Kollateralschaden
Gaza-Krieg: Wenn der Mensch hinter dem Begriff verschwindet – der Film »Naza« von Rachel Szor und Yuval Abraham
Filme erzählen eine Geschichte. Bei manchen Filmen allerdings wird der öffentliche Streit um sie selbst zur Geschichte. Der Dokumentarfilm »Naza« (hebräisch für »Kollateralschaden«) von Yuval Abraham und Rachel Szor, der beim Filmfestival von Venedig mit einem Preis ausgezeichnet wurde, ist so ein Film. Der auf anonymen Aussagen von 24 israelischen Soldaten und Geheimdienstoffizieren beruhende Film beschäftigt sich nicht nur mit den Folgen der Bombardierungen des Gazastreifens durch Israel infolge des 7. Oktober 2023, sondern mit dem Mechanismus, der ihnen vorausging: der Sammlung von Informationen, der Auswahl der Ziele, der Einschätzung der Zahl der Zivilisten, die möglicherweise getroffen werden könnten, und der Frage, was als gerechtfertigter »Kollateralschaden« gilt. Doch es scheint, als verfehle die öffentliche Kontroverse, die der Film ausgelöst hat, die tiefere Frage, die er der israelischen Gesellschaft stellt.
Verlust der Moral
Natürlich kann man über die Zuverlässigkeit einzelner Aussagen streiten, prüfen, ob eine bestimmte Erinnerung mit den Tatsachen übereinstimmt und ob einzelne Fälle Anlass für rechtliche Schritte geben könnten. Doch es gibt eine Tatsache, die nicht bestritten werden kann und die gerade im Titel des Films eingeschrieben ist: Was sagt es über die Moral einer Gesellschaft aus, wenn sie die Verletzung Unschuldiger als »Kollateralschaden« bezeichnet? In der entsprechenden Begriffswelt wird ein Haus zu einer »Struktur«, eine Familie zu einer »Zahl« und ein getötetes Kind zu einem Zivilisten, der sich zufällig in der Nähe eines Ziels befand. Der Tod selbst wird zu einer Größe innerhalb eines Systems professioneller Erwägungen. So entsteht die psychologische und moralische Möglichkeit, eine Katastrophe aus der Distanz zu betrachten. Genau an diesem Punkt verliert die Sprache ihre eigentliche Bedeutung – und eine Gesellschaft ihr moralisches Empfinden.
Noch bevor der Film in Israel gezeigt wurde, waren seine Regisseure bereits einer Diffamierungskampagne ausgesetzt. Sie wurden als Verräter bezeichnet und beschuldigt, »den Soldaten der israelischen Armee geschadet« zu haben – als hätte die Armee eine von der Regierung unabhängige Politik. Premierminister Benjamin Netanjahu gab den Ton an, als er erklärte, man müsse den Filmemachern die Staatsbürgerschaft entziehen, offenbar in der Annahme, Kritik an seiner Regierung rechtfertige einen solchen Schritt. Es liegt nahe, die Motive für diese Hetze – wahltaktische Erwägungen und der Versuch, die Aufmerksamkeit von den Versäumnissen der Regierung auf »verräterische Linke« zu lenken – als Bestätigung des berühmten Ausspruchs des britischen Universalgelehrten Samuel Johnson (1709–1784) zu verstehen, wonach »Patriotismus die letzte Zuflucht des Schurken« sei. Zugleich sollte man nicht nur feststellen, dass die im Film erhobenen Vorwürfe kaum sachlich beantwortet wurden, sondern auch, dass gerade in den Äußerungen offizieller Sprecher und Regierungsminister Aussagen zu finden sind, die einige seiner Vorwürfe zu bestätigen scheinen.
Nach israelischen Schätzungen beispielsweise waren etwa ein Drittel der in Gaza Getöteten Hamas-Kämpfer. Mit anderen Worten: Zwei Drittel der Getöteten waren Zivilisten oder andere Nichtkombattanten – was erneut die Frage aufwirft, was unter »Kollateralschaden« eigentlich zu verstehen ist. Oder, um ein anderes Beispiel zu nennen: Im Sommer prahlte Verteidigungsminister Israel Katz auf X damit, dass es »heute in Gaza eine Sicherheitszone gibt, die frei von Bewohnern und Häusern ist«, die sich über etwa 70 Prozent des Gazastreifens erstreckt. Selbst wenn man den politischen Kontext dieser Äußerung außer acht lässt, kann man nicht umhin, sich zu fragen, was die Formulierung »frei von Bewohnern und Häusern« tatsächlich bedeutet. Was ist aus den Menschen geworden, die in diesen Häusern lebten? Wohin sind sie gegangen? Und vor allem: Wie können emotional scheinbar neutrale Begriffe wie »Sicherheitszone«, »frei von Bewohnern« und »Kollateralschaden« es einer Gesellschaft erleichtern, sich ihrer moralischen Verantwortung zu entziehen?
Hölle von Gaza
Während der Film den israelischen Entscheidungsmechanismus betrachtet, ermöglicht der ausführliche Bericht des französischen Historikers Jean-Pierre Filiu, »Un historien à Gaza« (deutsche Übersetzung: »Ein Historiker in Gaza«, Berlin 2025), einen Perspektivwechsel und einen Blick auf die Folgen von der anderen Seite. Filiu besuchte den Gazastreifen im Dezember 2024 und musste feststellen, wie abgrundtief sich das, was sich nun vor seinen Augen auftat, von dem Ort unterschied, den er in Erinnerung hatte. Filiu beginnt seinen Bericht mit der Beschreibung von verwüsteten Landschaften, die an Dantes »Inferno« erinnern. In Khan Junis, einer Stadt, die er gut gekannt hatte, sieht er eine Landschaft aus Kratern und Trümmern. Von einer Moschee ist nur noch ein Minarett übrig. Eine ganze Straße ist durch ein eingestürztes Gebäude blockiert, und das Dar-Al-Salam-Krankenhaus ist zu einem Schutthaufen geworden.
Filiu betont, dass er verschiedene Kriegsschauplätze besucht, aber noch nie etwas Vergleichbares gesehen habe. Die von ihm genannten Zahlen vermitteln das Ausmaß der Zerstörung: 87 Prozent der Wohngebäude wurden beschädigt, mehr als 80 Prozent der Geschäfte zerstört, und zwei Drittel des Straßennetzes sind unbrauchbar. Doch so erschütternd die Zahlen auch sein mögen, sie erzählen nicht die ganze Geschichte. Hinter jedem eingestürzten Gebäude standen Leben, hinter jedem verschwundenen Viertel ein soziales Gefüge, und hinter jeder Zahl verbergen sich Menschen, Familien, Erinnerungen und Träume.
Die menschliche Dimension der Zerstörung wird in den persönlichen Geschichten deutlich, die Filiu wiedergibt. Er schreibt von Menschen, die nicht einmal mehr den Ort ihres Hauses wiederfinden, Menschen, die lebendig unter den Trümmern begraben wurden, und Familien, die ihr vertrautes Umfeld und die Gemeinschaft verloren haben, in der sie gelebt hatten. Den von ihm angeführten Daten zufolge mussten etwa 1,9 Millionen Menschen ihren Wohnort mehr als einmal verlassen. Am Ende erwartete sie kein neues Zuhause, sondern ein beengter Raum von weniger als zwei Quadratmetern pro Person in einem Zelt.
Leid der Kinder
Ein erschütterndes Beispiel ist die Geschichte der Familie Al-Fassi. Nachdem sie immer wieder vertrieben worden war, fand sie in einem Zelt am Meer Zuflucht. In einer kalten und stürmischen Nacht zitterte ihre erst drei Wochen alte Tochter Sila vor Kälte. Am nächsten Morgen fanden ihre Eltern das Kind tot vor. Im Nasser-Krankenhaus wurde als Todesursache Unterkühlung festgestellt. Es war der dritte derartige Fall in diesem Krankenhaus innerhalb von 48 Stunden, nach dem Tod eines drei Tage alten Babys und eines weiteren im Alter von einem Monat. Es ist schwer, Filius Bericht zu lesen und dennoch in der sterilen Sprache des »Kollateralschadens« zu verharren. Hinter diesem Begriff steht ein drei Wochen altes Baby, dahinter stehen ein Vater und eine Mutter, die versuchen, den Körper ihres Kindes warmzuhalten – und am Morgen finden sie ihre tote Tochter.
Der »Kollateralschaden« beschränkt sich nicht auf den Tod und die Zerstörung der Familie. Er reicht bis in die elementarsten Bedingungen des Lebens hinein. Filiu beschreibt Müllhalden, barfüßige Kinder, Zelte, die weder vor Wind noch vor Regen schützen, im Sand ausgehobene Latrinen, den Geruch von Abwasser und den Mangel an Privatsphäre. Das Wasser ist vielleicht das deutlichste Beispiel für den Zerfall der elementaren Lebensbedingungen. Nach den von ihm angeführten Zahlen lag die täglich verfügbare Wassermenge vor dem Krieg bei etwa 80 Litern pro Person am Tag, während sie Ende 2024 auf etwa neun Liter gesunken war, davon rund zwei Liter zum Trinken. Auch hier verbirgt die Zahl die Wirklichkeit nicht weniger, als sie sie beschreibt. Neun Liter sind nicht nur eine statistische Größe. Sie stehen für einen Menschen, der mit einem Kanister Schlange steht, ein Kind, das auf Wasser wartet, eine Familie, die nicht weiß, wann sie ihren nächsten Behälter wieder füllen kann.
Die Zerstörung zeigt sich auch im Gesundheitssystem. Filiu beschreibt Krankenhäuser, die sich von Orten der Heilung in Räume der Angst, des Mangels und der Belagerung verwandelt haben. Verwundete und Kranke müssen unter extremen Bedingungen behandelt werden. Das System, dem es an Ausrüstung und Personal mangelt, ist nicht mehr in der Lage, eine grundlegende medizinische Versorgung sicherzustellen. Nach den von ihm angeführten Zahlen haben tausend Dialysepatienten und etwa zehntausend Krebskranke den lebenswichtigen Zugang zu Behandlung und medizinischer Betreuung verloren.
Bleibende Verantwortung
Letztlich ergänzt Filius Bericht den Film. Während der Film sich mit den militärischen Entscheidungen beschäftigt, konzentriert sich Filiu auf deren menschliche Folgen. Er beginnt bei dem Menschen am anderen Ende der militärischen Entscheidung: bei der vertriebenen Familie, dem Kind, das nach Wasser sucht, dem Baby, das erfroren ist, dem Kranken, der auf Behandlung wartet, dem Arzt, der unter unmöglichen Bedingungen weiterarbeitet, der Stadt, die bis auf die Grundmauern zerstört wurde, und einer Gesellschaft, die auseinandergebrochen ist.
Man kann über Zahlen, Zeugenaussagen oder eine bestimmte militärische Entscheidung streiten. Doch die faktische Kontroverse kann die moralische Frage nicht beseitigen: Was geschieht, wenn ein ganzes System sich daran gewöhnt, Menschen mit Begriffen zu beschreiben, die es ihm ermöglichen, sich von der menschlichen Bedeutung seines Handelns zu distanzieren? »Kollateralschaden« ist ein Begriff, der die Wirklichkeit aus der Perspektive des militärischen Systems ordnet. Er sortiert, klassifiziert und berechnet. Aber er beschreibt nicht die Erfahrung derjenigen, die auf der anderen Seite dieses Begriffs leben. In Gaza gibt es keinen »Kollateralschaden«. Es gibt den Verlust eines Hauses, einer Familie, eines Körpers, einer Erinnerung und einer Zukunft.
In dem Moment, in dem wir die Verletzung von Menschen mit einem technischen und professionellen Begriff beschreiben, fällt es leichter, sich von ihrer Bedeutung zu entfernen. Filius Bericht tut das Gegenteil: Er gibt den Begriffen und Zahlen Gesichter, Familien, Angst, Schmerz und Tod zurück. Er stellt die konkreten Folgen des Krieges der abstrakten Sprache gegenüber, in der dieser beschrieben wird.
Die israelische Gesellschaft kann die Realität ignorieren, sie kann die Filmemacher verurteilen und sich sogar weiterhin von einem substanzlosen Gaukler in den Bann ziehen lassen. Doch nichts davon wird sie von ihrer Verantwortung entbinden. Und selbst wenn tausend Jahre vergehen, werden die in ihrem Namen begangenen Ungerechtigkeiten niemals weißgewaschen sein.
→ Ofer Chen ist Historiker und arbeitet an der Universität Tel Aviv sowie am Leo-Baeck-Institut in Jerusalem. In Pressebeiträgen befasst er sich regelmäßig mit der Geschichte und Gegenwart Israels und des Judentums.
→ Der Film »Naza« ist bereits angelaufen. Im Anschluss an die Kinoauswertung will die Londoner Zeitung The Guardian ihn auf ihrer Webseite als Stream zur Verfügung stellen.
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