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Null Komma zwei Prozent
Wirtschaft »wächst« im dritten Quartal dank Megaschulden und Kriegsproduktion. Inflation und Pleiten bleiben hoch
Die wirtschaftspolitischen Strategen der Bundesregierung und der Lobbyverbände können aufatmen: Um 0,2 Prozent ist das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) im dritten Quartal gestiegen. Für Gewerkschaften und Beschäftigte ist das eher keine gute Nachricht. Die Inflation von drei Prozent lässt von dem stolz verkündeten Aufschwung wenig für abhängig Beschäftigte übrig.
Im September hatten Bundesregierung und mehrere Forschungsinstitute noch mit einer gewissen Euphorie eine Art konjunkturelle Wende in Aussicht gestellt: Um 1,4 Prozent werde die Wirtschaftsleistung (also das BIP) in diesem Jahr steigen. Dies wäre der stärkste Zuwachs seit 2022 (1,9 Prozent). Danach gab es zweimal Schrumpfzahlen, ehe im Vorjahr die Statistiker »unerwartet« ein Plus von 0,2 Prozent errechneten.
All das korrespondiert nicht mit der aktuellen Wirtschaftslage. Die sieht bekanntlich nicht rosig aus. Die Industrie schwächelt, die ehemalige Vorzeigebranche Automobilbau steckt weiter in der Krise. Arbeitsplatzvernichtung und »Sparkurse« dominieren. Die Pleitewelle schwappt weiter mit kräftigem Schwung über das Land. »In den ersten neun Monaten 2026 meldeten 14.341 Firmen Insolvenz an – zwölf Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum mit 12.803 Fällen«, meldete am Freitag die Wirtschaftsauskunftei Dun & Bradstreet. Gegenüber 2022 habe sich das Insolvenzgeschehen damit nahezu verdoppelt.
Bei Bekanntgabe neuer BIP-Zahlen befragen Nachrichtenagenturen oft »Volkswirte« – zumeist aus der Finanzindustrie. Und die sind weitgehend einig in zwei Punkten: Ja, die Lage ist etwas besser. Die Rüstungswirtschaft boomt. Aber die schönen kleinen schwarzen Zahlen verdanken ihre Existenz den massiven Schulden, die der Staat zuletzt aufgenommen hat, was eher ein konjunkturelles Strohfeuer entzündet hat. »Dass die Wirtschaft das nächste Plus liefert, liegt vor allem am schuldenfinanzierten Fiskalpaket. Ohne diesen künstlich initiierten Impuls hätte die Wirtschaftsleistung wohl stagniert«, zitierte Reuters am Freitag etwa Alexander Krüger von der Privatbank Behtmann HAL.
Ein Realitätscheck der Bundesregierung ist weiterhin nicht in Sicht. Während Lobbyorganisationen des Kapitals aktuell eine Senkung der Stromsteuer für alle fordern, flüchten sich Repräsentanten des Staates lieber in Scheinaktivitäten, wie aktuell Friedrich Merz und Frank-Walter Steinmeier.
Der Kanzler versicherte am Freitag auf einer »Asien-Pazifik-Konferenz der deutschen Wirtschaft« in Seoul, dass die EU als Speerspitze für die weltweite Entwicklung einer Allianz zur Rettung eines regelgebundenen, freien Handels tätig sein werde. Dabei ist es gerade die EU, die den Freihandel eher mit Mitteln der Marktabschottung »retten« möchte. Das beweist nicht zuletzt eine neue Berlin-Paris-Initiative. Deren Ziel ist es, EU-weit zu beschließen, dass die Treibstofftanks bei Hybridfahrzeugen drastisch verkleinert werden. Dies richte sich nicht gegen Südkorea (das Land verkauft kräftig Autos in der EU), versicherte der Kanzler – ohne das Ziel China zu nennen. Dabei ist klar, dass alle wichtigen Hybrid-Produzenten, wie etwa Toyota, davon betroffen wären – nicht nur die Volksrepublik.
Der Bundespräsident indes langweilte in Beijing seine Zuhörer mit der Forderung nach »Fairness«. Die Handelsbilanzen müssten ausgeglichen sein – sprich: China möge entweder aufhören, gewaltige Warenströme in die EU zu leiten, oder den heimischen Markt für Güter der EU-Produzenten weiter öffnen. Der Grund ist offensichtlich: Laut einer aktuellen Analyse des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) steuert das Handelsbilanzdefizit der BRD mit der Volksrepublik 2026 auf einen neuen Rekord von 100 bis 105 Milliarden Euro zu.
Apropos Marktöffnung: Gerade haben die Volkswagen AG und deren große Tochter Audi schlechte Zahlen im China-Geschäft gemeldet. Und das, obwohl beide in China produzieren. Während VW diese Woche insgesamt Milliardenverluste vermelden musste, schrammte Audi laut Angaben vom Freitag knapp an roten Zahlen vorbei. Am beschränkten Marktzugang in China kann das kaum liegen. Eher an den Problemen »zu Hause«.
Das machte Audi-Vorstandschef Gernot Döllner diese Woche deutlich, als er bei einer Donald-Trump-Veranstaltung die Errichtung eines neuen Werkes in den USA ankündigte. Die deutschen Mainstreammedien heulten zwar unisono ob dieses »Verrats« auf. Aber das Kapital flieht dorthin, wo Profite in Aussicht stehen – und nicht rote Zahlen. Es ist davon auszugehen, dass Döllner dies nicht ohne Zustimmung der Porsche SE geplant hat – die über 50 Prozent der VW-Stammaktien hält.
Für den von der IG Metall in der anstehenden Tarifrunde angekündigten heißen Winter bei VW sind das keine guten Vorzeichen. Fünf Prozent mehr Geld fordert die Gewerkschaft – das dürfte aber an der Realität scheitern. Und das nicht nur in Wolfsburg. Denn wo der Weg hinführt, hat Audi deutlich gemacht.
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