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»Solchen Ideologen darf man keine Bühne bieten«
Hessen: Frankfurter Linke fordert Absage an AfD-nahen Comedian. Ein Gespräch mit Michael Müller
Der Stand-up-Comedian Nikolai Binner, der dem AfD-Vorfeld zugerechnet werden kann, plant, am 6. November im Saalbau Volkshaus Enkheim aufzutreten. Der Magistrat der Stadt Frankfurt am Main und das Haus müssten alle rechtlichen Möglichkeiten zur Absage ausschöpfen, fordern Sie mit einem Antrag. Warum ist Ihnen bei Binner nicht zum Lachen zumute?
Nikolai Binner bedient bei seinen Auftritten rechte Narrative, indem er Gewaltphantasien gegen Gruppen von Menschen propagiert. Per Dogwhistling befeuert er etwa Antisemitismus, Schoah-Leugnung und Kampagnen gegen queere Menschen.
Was meinen Sie mit Dogwhistling?
So wie man bei einer Hundepfeife als Mensch den Ton nicht hören kann, wird mit dieser Methode doppelbödige oder codierte Sprache verwendet. Für die breite Mehrheit hört es sich wie scheinbar unverfängliche Phrasen an. Eine bestimmte Gruppe, also rechtsextreme oder diesen ideologisch nahestehende Kreise, können darin aber versteckte, mitunter rassistische, diskriminierende oder menschenfeindliche Botschaften erkennen. So lässt sich Gesagtes leicht dementieren, da einschlägige Aussagen nicht wörtlich getroffen werden müssen.
Welche Funktion erfüllen Comedians wie Binner innerhalb des AfD-Kosmos?
Indem sie ihre Ressentiments in vermeintliche Witze verpackt auf der Bühne darbieten, unterstützen rechte Comedians den Versuch der AfD, die schleichende Normalisierung menschenverachtender Inhalte zu erreichen. Das Ziel ist, Positionen der alten und neuen Rechten zu stärken. Nazis gab es hierzulande schon seit den 1920er Jahren. Neu ist nur, dass sie nun auf einen starken parlamentarischen Arm und somit auf verlässliche Kontinuität zurückgreifen können.
Welche Folgen befürchten Sie, wenn jemand wie Binner in Frankfurt auftritt?
Unsere Haltung ist, dass man solchen rechten Ideologen keine Bühne bieten darf, schon gar nicht in städtischen Räumen. Es gibt jetzt auch den Aufschrei aus der jüdischen Gemeinde. SPD‑Arbeitsgemeinschaften aus Frankfurt und Südhessen sowie andere Gruppen der Frankfurter Stadtgesellschaft haben dies erkannt.
Sie monieren, dass die Frankfurter Regierungskoalition aus CDU, Grünen, SPD und Volt den Antrag Ihrer Fraktion wohl auch deshalb abgelehnt hat, weil man mit Anträgen der Linkspartei grundsätzlich so verfährt. Oft erfolgt wenig später dann ein ähnlicher Antrag einer anderen Partei.
Wenn sie schon nicht einem Antrag der Linkspartei zustimmen können, sollten sie einen eigenen einreichen. Hauptsache, der Auftritt wird abgesagt. Wenn wir sehen, wie stark die AfD in Sachsen-Anhalt ist, müssen wir jetzt endlich Haltung zeigen. Aussitzen und wegducken bringt nichts.
Warum geht es Ihnen nur darum, einen offen rechten Comedian zu canceln, während ein Dieter Nuhr ungestört im öffentlich-rechtlichen Rundfunk reaktionäres und »anti-wokes« Kabarett unter die Leute bringt?
Die Linke und ich als deren kulturpolitischer Sprecher lehnen auch einen Dieter Nuhr wegen seiner inhaltlich rechten Positionierung ab. Jedoch wollen wir auf gar keinen Fall einem extrem rechten Comedian wie Binner eine städtische Bühne bieten. In seinem Onlineshop zeigt er T-Shirts mit einem Reh, darunter der Begriff »Migration«!
Rückt politische Comedy weiter nach rechts? Die ZDF-»Heute-Show« und das NDR-Satiremagazin »Extra 3« haben die Kampagne gegen Die Linke nach der Berlin-Wahl nahezu eins zu eins übernommen. Fanden Sie das witzig?
Klar haben sie diese Kampagne gegen die Linkspartei in Berlin so unterstützt. Das ist jedoch nicht gleichzusetzen. Grundsätzlich brauchen wir eher progressive Kabarettsendungen, gerade um dem Rechtstrend entgegenzuhalten. Wenn in den genannten Satiresendungen mal ein Beitrag zu kritisieren ist, ist das nicht annähernd so gefährlich wie extrem rechte Darbietungen wie die von Binner. Wir werden uns auf der Straße und im Parlament weiterhin dafür einsetzen, diesen Auftritt abzusagen.
Michael Müller ist Fraktionsvorsitzender und kulturpolitischer Sprecher der Linke-Fraktion in Frankfurt am Main
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