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Klimawandel

Kein Grund zur Ruhe

Der 16. deutsche Extremwetterkongress fasst die Entwicklungen der letzten Jahre zusammen

Foto: Arnulf Hettrich/IMAGO
Wasserarmer Rhein. Im August sank der Pegel des Flusses auf historische Tiefstände

Mit der rasch voranschreitenden globalen Erwärmung wird auch hierzulande das Wetter immer wechselhafter mit immer weiter auseinanderliegenden Extremwerten, was auch die Gesellschaft zunehmend belastet. In welchem Maße etwas und was genau dagegen getan werden kann, wurde vergangene Woche in Hamburg auf dem 16. deutschen Extremwetterkongress diskutiert. Fast tausend Fachleute und Interessierte waren gekommen. Schadensbegrenzung, Anpassung und mehr Klimaschutz waren die großen Themen, die die Teilnehmerinnen und Teilnehmer bewegten.

Denn eins ist klar: Die Klimakrise schlägt nicht nur in fernen Ländern zu, sondern auch ganz konkret hierzulande, wie Tobias Fuchs, Vorstandsmitglied für Klima und Umwelt beim Deutschen Wetterdienst (DWD), bei der Eröffnung des Hamburger Kongresses deutlich machte. Seit den 1960er Jahren sei jedes Jahrzehnt wärmer als das vorhergehende gewesen. Die Zahl der Hitzetage mit Temperaturen über 30 Grad Celsius nehme dramatisch zu.

In den 1950er Jahren habe es drei Hitzetage pro Jahr im Durchschnitt gegeben, inzwischen liege der letzterer bei zwölf. 2026 wurde dieser neue hohe Wert noch einmal deutlich übertroffen. Landesweit wurden 22 Hitzetage registriert – durchschnittlich, das heißt, in einigen Regionen, vor allem im Süden, waren es sogar mehr, in anderen weniger. Fuchs: »Das ist mehr als siebenmal so viel wie in den 1950er Jahren. Der 2026er Wert ist beispiellos seit Beginn der systematischen Messungen 1881.«

Vielfach wurden neue Lokalrekorde erreicht, und auch ein neuer Landesrekord wurde gemessen: 41,8 Grad Celsius am 27. Juni im sachsen-anhaltinischen Möckern-Drewitz. Insgesamt wurden 2026 an 75 Stationen Temperaturen von über 40 Grad Celsius erfasst. Das war nach DWD-Zählung fast doppelt so oft wie in den 38 Jahren von 1983 bis 2020 insgesamt. 1983 war zum ersten Mal an einer deutschen Wetterstation eine Temperatur von über 40 Grad Celsius festgestellt worden.

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Die Nacht vom 27. zum 28. Juni dieses Jahres brachte einen weiteren Rekord. Im sächsischen Kübitz, sank die nur auf 29,4 Grad Celsius. Derartige Werte sind eher in tropischen Regenwäldern typisch. Ein so hohes nächtliches Minimum war an den rund 2.000 Messstationen des Deutschen Wetterdienstes bisher noch nie beobachtet worden.

Das bleibt nicht ohne »deutliche Folgen für Mensch und Natur«, so Fuchs. Rund 16.000 hiesige Hitzetote hat das Robert-Koch-Institut für den Sommer 2026 ermittelt. Schon Ende Juni, ungewöhnlich früh im Jahr, war eine erste Hitzewelle über das Land gezogen. Die hohen Temperaturen sorgten für verstärkte Verdunstungsraten, was zusammen mit einem seit dem Frühjahr anhaltenden Regendefizit vielerorts zu Dürre und zu extrem niedrigen, die Binnenschiffahrt behindernden, Pegelständen in den Flüssen führte.

Zwischen März und August fehlte im Süden mancherorts bis zur Hälfte des sonst in diesen Monaten üblichen Niederschlags. Das machte dort vor allem der Weidewirtschaft zu schaffen, berichtete Bernd Schmitz von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft im Gespräch mit jW. Da die Kühe auf den Weiden nicht mehr genug Futter fanden, mussten die Landwirte zukaufen, meist aus Norddeutschland, so dass erhebliche Kosten entstanden. Auch die chemische Industrie am Rhein hatte unter der Trockenheit zu leiden. Die Binnenschiffe für den Gütertransport konnten wegen der niedrigen Wasserstände nicht mehr voll beladen werden, was die Fracht verteuerte. Dieser Sommer, so heißt es in der Abschlusserklärung des Extremwetterkongresses, »hat in Deutschland volkswirtschaftliche Schäden von rund 36 bis 42 Milliarden Euro« verursacht.

Hitze forderte bisher die meisten Todesopfer im Zuge des Klimawandels, wie Fuchs betonte. Aber die höheren Temperaturen bedeuten auch mehr Extremniederschläge und heftigere Stürme, weil die Atmosphäre mehr Feuchtigkeit aufnehmen kann. Sie sind verantwortlich für Tauprozesse bis hin zum Gletscherschwund in den Hochgebirgen, was dort zu katastrophalen Hangrutschen und Flutwellen führen kann, wie im März 2025 in den Schweizer Alpen oder jetzt Ende August im nepalesischen Himalaja.

Vor diesem Hintergrund haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Kongresses in einer kurzen Abschlusserklärung zu stärkeren Klimaschutzmaßnahmen aufgerufen. Außerdem fordern sie eine »Beschleunigung der Klimaanpassung sowie des Kata­strophen- und Bevölkerungsschutzes«. Energie- und Wärmewende müssten konsequent umgesetzt und für »die zügige Genehmigung und den beschleunigten Ausbau von Energiegroßspeichern« müsste gesorgt werden. Letzteres ist notwendig, um den unregelmäßig anfallenden Wind- und Solarstrom auch nachts oder an wolkenverhangenen Tagen nutzen zu können. (Diese Speicher stellen die Initiative zu den Gaskraftwerken dar, die die Bundesregierung bauen und per von den privaten Haushalten erhobener Zwangsumlage profitabel machen will.) International brauche es Investitionen in widerstandsfähige Infrastruktur und Frühwarnsysteme für alle Menschen, verbunden mit einer verlässlichen Finanzierung von Vorsorge und Anpassung für besonders gefährdete Länder, heißt es abschließend in der Erklärung.

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Erschienen in der Ausgabe vom 29.09.2026, Seite 15, Natur & Wissenschaft

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