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Veränderungen der Kryosphäre

Das Wasser steigt

Der Klimawandel beschleunigt die Eis- und Schneeschmelze. Ein neuer Bericht des Umweltprogramms der UNO informiert über die dramatischen Folgen

Foto: Xinhua/IMAGO
Der Baishui-Fluss-Gletscher Nr. 1, der größte Gletscher des Jadedrachen-Schneegebirges im Südwesten Chinas

Es wird heißer und immer heißer auf dem Planeten. Dürren und katastrophale Niederschläge nehmen zu, Tropenstürme werden intensiver, und die globale Durchschnittstemperatur liegt fast schon 1,5 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau. Damit stehen wir an einer Schwelle, von der es in der 2015 in Paris vereinbarten Klimaübereinkunft heißt, dass sie möglichst nicht überschritten werden soll. Denn jenseits dieses Wertes drohen allerlei sehr unschöne Überraschungen für die Menschheit. Zum Beispiel kollabierende Eisschilde in der Westantarktis, der Zusammenbruch der nordatlantischen Umwälzzirkulation, der West- und Nordeuropa das dortige milde Klima verdankt, oder das Absterben der tropischen Korallenriffe, was dramatische Konsequenzen für die Fischbestände und damit für die Welternährung hätte.

Eines der Sorgenkinder der Forschenden ist die sogenannte Kryosphäre, die Welt aus Schnee und Eis in den Hochgebirgen und jenseits der Polarkreise. Ein an diesem Montag veröffentlichter Bericht der International Cryosphere Climate Initiative und des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP), an dem 80 Kryosphärenforscherinnen und ‑forscher aus aller Welt beteiligt waren, warnt einmal mehr ausdrücklich vor den Folgen des Überschreitens der 1,5-Grad-Schwelle. Weitere Erwärmung erhöhe das Risiko, dass Teile der Eisschilde kollabieren. Der globale Meeresspiegel könnte dann um mehrere Zentimeter pro Jahr steigen, schneller, als sich Küsten schützen ließen. Auch in den Hochgebirgen schwindet das Gletschereis immer schneller, was in manchen Regionen künftig die Wasserversorgung gefährden wird. Zudem, so der Bericht, könnte künftig tauender Permafrost große Mengen an Treibhausgasen freisetzen. Mit Permafrost wird der in den eisigen Regionen dauerhaft gefrorene Boden bezeichnet.

Der jetzt veröffentlichte Text ist Teil eines größeren Berichts der UNEP, der sich mit der Frage des sogenannten Overshoots, des zeitweisen Überschreitens der 1,5-Grad-Schwelle befasst. Dessen Quintessenz ist, dass dies so gering und kurz wie möglich gehalten werden sollte, dass also die Dringlichkeit einschneidender Klimaschutzmaßnahmen immer mehr zunimmt. »Sowohl die Stärke als auch die Dauer des Overshoots sind entscheidend«, erklärt Ben Marzeion, der am Institut für Geographie der Universität Bremen Klimageographie lehrt. Wie stark die Dauer ins Gewicht fällt, hänge von der Trägheit des jeweiligen Komplexes ab. Marzeion: »Das arktische Meereis reagiert am schnellsten, Gebirgsgletscher brauchen Jahrzehnte bis Jahrhunderte, um sich an ein neues Klima zu gewöhnen, die großen Eisschilde sogar Jahrhunderte bis Jahrtausende.«

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Entscheidend sei die Trägheit der Subsysteme, die in beide Richtungen wirke. »Je länger der Overshoot dauert, desto mehr Zeit haben auch träge Systeme, auf die Erwärmung zu reagieren. Zugleich setzen wir schon jetzt Verluste in Gang, die wir heute noch gar nicht sehen. Selbst wenn die Temperatur auf dem aktuellen Niveau verharrte, würden die Gletscher weltweit langfristig etwa 40 Prozent ihrer Masse einbüßen.«

Mit den entsprechenden Folgen für den Meeresspiegel: »Da ein Meeresspiegelanstieg von mehreren Metern langfristig unvermeidlich ist, wird es in den kommenden Jahrhunderten immer schwieriger werden, Städte wie Hamburg, Bremen oder auch New York zu schützen.« Der Klimageograph ist überzeugt, dass wir uns von einigen Küsten irgendwann zurückziehen müssen. Entscheidend sei dabei weniger die Höhe des Anstiegs als dessen Tempo: »Schon ein Zentimeter pro Jahr bringt Schutzbauten mit jahrzehntelanger Planungszeit an ihre Grenzen. Ein geordneter Rückzug erfordert vor allem Zeit. Deshalb: Anpassung ja, unbedingt – aber auf jeden Fall zusammen mit Klimaschutz. Ohne Klimaschutz bleibt uns für die Anpassung schlicht keine Zeit.« Derzeit steigt der Meeresspiegel im globalen Mittel um knapp vier Millimeter pro Jahr, gut 30 Prozent schneller als noch vor 20 Jahren. Alles spricht dafür, dass sich der Anstieg weiter beschleunigt.

Dabei könnte es längst schon viel schlimmer aussehen, würden die Ozeane nicht die globale Erwärmung erheblich abpuffern. Zum einen nehmen sie rund ein Drittel der CO₂-Emissionen auf. Ein weiterer Teil landet innerhalb von Monaten in der Biosphäre, so dass bisher nur knapp 50 Prozent dessen, was Jahr für Jahr aus der Verbrennung von Kohle, Erdölprodukten und Erdgas in die Atmosphäre gelangt, dort langfristig bleibt – über Jahrtausende, sofern nicht technische Wege gefunden werden, es wieder aus der Atmosphäre zu entfernen. Zum anderen werden gut 90 Prozent der Wärmeenergie, die die emittierten Treibhausgase zusätzlich im Erdsystem festhalten, von den Weltmeeren abgespeichert.

Die große Frage ist, wie lange die Meere uns noch diese Dienste erweisen. Die CO₂-Aufnahmerate der Meere sinkt mit steigenden Temperaturen und hängt auch von der Chemie des Wassers ab. »Eine schwächere Kohlenstoffsenke im Ozean führt dazu, dass mehr Kohlendioxid in der Atmosphäre verbleibt und die Klimaziele schwerer und kostspieliger zu erreichen sind. Der Ozean hat der Menschheit im Kampf gegen den Klimawandel Zeit verschafft. Wir können es uns nicht leisten, diese Rolle als selbstverständlich anzusehen«, meint Martin Krause, Leiter der Abteilung Klimawandel beim UNEP. Der von seiner Organisation vergangene Woche veröffentlichte Climate Technology Progress Report 2026 fordert daher den Ausbau umfassender Überwachungssysteme für die Weltmeere.

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Erschienen in der Ausgabe vom 03.11.2026, Seite 15, Natur & Wissenschaft

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