Die Macht am Küchentisch
Das C/O Berlin zeigt eine Retrospektive mit Fotografien von Carrie Mae Weems
Carrie Mae Weems ist in Berlin schon längst keine Unbekannte mehr. Die schwarze Medienkünstlerin aus den USA, die vorwiegend mit Fotografie arbeitet, wird von der Galerie Barbara Thumm in Berlin vertreten, ihre Werke wurden dort mehrfach gezeigt und auch in der Gruppenausstellung »Schwarze Kunst« der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst in Kreuzberg 1992 war sie vertreten. In den 90er Jahren bekam sie hier ein Stipendium, ihr Atelier war im Künstlerhaus Bethanien. Nun sind in der großen, als Retrospektive angekündigten Ausstellung »The Heart of the Matter« bei C/O Berlin beispielhafte Serien von Weems zu sehen.
2006 begann die 1953 in Portland geborene Künstlerin die Serie »Museums«, für die sie sich vor den Eingängen großer Museen fotografiert. Eine Rückansicht ihres mit einem langen Gewand bekleideten Körpers, das Gesicht der imposanten Glaspyramide des Louvre zugewandt – das spricht Bände. Der Kontrast zwischen architektonischer Inszenierung und der Verletzlichkeit einer einzelnen Person zeigt die Differenz von Macht und Ohnmacht. Es ist Demonstration und Klage zugleich: über die weiße und männliche Dominanz in den Museen und die entsprechenden Leerstellen. Ihren Körper begreift Weems dabei als Muse und Alter ego, stellt mit ihm die Fragen nach Macht und Exklusion. In diesen Arbeiten versteht sie sich ausdrücklich als Stellvertreterin für andere Ausgeschlossene. Interessanterweise wird die noch immer fortgeführte Serie erst seit kurzem für Ausstellungen angefragt, obwohl sie bereits seit 20 Jahren daran arbeitet. In einem anlässlich der Ausstellung aufgenommenen Podcast mutmaßt die Künstlerin, dass Museen eine Kritik an ihrer Sammlungs- und Präsentationspolitik bis heute nicht gerne sähen – und lacht. Die von Sarah Hermanson Meister (Aperture) kuratierte Werkschau geht übrigens auf Tour, war schon 2025 in Turin und in diesem Frühjahr in Antwerpen zu sehen und wird 2027 in Den Haag gezeigt werden.
Ihre ersten Bilder machte sie wahrscheinlich bei einem Besuch in Berlin, wie Carrie Mae Weems in dem erwähnten Podcast berichtet, noch zu Mauerzeiten, mit einer Kamera, die sie vor mehreren Jahrzehnten von einem Freund geschenkt bekam.
Einige der im C/O Berlin präsentierten Serien verhandeln die Geschichte ihrer schwarzen Familie in einer weißen, rassistischen Gesellschaft. Doch untersucht sie mit den inszenierten Fotos der »Kitchen Table«-Serie (1990) die Semiotik von Macht und Geschlechterrollen auch innerhalb der Familie. Es sind sehr gewagte und intime Arbeiten, die zu ihren berühmtesten und meist gezeigten gehören. Ihre Fotografie setzt sich bewusst von der Straßenfotografie ab. Die Inszenierung in der eigenen unmittelbaren Umgebung erlaubt Weems konzentriert in Gestik und Mimik die feine Syntax von Macht und Dominanz zu untersuchen.
Die frühe Serie »Family Pictures and Stories« (1978–1984) umfasst Bilder aus dem privaten Bildarchiv der Familie Weems, deren (Geschlechter-)Konstellationen die Künstlerin in Kommentaren hinterfragt. Die Videoinstallation »Leave Now!« (2022) ist inszeniert wie in einem Sensationstheater des 19. Jahrhunderts. Während im damals verbreiteten Trick »Pepper’s Ghost« mit Spiegeln und Lichtprojektion die Illusion von Geistern hervorgerufen wurde, zeigt Weems auf der von roten Vorhängen umrahmten und räumlich abgeschirmten Projektionsfläche dokumentarisches Filmmaterial und Fotografien aus dem Familienarchiv. In fünf Kapiteln thematisiert sie anhand der Biographie des Großvaters Frank Weems die Situation der schwarzen Landbevölkerung in den Südstaaten der 1930er Jahre, die von den rassistischen Morden des Ku-Klux-Klans und der Migration in die Städte des Nordens geprägt war. Frank Weems war Pachtbauer in Arkansas und in der Landarbeitergewerkschaft »Southern Tenant Farmers’ Union« organisiert.
»Painting the Town« (2021) nennt Carrie Mae Weems ironisch eine Serie von Fotografien, die, im Kontrast zu ihren anderen Werken, methodisch der Stadtfotografie nahekommt. Nachdem George Floyd am 25. April 2020 von einem weißen Polizisten ermordet worden war, kam es im Rahmen der »Black Lives Matter«-Bewegung landesweit zu gewaltsamen Ausschreitungen. Ladenbesitzer in Weems’ Geburtsstadt Portland verbarrikadierten ihre Schaufenster mit Holzplatten. Auf diesen Flächen hinterließen die Demonstranten Protestslogans, die wiederum von den Behörden übermalt wurden. Weems dokumentiert die Ergebnisse: Sie wirken wie Gemälde des abstrakten Expressionismus.
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