisch wird, verhärten sich die Fronten weiter. VW hat wenig Einfluss auf die Energiepreise in der BRD, Einfuhrzölle der USA oder die Lage in Nahost. Aber das Kapital kann Standorte dichtmachen und anderswo neue eröffnen. So berichtete das Handelsblatt am Donnerstag, die VW-Tochter Audi befinde sich bereits in fortgeschrittenen Planungen für das erste eigene Werk in den USA. Und natürlich an einem Standort in den Südstaaten, wo Gewerkschaften weniger Einfluss haben und eher keine CO2-Abgaben drohen.

Das alles macht die Lage beim Wolfsburger Konzerngiganten so ernst, wie sie Gewerkschafter Gröger beschreibt. Jeder mögliche Kompromiss (falls der Vorstand überhaupt eine Kompromisserlaubnis hat) dürfte Verlierer zurücklassen. Möglicherweise auf beiden Seiten. Für die Beschäftigten und ihre Vertreter sind die Risiken weit höher, denn ihnen drohen weiterer Jobabbau, Lohnverzicht und im schlimmsten Fall die Schließung ihrer Werke. Das scheinen IG Metall und Gesamtbetriebsrat inzwischen ziemlich klar zu sehen. Bei VW droht ein heißer Winter.

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Erschienen in der Ausgabe vom 24.10.2026, Seite 5, Inland

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