»Vereint Euch, proletarische Brüder!«
Von Werner Abel
Mit dem Scheitern der Diktatur des Generals Primo de Rivera, der mit Unterstützung des Königs Alfons III. von 1923 bis 1930 regiert hatte, war im Gefolge der Weltwirtschaftskrise von 1929 ein Machtvakuum entstanden. Die meisten antimonarchistischen Kräfte, von den Konservativen über die Liberalen bis hin zu den Sozialisten, hatten sich im August 1930 zum »Pakt von San Sebastián« zusammengeschlossen, mit dem Ziel, die Monarchie abzuschaffen und eine Republik zu errichten. Die Entscheidung fiel bei den Wahlen vom 12. April 1931, die von den Republikanern in den Städten klar gewonnen wurden. Mit der Flucht des Königs am 14. April 1931 gingen 300 Jahre Bourbonen-Herrschaft zu Ende. Die Zweite Republik war geboren.
Die am 9. Dezember 1931 verbschiedete Verfassung der Zweiten Republik lässt sich als eine der damals fortschrittlichsten Verfassungen Europas bezeichnen. Spanien wurde als eine »demokratische Republik von Arbeitern aller Klassen« definiert und eine strikte Trennung von Staat und Kirche festgelegt. Der Katholizismus verlor den Status der Staatsreligion, der Jesuitenorden wurde aufgelöst und religiöser Schulunterricht untersagt. Der Zentralismus der Monarchie, der die Selbstverwaltung von Regionen wie Katalonien untersagt hatte, wurde abgeschafft. Eingeführt wurden das Frauenwahlrecht, die Zivilehe und das Recht auf Scheidung ebenso wie das Recht auf kostenlose weltliche Grundbildung. Um eine Agrarreform vorzubereiten, erhielt der Staat unter Verweis auf das Gemeinwohl das Recht, Privatbesitz gegen Entschädigung zu enteignen. Um eine erneute Diktatur zu verhindern, gab es zukünftig nur noch ein Parlament, die Cortes Generales. Das Parlament konnte dem Ministerpräsidenten das Vertrauen entziehen.
Manuel Azaña, der damalige Ministerpräsident, löste einen Sturm der Entrüstung aus, als er verkündete: »Spanien hat aufgehört, katholisch zu sein.« Die Empörung war ein Indiz dafür, dass die rasche Säkularisierung vermutlich ein großer Fehler war, denn viele religiöse Spanier, die der Republik ursprünglich neutral gegenüberstanden, sahen fortan im Staat einen »Feind Gottes«. Das verschaffte den Rechtskonservativen eine Massenbasis und machte die Kirche zu deren natürlichem Verbündeten.
Ein anderes Problem war die Landreform, deren Umsetzung den armen Bauern und Landarbeitern zu langsam ging, was zu Besetzungen und Unruhen führte. Die Oberschichten wiederum sahen ihr Eigentum bedroht und wurden zu Feinden der parlamentarischen Demokratie. Die soziale Frage wurde im Grunde nicht gelöst, was in vielen Landesteilen zu extremer Armut führte.
Blutiges Massaker
So litten etwa die Landarbeiter in Asturien unter extremem Hunger. Viele von ihnen waren Mitglieder der anarchosyndikalistischen Gewerkschaft Confederación Nacional del Trabajo (CNT), die im Januar 1933 in ganz Spanien Aufstände organisierte. Auch in dem kleinen Ort Casas Viejas östlich von Cádiz kam es zum Aufstand. Anwohner entwaffneten die Guardia Civil, wobei zwei Beamte ums Leben kamen. Daraufhin stürmten die Guardia Civil und die Guardia de Asalto (Sturmgarde) das Dorf und richteten ein Massaker an, dem 22 Dorfbewohner zum Opfer fielen. Die Ereignisse in Casas Viejas lösten in ganz Spanien Entsetzen aus.
Die republikanisch-sozialistische Regierung unter Manuel Azaña sah sich schweren Vorwürfen ausgesetzt. Die Linke warf ihr Verrat an der Arbeiterklasse vor, die Rechte stellte die Republik als gewalttätiges Monster dar. Auch die zahlenmäßig starken Anarchosyndikalisten sahen sich in ihrer Auffassung bestätigt, dass die Republik keineswegs die soziale Revolution bedeutete und es besser wäre, die Wahlen zu boykottieren, als bürgerliche Regierungen zu wählen.
Zersplitterung der Linken
Der Wahlboykott und die Zersplitterung der Linken waren der Grund, weshalb die Mitte-Rechts-Parteien bei den Wahlen im November 1933 siegten. Es begann das »Bienio Negro«, die »zwei schwarzen Jahre« . Mit der CEDA (Confederación Española de las Derechas Autónomas) war eine schlagkräftige katholisch-konservative Massenpartei entstanden, die die Agrarreform stoppen, die Teilnehmer des gescheiterten Militärputschs von 1932 begnadigen und die Politik gegenüber der katholischen Kirche entschärfen wollte.
Die Rechte profitierte vom republikanischen Wahlrecht, das eigentlich auf stabile Mehrheiten zielte. Es basierte nicht auf einer Verhältniswahl, sondern auf einem Listenwahlsystem mit extremer Mehrheitsbegünstigung. Dabei entsprachen die Wahlkreise in der Regel den Provinzen und großen Städten. Die Wähler hatten nicht nur eine Stimme, sondern konnten für mehrere Kandidaten stimmen, was ungefähr 75 bis 80 Prozent der im Wahlkreis zu vergebenden Sitze entsprach. Der Kern des Wahlsystems war eine 80/20-Regel, das heißt, die Liste mit den meisten Stimmen (relative Mehrheit) erhielt automatisch einen überproportionalen Anteil der Sitze, oft bis zu 80 Prozent. Die verbleibenden 20 Prozent erhielt die zweitplatzierte Liste. Alle anderen Parteien gingen leer aus. Damit aber eine Liste im ersten Wahlgang siegreich sein konnte, musste sie mindestens 40 Prozent der Stimmen erhalten. Geschah das nicht, wurde ein zweiter Wahlgang notwendig.
Nach dem Wahlsieg der Rechten bildete Alejandro Lerroux, dessen Partido Radical, früher eher links, nun konservativ, das Zentrum bildete, eine Regierung. Die CEDA tolerierte diese. Als aber im Oktober 1934 drei Minister der CEDA ins Kabinett eintraten, wurde das von der Linken als Beginn des spanischen Faschismus und als eine Übernahme der Politik Hitlers und Mussolinis gewertet. Es kam zu Streiks und Unruhen, die vor allem in zwei Regionen eskalierten: In Katalonien rief Lluís Companys den »katalanischen Staat innerhalb der Bundesrepublik Spanien« aus, der innerhalb weniger Stunden vom Militär niedergeschlagen wurde, was zur Verhaftung Companys führte. In Asturien besetzten bewaffnete Bergarbeiter Fabriken und die Stadt Oviedo. Die Regierung schickte daraufhin ihre Eliteeinheiten, nämlich die Afrika-Armee, die von marokkanischen Söldnern (Regulares) und der Fremdenlegion (Tercio) unterstützt wurde. Das Kommando hatte der damals noch wenig bekannte General Francisco Franco. Er ging mit extremer Brutalität vor. Es gab tausend Tote, Tausende Verletzte und 30.000 Verhaftungen.
Vor dem Hintergrund dieser Ereignisse kam es im Oktober 1934 unter der Losung »Uníos Hermanos Proletarios« (Vereint Euch, proletarische Brüder!) zu einer Einheitsfront von Sozialisten, Anarchisten und Kommunisten, die der einflussreiche Vorsitzende der sozialistischen Gewerkschaft UGT und Funktionär der Sozialisten (PSOE), Francisco Largo Caballero, vermittelte. Der 1923 gegründete Partido Comunista de España (PCE) hatte lange Zeit in der Illegalität gearbeitet und war durch die Politik »Klasse gegen Klasse« und die Verurteilung des PSOE als »sozialfaschistisch« isoliert gewesen. Im Zuge der von der Komintern auf ihrem VII. Weltkongress verabschiedeten Volksfrontpolitik orientierte der PCE auf die Schaffung der »Frente popular«, wodurch die Mitgliederzahl rasant anstieg und die vormals nur 2.000 Mitglieder umfassende Partei zu einer disziplinierten, schlagkräftigen Organisation heranwuchs. Die Volksfront bestand aus linken Republikanern und Sozialisten, wobei letztere einen revolutionären Flügel unter Caballero und einen gemäßigten unter Indalecio Prieto hatten.
Sieg und Putsch
Anfang 1936 kam es zu einem politischen Stillstand, begleitet von Korruptionsskandalen und Auseinandersetzungen zwischen rechten Republikanern und Konservativen. Die Repressionen von 1934 hatten zu einer Spaltung der Gesellschaft geführt. Die CNT signalisierte, die Wahlabstinenz aufzugeben, auch um viele ihrer inhaftierten Mitglieder durch eine Amnestie freizubekommen. Aufgrund der 80/20-Regel erhielt der Frente Popular, der eigentlich nur gut 200.000 Stimmen mehr als der rechte Block auf sich vereinen konnte, 263 Sitze im Parlament, die Rechten 156, das Zentrum 54.
Obwohl weder die Sozialisten noch die Kommunisten in der Regierung vertreten waren, kam es zu einer umfassenden Amnestie. Auch beschleunigte die Regierung die Agrarreform. Wichtige Themen waren weiterhin die Bildungs- und Kirchenpolitik sowie die Umstrukturierung des Militärs. Die katalanische Generalitàt mit dem aus der Haft entlassenen Lluís Companys wurde wieder eingesetzt.
Die Rechten wähnten Spanien auf dem Weg in den »Bolschewismus«. Gewalt bestimmte zunehmend den Alltag. Aber Aufforderungen, das Volk zu bewaffnen, wurden von der Regierung Manuel Azañas und der seines Nachfolgers Santiago Casares Quiroga abgelehnt. Am 18. Juli putschen die reaktionären Generäle gegen die Republik und der Krieg, der mit einem Sieg der Franquisten endete, begann.
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