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MS Charon des Tages: MV Odyssey

Foto: Soveit Yarn/REUTERS

Man sollte das Schicksal nicht herausfordern. Schon gar nicht mit kecken Namen. »MV Odyssey« heißt das Kreuzfahrtschiff, das derzeit vor Kambodscha liegt und einstweilen wohl auch dort liegen bleibt. Besonders an ihm: Rund 200 der Passagiere sind keine Einmaltouristen, Menschen vielmehr mit überdurchschnittlich ausgeprägter Altersvorsorge und der Idee, den Rest ihres Lebens kreuzfahrend zu verbringen. Oma is ne Umweltsau, sang der WDR-Kinderchor schon, als Gen Z noch nicht regelte, doch ganz gewiss haben Jack und Karen aus Montana neben Haus, Hof und Gesindel auch ihren SUV verkauft, ehe sie auf der CO₂-Schleuder »Odyssey« ihr Habitat bezogen.

Ohne es zu wissen, betraten die Satten das sinkende Schiff. Infolge des Iran-Kriegs stiegen die Treibstoffpreise, eins zu eins umgelegt auf die Wohnkosten. Zuletzt lag die Miete einer Kabine bei 7.000 Euro im Monat. Als das auch nicht mehr reichte, bat der Betreiber die Passagiere – also der Vermieter die Mieter – um einen Kredit für weiteren Treibstoff. Die Zeichen der Apokalypse häuften sich, erst wurde das Internet schlechter, dann das Essen und dann kam Kambodscha.

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Kreuzfahrt ist eine merkwürdige Art, Zeit totzuschlagen. Man zieht eigentlich bloß in eine andere Stadt, nur auf dem Wasser, folglich verbringt man den Tag mit Dingen, die man auch zu Hause tun kann: essen, shoppen, wellnessen und Elvis-Imitatoren zuschauen. Nach drei Wochen ist die Hölle wieder vorbei, es sei denn, man hält es wie Karen und Jack. Das Schiff als »MS Charon«, als schaukelnde Palliativmaßnahme. Was wiederum die Frage aufwirft, wie sich an Bord Leben und Tod noch unterscheiden lassen. Ob die Betuchtbetagten der »Odyssey« ihren Kahn hinter der Hand einfach »Fliegender Holländer« nannten? Der ging alle sieben Jahre an Land, um einen Tag lang zurück im Leben zu sein. Die »Odyssey« eher, um ihre Toten zu begraben.

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Erschienen in der Ausgabe vom 03.11.2026, Seite 3, Ansichten

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