-
1 Leserbrief
- → Inland
Neuer Rüstungsskandal in Sicht
Bericht: Kostenexplosion bei Kriegsschiffsprojekt, während Bevölkerung »Gürtel enger schnallen« soll
Während Unionsfraktionschef Thorsten Frei im Bild-Interview die werktätige Bevölkerung auf Verzicht einschwört, explodieren die Kosten für Rüstungsprojekte des Verteidigungsministeriums. Wie der Stern am Donnerstag unter Berufung auf »vertrauliche Akten« berichtete, könnten die Gesamtkosten für das Kriegsschiffsprojekt »F127« auf 45 Milliarden Euro steigen – »das ursprünglich geplante Budget von rund 25 Milliarden Euro wurde schnell übertroffen«.
Auf die Frage der Bild-Redakteure, ob die Bürger künftig »den Gürtel enger schnallen« müssen, antwortete Frei in dem am Donnerstag veröffentlichten Gespräch unmissverständlich: »Ja, ich glaube, das muss man genau so sagen.« Die im Haushaltsentwurf für 2027 angedachten Kürzungen (»Einsparungen«) und neuen Abgaben müssten sein – auch wenn das »natürlich weder in der Bevölkerung beliebt ist noch bei den Betroffenen auf Zustimmung stößt«, wie Frei eingestehen musste. Schuld daran sei »die Tatsache, dass wir seit sieben Jahren kein nennenswertes Wirtschaftswachstum in Deutschland haben«. Und ohne Wachstum werde es »schlicht nichts Zusätzliches zu verteilen geben«. Das habe »massive Auswirkungen auf die Staatsfinanzen« – soll heißen: Für »Ausgaben für die soziale Sicherung, für Arbeitslosigkeit und dergleichen mehr« sei eben nichts mehr übrig. Freis »bittere Wahrheit«: »dass wir in Zeiten der Stagnation all das, was wir einem Teil der Bevölkerung zusätzlich zugestehen möchten, einem anderen Teil der Bevölkerung vorher weggenommen haben müssen«.
Da dürfte jener Bruchteil der Bevölkerung, der nennenswerte Anteile an Rüstungskonzernen oder hippen Drohnen-»Startups« hält, nichts dagegen haben. Ihm wird nichts weggenommen. Im Gegenteil: Der Entwurf der Bundesregierung sieht vor, im kommenden Jahr etwa 20 Prozent des gesamten Staatshaushaltes in Aufrüstung und Militär zu stecken – fast 110 Milliarden Euro, ein trauriger Rekord für die BRD.
Jüngstes Beispiel dafür, wie mit diesen Geldern umgegangen wird, ist der sich anbahnende Rüstungsskandal um das Marineprojekt »F127«. Acht dieser 11.000-Tonnen-Lenkwaffenfregatten will die Bundeswehr von Rheinmetall und Thyssen-Krupp Marine Systems beschaffen, um die Nachschubkonvois der NATO-Kriegsallianz im Nordatlantik gegen die russische Flotte abzusichern. Dass hierzulande die Kosten für Großprojekte immer wieder – beinahe schon gesetzmäßig – die zuvor bewilligten Budgets sprengen, ist leidlich bekannt. Ein Anstieg von 25 auf 45 Milliarden Euro ist aber selbst für bundesdeutsche Verhältnisse ungewöhnlich hoch.
Hauptkostentreiber sind dabei Stern zufolge weder Korruption, Planlosigkeit oder Sonderwünsche. Verantwortlich sei vielmehr – wen wundert’s – überteuerte US-amerikanische Militärtechnik. Geplant ist nämlich, die »F127«-Fregatten (oder Zerstörer, je nach Definition) mit dem »Aegis«-Kampfsystem auszustatten. Dieses seit den 1980ern weiterentwickelte System führt die zentralen Hardware- und Softwarekomponenten wie Radar, Raketen und Feuerleitsysteme eines Kriegsschiffes zusammen. Es bildet quasi das »Gehirn« des Schiffes und ermöglicht die gleichzeitige Überwachung, Verfolgung und Bekämpfung von Zielen in der Luft, unter und auf dem Wasser. »Aegis« wird vom US-Rüstungsgiganten Lockheed Martin hergestellt, dem nach Umsatz größten Waffenproduzenten der Welt. Der Haus- und Hoflieferant des Pentagons sichert sich regelmäßig bis zu 18 Prozent aller vom Kriegsministerium vergebenen Rüstungsaufträge und erhält so jährlich allein von der US-Regierung Aufträge für mehr als 50 Milliarden US-Dollar (etwa 45 Milliarden Euro).
Für die acht von der Bundeswehr gewünschten »Aegis«-Systeme stellt das Pentagon Stern zufolge Berlin etwa elf Milliarden Euro in Rechnung, dazu Marschflugkörper und Raketen für weitere rund 3,2 Milliarden Euro – die Preise seien »laut US-Regierungsverträgen nicht verhandelbar«.
Im Haushaltsausschuss stehe das »F127«-Projekt nun erst einmal auf Halt, heißt es. Es herrscht angesichts dieser Kostenexplosion offenbar Unmut unter den Parlamentariern. Besonders brisant: »Nach Aktenlage plante die Bundeswehr schon mit Kostensteigerungen, bevor man die Abgeordneten im Sommer in die Ferien verabschiedet hatte.« Das Magazin zitiert einen namentlich nicht genannten Parlamentarier mit den Worten: »Das kann ich nicht machen!« Er könne solche Summen »mitten in einer Debatte über Kürzungen im Gesundheitssystem und Zumutungen bei der Rente« gegenüber seinen Wählern nicht rechtfertigen.
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 2,3
-
Joachim Becker aus Eilenburg 6. Nov. 2026 um 11:18 UhrAuch im nächsten Jahr, also 2027, »müssen wir« – gemeint sind damit wohl alle Arbeiterinnen und Arbeiter, Migrantinnen und Migranten, Studierende, Rentnerinnen und Rentner, Obdachlose … – den »Gürtel enger schnallen«. Da stellt sich die Frage: Wie eng denn noch? In der BRD reicht bei vielen Menschen das Geld so schon gerade noch zum Überleben. Es wird in allen Bereichen das Geld gespart, Stellen werden gestrichen usw., um die Rüstungsprojekte zu finanzieren. Leider gibt es unverständlicherweise dagegen bisher keine nennenswerten Proteste, abgesehen von den wenigen Jugendprotesten in den letzten Wochen. Liegt es am fehlenden gesellschaftlichen Zusammenhalt, dass sich in der BRD nichts bewegt? Von den »Kürzungsorgien« ist doch nicht nur die Jugend betroffen.
- Antworten
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
