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Chemieindustrie

Großeinkauf mit Hindernissen

BASF will Evonik übernehmen. NRW, Hauptaktionär und IG BCE wehren sich. Worum geht es?

Foto: Uwe Anspach/dpa
Schrumpfender Standort mit langer Tradition: BASF-Hauptwerk in Ludwigshafen

Der Chemieriese BASF will den Konkurrenten Evonik übernehmen. Vor gut zwei Wochen hatte der Ludwigshafener Konzern dem in Essen ansässigen Unternehmen ein Kaufangebot unterbreitet. Zehn Milliarden Euro bietet BASF für die erst 2007 aus den Überresten der Unternehmenssammlung der früheren Ruhrkohle AG (RAG) entstandene Evonik Industries AG. Und stach dabei in ein Wespennest.

Als erstes meldeten sich NRW-Politiker zu Wort. »Hier geht es um eine Lebensader des Ruhrgebiets«, zitierte der WDR den SPD-Fraktionschef Jochen Ott zu der geplanten Übernahme. Auch von »Ausverkauf« war die Rede. Eine Woche später kam ein Statement von Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU): »Die eigenständige Entwicklung von Evonik darf nicht gefährdet werden«, hieß es aus der Staatskanzlei.

Evoniks Vorstand hat das Angebot abgelehnt – »vorerst«. Denn es geht um viel: Arbeitsplätze und deren Sicherheit, konkurrierende Kapitalinteressen, Einfluss staatlicher und gewerkschaftlicher Akteure, regionale und gesamtstaatliche Steuereinnahmequellen und nicht zuletzt um die Frage der globalen Konkurrenzfähigkeit zweier exportorientierter Großunternehmen mit ähnlichen Problemen.

Gemeinsam ist beiden: Sie produzieren noch in Deutschland, einem Land mit hohen Energiepreisen, hohen Löhnen und politischen Vorgaben, die die Rentabilitätsrechnung aus Sicht der Kapitalfunktionäre immer stärker in die roten Zahlen rutschen lassen. Hinzu kommt, dass die wirtschaftliche Krise durch imperialistische Kriege verschärft wurde und zur Unterbrechung und teilweisen Zerstörung der globalen Produktions- und Distributionsinfrastruktur geführt hat. All das hat die BRD aus Kapitalsicht zu einem Risikostandort gemacht.

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BASF hat darauf mit Verlagerung großer Investitionsvorhaben in die USA oder nach China reagiert – Profit bleibt die Existenzgrundlage jeglicher Kapitalstrategie. Das heißt auch, sich bietende Gelegenheiten zur Maximierung zu nutzen. Kein Konzern kann »alles« produzieren. Sowohl BASF als auch Evonik bezeichnen sich als Spezialchemieunternehmen – und die Produktpalette beider scheint sich zu ergänzen.

»Eine Kombination von BASF und einem anderen starken Spieler aus der Spezialchemie ergibt sehr viel Sinn«, zitierte das Handelsblatt BASF-Vorstandschef Markus Kamieth. Dummerweise werden Synergieeffekte aus Fusionen meist auf Kosten von Arbeitsplätzen erkauft – was Wüsts knappen Einspruch erklärt. BASF signalisierte inzwischen schon mal Beharrlichkeit, wie Reuters am Freitag berichtete: »Man kann davon ausgehen, dass die aktuelle Offerte nicht ‌das letzte Wort ist«, zitierte die Nachrichtenagentur einen Konzerninsider.

Was eine Fusion von BASF dem Essener Konzern kompliziert macht, ist der Einfluss, den die Politik bei Evonik besitzt. Der manifestiert sich vor allem in der RAG‑Stiftung. Die hält 43 Prozent der Anteile an dem Unternehmen – ohne ihre Zustimmung wird es keine Übernahme geben. Und sie ist politisch geführt. Im entscheidenden Gremium, dem Kuratorium, das vom ehemaligen Kanzlerkandidaten Armin Laschet (CDU) geführt wird, sitzen neben acht zeitweiligen stets fünf »geborene« Mitglieder: die Ministerpräsidenten von NRW und des Saarlandes, die Bundesminister für Finanzen und Wirtschaft sowie der Chef der Gewerkschaft IG Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE).

Die Stiftung – sie verantwortet die Ewigkeitsaufgaben nach Beendigung der Bergbauaktivitäten – sollte allerdings auch rechnen. Denn die Kosten dieses Dauerauftrags muss sie erwirtschaften. Und da die BASF-Offerte hier Spielraum zu bieten scheint, ist das letzte Wort nicht gesprochen. Am Freitag (nach Redaktionsschluss dieser Seite) traf sich das Kuratorium zu einer außerordentlichen Sitzung, wie das Handelsblatt berichtete. Dabei sollte über die BASF-Offerte beraten werden.

Beide Unternehmen begegnen sich nicht eben auf Augenhöhe. BASF – mit noch fast 100.000 Beschäftigten und knapp 60 Milliarden Euro Umsatz 2025 – stand lange Zeit auf dem ersten Platz der globalen Chemiekonzerne. Evonik brachte es 2025 mit gut 31.000 Mitarbeitern auf rund 14 Milliarden Euro Umsatz. Wer wen schlucken würde, ist offensichtlich. Allein in NRW beschäftigt Evonik etwa 11.000 Menschen. Und die Krise hat dort die Stahlbranche trotz Rheinmetall und Kriegsproduktion voll erwischt. Der Thyssen-Krupp-Konzern etwa ist inzwischen nur noch ein Schatten seiner früheren Größe. Weitere Jobverluste würden den nicht ganz so erfolgreichen Ministerpräsidenten Wüst – der in der CDU noch als Star gilt – bei der nächsten Landtagswahl in die Bredouille bringen.

Vor allem aber bleibt spannend, wie sich die IG BCE engagiert. Deren Verständnis für Kapitalentscheidungen war in der Vergangenheit immer ein bisschen größer als bei anderen DGB‑Funktionären. Gewerkschaftschef Michael Vassiliadis stellte laut Handelsblatt vom Freitag in einem Brief an die Beteiligten »einen kompletten Verkauf an BASF zwar in Frage. Eine eindeutige Ablehnung der Offerte ist darin aber nicht erkennbar, aber auch keine Unterstützung dafür.«

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Erschienen in der Ausgabe vom 10.10.2026, Seite 5, Inland

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