Zum Inhalt der Seite
Alltag an Universitäten

Alma Mater kaputt

Deutschlands Hochschulen verfallen nach jahrzehntelangem Sanierungsstau. Länder kürzen trotzdem kräftig weiter, »Sondervermögen« des Bundes nicht ausreichend

Foto: IPON/IMAGO
Deutsche Unis werden immer mehr zu maroden Reperaturbetrieben statt zu pulsierenden Lernstätten (Berlin, 14.9.2026)

An der Technischen Universität Berlin ist ganz wenig ganz und ganz viel kaputt. Eine Bestandsaufnahme aus dem Vorjahr hatte ergeben, dass von den 102 über die Stadt verteilten TU-Gebäuden vier in gutem Zustand sind. Die anderen 98 müssten kurz- oder mittelfristig instand gesetzt werden. An der Humboldt-Uni sind 94 Prozent der Liegenschaften marode, an der Freien Uni etwa zwei Drittel. Aber nicht nur in der Spreemetropole verfallen die Bildungsstätten. Sanierungsstau beim Hochschulbau herrscht überall in Deutschland, seit Jahrzehnten und ohne Ende. Der Hamburger Finanzsenat bezifferte den bundesweiten Bedarf schon Anfang 2025 auf 141 Milliarden Euro.

Inzwischen bräuchte es wohl noch einmal deutlich mehr Geld. Denn bei anhaltender Tatenlosigkeit beschleunigt sich der Verfall, und der Wiederaufbau wird noch teurer. Aber die Politik unternimmt vielerorts nichts, und wenn doch, dann viel zu wenig. Das ZDF-Magazin »Frontal« berichtete in der Vorwoche von Fällen, in denen ohnehin schmale Sanierungsetats unter dem Druck der »leeren Kassen« wieder gekürzt werden. Im hessischen Marburg zum Beispiel bröckeln die grauen 1970er-Jahre-Bauten der Philipps-Universität vor sich hin, und das Chemieinstitut steht seit Jahren leer. Eigentlich sollte das Programm »Heureka« aus Landesmitteln Abhilfe schaffen. Doch der Topf mit insgesamt 1,4 Milliarden Euro wurde faktisch halbiert, soll jetzt nicht für fünf, sondern für zehn Jahre reichen, in ganz Hessen. Dann müsse man Reparaturen aus dem laufenden Unihaushalt bezahlen, womit weniger für Forschung und Lehre übrig bliebe, beschied Präsident Thomas Nauss gegenüber dem ZDF.

Also noch weniger für Bildung. Wie das geht, zeigt sich aktuell an der Goethe-Universität Frankfurt (Main). Der »Hessische Hochschulpakt« nötigt den 14 Landeshochschulen im laufenden Jahr 30 Millionen Euro an Kürzungen auf, bis 2031 droht ein Minus von einer Milliarde Euro. Der »Reformplan« des Präsidiums der Frankfurter Uni sieht unter anderem die Zusammenlegung der bestehenden 16 Fachbereiche auf sieben vor sowie die Streichung von rund 60 Professuren. Außerdem baue man auf Synergien mit den Unis Darmstadt und Mainz. Gemeinsam werden die drei Standorte als Verbund Rhein-Main-Universitäten (RMU) ab dem kommenden Jahr als »Exzellenzuniversitäten« von Bund und Ländern über sieben Jahre mit bis zu 155 Millionen Euro gefördert. Die Zuschüsse sind einzig für sogenannte Spitzenforschung vorgesehen, die mit weiterer Drittmittelförderung zu Weltrang gepusht werden soll. Der einfache Student hat davon nichts, und die Toiletten bleiben so dreckig, wie sie sind.

Anzeige

Aber es regt sich Protest. Unter anderem gegen die Missstände an Kitas, Schulen und Hochschulen mobilisiert das Bündnis »Gen Z regelt!« zu einem bundesweiten Aktionstag mit Demonstrationen in 23 Städten am kommenden Sonnabend. Die Initiatoren wenden sich außerdem gegen »steigende Lebenshaltungskosten«, »ungerechte Lastenverteilung« und die verschärfte Militarisierung der Gesellschaft mit »Wehrpflicht und Musterung«. Das alles macht sie verdächtig in den Augen der Staatsmacht, weshalb Scharfmacher in Politik und Sicherheitsbehörden schon präventiv französische Verhältnisse heraufbeschwören. Dabei wollen die jungen Menschen nur bessere Perspektiven, bessere Bildung und nicht als Kanonenfutter für Kriegstreiber enden. Und sie haben begriffen: Für die kolossale Aufrüstung wird ihre Zukunft geopfert.

Dazu kommen falsche Versprechungen. Die Bundesregierung hat ein »Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität« (SVIK) im Umfang von 500 Milliarden Euro aufgelegt, um damit erklärtermaßen auch kräftig in die Hochschulen zu investieren. Von wegen: Zu Jahresbeginn haben Bund und Länder ein »Programm zur Modernisierung und Sanierung« von Kitas und Wissenschaftseinrichtungen beschlossen, versehen mit dem Attribut »umfangreich«. Das Volumen: vier Milliarden Euro, gestreckt über vier Jahre, wobei bestenfalls die Hälfte bei den über 300 öffentlichen Hochschulen landen wird. Allein dafür, die Berliner Unis baulich fit zu machen, wären schätzungsweise 8,4 Milliarden Euro nötig.

Für die Hauptstadt hatte der abgewählte Senat einen alternativen Aufbauplan entworfen: Eine neu zu gründende Hochschulbaugesellschaft (BHG) sollte an der Schuldenbremse vorbei Privatkapital auftreiben, die Unis übernehmen und Banken und Bauindustriellen Traumrenditen zum Schaden der Allgemeinheit verschaffen. Zur gesetzlichen Umsetzung noch vor der Berliner Wahl reichte die Zeit nicht mehr. Privatisiert werden soll trotzdem. Im Sondierungspapier für eine mögliche Koalition aus Linkspartei, Grünen und SPD heißt es: »Wir gründen in enger Abstimmung mit den Hochschulen die Hochschulbaugesellschaft.«

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 27.10.2026, Seite 5, Inland

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!