Rotlicht: Nostalgie
Odysseus, am Gestade des Meers, sehnt sich nach Haus. Die Nymphe bietet ihm ewiges Leben, er wählt die Sterblichkeit, um Penelope und einen Sohn wiederzusehen, den er gar nicht kennt.
Nostalgie ist älter als jeder Ort, zu dem man zurückkehren könnte. Schon früher scheint man geglaubt zu haben, dass früher alles besser war. Das Wort ist so alt nicht. 1688 erfunden vom Mediziner Johannes Hofer, gebildet aus nostos und algos, Rückkehr und Schmerz. Und selbst somit ein Fall von Nostalgie, denn über den gegenwärtigen Inhalt legt sich antiker Klang. Nostalgie hat diese zwei Seiten, sie adressiert Vergangenes, doch ihr Antrieb liegt im Unbehagen am Gegenwärtigen. Hofer beschrieb die Heimatsehnsucht schweizerischer Söldner als somatische Erkrankung.
Ab dem 18. Jahrhundert versteht man das Wort zunehmend als Sehnsucht nach einer verlorenen Zeit. Mit dieser Verschiebung wird ein Gefühl zu einer Weltanschauung, denn in die Heimat kann man mitunter zurück, in die Vergangenheit keinesfalls. Nostalgie gerät zum Spiegelbild der Utopie, beide drücken eine Sehnsucht aus nach etwas, das man nicht haben kann.
Nostalgie rekonstruiert nicht einfach Vergangenes. Sie enthält einen unstillbaren seelischen Mangel und ist als Konzept mit dieser Leere gefüllt. Sämtliche ihrer Spielarten wollen das Transzendente überwinden, einmal, indem ein Ort erreicht werden soll, der nicht nur nicht erreichbar ist, den es mehr noch nie gegeben hat, zum anderen, weil es stets um die Überschreitung des Ichs geht: in der Heimat, der Familie, der Natur usw. Insofern scheint Nostalgie im ozeanischen Gefühl aufzugehen, von dem Romain Rolland geschrieben hat und das zugleich eine Quelle des Religiösen ist.
Nostalgie richtet sich aufs Vergangene und ist doch ganz gegenwärtig. Unbehagen an der Zeit, in die man sich geworfen fühlt, wird nicht an dieser Zeit verhandelt, sondern regressiv ins Positive verkehrt. In der Moderne wird das Ensemble ihrer konkreten Gestalten breiter, bedingt durch Industrialisierung, Unüberschaubarkeit, Bürokratie, die ein Gefühl der Verlorenheit zeugen und eine Sehnsucht nach Einfachheit und organischer Bindung evozieren. Nostalgie kann dabei harmlos ausfallen oder toxisch, je nachdem, welche Einflüsse noch hinzutreten.
Aristophanes setzt den rustikalen Aischylos gegen den sophistischen Euripides, betrauert wird das stabile Athen der Perserkriege. Rousseau behauptet einen harmonischen Urzustand, die Einheit von Mensch und Natur. Die Romantik sehnte Natur und das heilige Mittelalter herbei. Eine platte Lesart des Marxismus konserviert das Trugbild eines Urkommunismus, in dem es weder Krieg noch Herrschaft gab. Fichte, Arndt und Jahn sublimierten die deutsche Misere in einer deutschen Urvolkstümlichkeit, auf Basis von Sprache und Brauchtum, während der Nationalsozialismus dem »deutschen Volkstum« eine biologische Grundierung hinzufügte – die Volksgemeinschaft als Wiederherstellung einer verlorenen arischen Einheit. Der moderne Antisemitismus setzt dem zinstragenden Kapital das ursprüngliche, wahrhafte, ehrliche entgegen. Im Anarchismus wird der freie Warenproduzent idealisiert.
Jüngere Formen des Nostalgischen hat man im Postkolonialismus, der die »anderen« Kulturen verklärt, die »irgendwie unschuldiger, erdnaher, niedlicher sind, von so ein bißchen Klitorisrausschneiden, Steinigen und Frauen-in-den-Sack-Stecken mal abgesehen« (Dietmar Dath). Der antiwoke Furor sehnt sich nach einer Zeit, in der der Mann noch ein Mann war. Die Ostalgie hält der platt-negativen BRD-Historiographie eine platt-positive Folklore entgegen, in Gestalt von Ampelmännchen usw. (Volker Brauns »Mein Land geht in den Westen« war ungleich poetischer.) Im Fußball gibt es die Trope vom Laptoptrainer und eine Sehnsucht nach deutschen Tugenden. Filmfranchises wie »Star Wars«, »Ghostbusters« oder »Jurassic Park« haben ganz aufgegeben, neue Geschichten zu erzählen, sie leben von einer Nostalgie bedienenden Anspielungsfülle.
Ob sie harmlos ausfällt oder toxisch, Nostalgie lebt auf, wo ein Nach-vorn nur als ein Zurück vorgestellt werden kann. In Japan gibt es dagegen das schöne Wort natsukashii. Es meint ein déjà-vu-artiges, konkret hervorgerufenes Erinnern. Und weil es ganz persönlich, ganz situativ bleibt, wird es auch nie zur Weltauffassung aufgeblasen.
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