»Schon im Erwerbsleben waren viele benachteiligt«
65 Jahre deutsch-türkisches Anwerbeabkommen: Wer kam, lebt heute häufig in Altersarmut. Ein Gespräch mit Janina Söhn
Sogenannte Gastarbeiter, die aufgrund des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens, das sich am 30. Oktober zum 65. Mal gejährt hat, seit 1961 in die BRD kamen, sind heute vielfach von Altersarmut betroffen. Wie ist das Ausmaß?
Rund 351.000 Menschen mit türkischer Staatsangehörigkeit beziehen eine gesetzliche Alters- oder Erwerbsminderungsrente in Deutschland, im Schnitt allerdings etwa 360 Euro weniger als verrentete Deutsche: 2025 im Vergleich 890 Euro zu 1.250 Euro pro Monat. Die durchschnittliche Altersrente von Frauen, knapp über die Hälfte der türkeistämmigen Rentenbeziehenden, liegt bei 687 Euro im Vergleich zu 1.046 Euro bei deutschen Frauen. Das zeigt eine Sonderauswertung der Deutschen Rentenversicherung.
Was bedeutet das für die Lebensqualität dieser Menschen, die oft lange in Deutschland gearbeitet haben?
Schon in ihrem Erwerbsleben waren viele mehrfach benachteiligt. Auch wer besonders hart im Bergbau oder in der Autoindustrie schuftete, bekam einen Lohn, der eher am unteren Ende der Gehaltsskala lag. Damalige Migrantinnen und Migranten bezogen, wie in diesen Bereichen tätige einheimische Arbeiterinnen und Arbeiter auch, niedrigere Gehälter als Angestellte und Beamte. Im Zuge der Deindustrialisierung ab den 1980er Jahren wurden viele erwerbslos. Solche Lebensumstände wirken sich oft negativ auf die Gesundheit aus. Deswegen erhielten Zugewanderte überdurchschnittlich häufig Erwerbsminderungsrenten oder starben gar vor dem Renteneintritt. Viele Jahre war nicht klar, ob sie langfristig in Deutschland bleiben durften oder wollten. Diese Unsicherheit zusammen mit rassistischer Ausgrenzung stellen erhebliche psychische Belastungen dar.
Warum erhalten vor allem Frauen eine so niedrige Rente?
Bei den türkeistämmigen Frauen, ähnlich wie bei westdeutschen, schlagen lange Phasen der familiären Sorgearbeit – über die rentenrechtlich anerkannten Kindererziehungszeiten hinaus – zu Buche. Oft hatten sie ohne formale Ausbildung dann schlechtere Erwerbschancen. Zum allgemeinen Gender-Pay-Gap (Differenz zwischen der Entlohnung von Frauen und Männern, jW) kommen die Arbeitsmarktnachteile von Ausbildungslosen generell sowie ethnische Diskriminierung und ausländerrechtliche Benachteiligungen hinzu. Leben Rentnerinnen mit Partnern zusammen, gibt es immerhin meist zwei Einkommensquellen. Aber Männer etwa aus der Türkei erhalten ja weniger Rente als Deutsche: 1.108 zu 1.518 Euro. Also haben migrantische Paare im Alter auch zusammen weniger Geld.
Seit 2021 gibt es die von der SPD favorisierte Grundrente für Menschen mit geringem Einkommen. Weshalb erhalten Zugewanderte diesen Zuschlag oft nicht?
Um den Grundrentenzuschlag zu erhalten, muss man mindestens 33 Jahre eigene Rentenansprüche erworben haben. Auf diese Anzahl sozialversicherter Jahre kommen viele Migrantinnen und Migranten gar nicht. Und mit geringfügiger Beschäftigung erreicht man die erforderliche Schwelle von 30 Prozent des allgemeinen Durchschnittsverdienstes nicht. Aus der Armutsgefährdung schafft man es selbst mit einem Grundrentenzuschlag nicht unbedingt. Dieser beträgt bis zu 500 Euro, im realen Schnitt 97 Euro. Grundsicherung im Alter muss beantragt werden. Viele tun es nicht – aus Scham, Unkenntnis ihrer Rechte oder weil sie fürchten, ihren Aufenthalt zu gefährden.
Könnte sich daran unter dieser CDU/SPD-Bundesregierung noch etwas ändern?
Wohl kaum. Schon allein aufgrund des Drucks von rechts wird die Regierung nichts »extra« für Zugewanderte machen. Für deutsche Spätaussiedler, die aus ehemals kommunistischen Staaten kamen, kompensiert die Bundesrepublik zumindest einen Teil des im Herkunftsland verbrachten Erwerbslebens mit eigenen Ansprüchen an die gesetzliche Rentenversicherung hierzulande.
Was ist zu tun, um Abhilfe zu schaffen?
Es gilt, darauf zu dringen, dass Grundsicherung und Grundrente aufgestockt werden, weil ja alle Bezieher oft armutsgefährdet sind. In der Migrationspolitik muss die Regierung für zukünftige Rentenversicherte Teilhabechancen im Erwerbsleben verbessern, Deutschkurse weiter ausbauen und schneller eine rechtliche Bleibeperspektive bieten. Allen Menschen ohne Ausbildung muss sie ermöglichen, Aus- und Weiterbildung nachzuholen. Die jetzige Bundesregierung müsste hierzu ihre Prioritäten anders setzen.
Janina Söhn ist Soziologin am Soziologischen Forschungsinstitut Göttingen
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