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Frankreich

Jugend in Wut

Frankreich: Hunderttausende auf der Straße für bessere Bildung. Schwere Zusammenstöße mit der Polizei

Foto: Stephanie Lecocq/Reuters
Keine Perspektiven, kein Geld, brutale Polizeigewalt: Frankreichs Jugend revoltiert (Paris, 17.10.2026)

Hält der Präsident eine Fernsehansprache direkt an das Wahlvolk, dann ist die Lage ernst. Genau das hat Frankreichs Staatsoberhaupt Emmanuel Macron am Sonntag abend getan. Am Vortag gingen im ganzen Land Hunderttausende Menschen auf die Straße – für bessere Bildungsmöglichkeiten, gegen die hohen Lebenshaltungskosten und die brutale Polizeigewalt. Der Protest setzte sich aus streikenden Schülern, Studierenden, Gewerkschaftsmitgliedern und erstmals auch »Gelbwesten« zusammen. Dabei kamen laut Polizeiangaben landesweit 550.000 Menschen – davon 110.000 in Paris – zusammen. Nach Angaben von Veranstaltern waren es 800.000 Demonstranten.

Das sind für Protestzüge, die nicht an einen Streik vor allem im öffentlichen Dienst gekoppelt und auch nicht auf die gemeinsame Ablehnung eines konkreten Regierungsvorhabens fokussiert sind – wie bei der Rentenreform 2023 –, spektakulär hohe Zahlen. »Der Frühling beginnt im Oktober« hatte eine junge Teilnehmerin dazu auf ein Schild geschrieben. »Gern wäre ich eine Mülltonne«, schrieb eine andere Person, »dann würde die Polizei mich beschützen«. Eine Anspielung sowohl auf seit Wochen anhaltende extreme Polizeigewalt gegen die revoltierende Jugend – in Saint-Étienne verlor am Sonnabend ein Demoteilnehmer durch eine explodierende Polizeigranate eine Hand; zwei Wochen zuvor hatte es in Lens einen ähnlichen Fall gegeben – als auch auf die seit den ersten Tagen des Protests einsetzenden empörten Reaktionen auf anfänglich eher belanglose Ereignisse wie zu Barrikaden vor Schulgebäuden zusammengeschobene, manchmal brennende, Mülltonnen.

Foto: Julien Mattia/Le Pictorium via ZUMA Press/dpa 2.jpg

Im Mittelpunkt der Berichterstattung der französischen Presse und der Reaktionen der Regierung stand hingegen das »entsetzliche Ausmaß an Gewalt«, wie es Premierminister Sébastien Lecornu ausdrückte. Am Rande oder im Nachklang der Protestzüge kam es zu schweren Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei – während letztere Tränengas und Gummigeschosse einsetzten und mit teilweise roher Gewalt gegen die Demonstranten vorgingen, errichteten erstere Barrikaden und bewarfen Polizisten mit Steinen. Zeitweise verlor die Polizei die Oberhand und musste sich zurückziehen. Es kam zu Plünderungen von Geschäften und Verwüstungen; in Limoges brannte das unter Denkmalschutz stehende Rathaus teilweise ab. 2.000 Menschen wurden festgenommen, Macron drohte ihnen mit harten strafrechtlichen Konsequenzen.

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Jean-Luc Mélenchon, Vorsitzender der linken Partei La France insoumise (Unbeugsames Frankreich) und Präsidentschaftskandidat, warf der Regierung vor, die Unruhen angeheizt zu haben. »In Paris hat eine verfehlte Führung dem Chaos Tür und Tor geöffnet. Die Verantwortlichen wissen nicht mehr, was sie tun sollen; ihre Untergebenen haben Angst und laufen Amok«, schrieb er am Sonnabend auf X. Premier Lecornu machte hingegen Mélenchon für die Gewalt verantwortlich.

Foto: Thibault Camus/AP 1_03.jpg

Französische Gewerkschaften rufen nun für Montag, den 5. November, zu einem neuen Protesttag mit Arbeitsniederlegungen, unter anderem einem Streik im Transportwesen, auf. Das Datum wurde bereits vor dem Protest vom Sonnabend festgelegt. In der Linken wird kontrovers darüber diskutiert, ob der Aktionstag nicht angesichts der anschwellenden Protestdynamik der letzten Tage zu spät liege und bis dahin eine Demobilisierung einzutreten drohe.

Auch in Italien, Albanien, Belgien und Portugal kam es am Wochenende zu Protesten von Schülern und Studierenden. Bei den Protesten gegen die hohen Lebenshaltungskosten im italienischen Mailand seien mindestens vier Polizisten und 20 Demonstranten verletzt sowie über 50 Jugendliche festgenommen worden, meldete die Nachrichtenagentur Ansa. Auch in anderen Städten wie Turin, Bologna und Bergamo kam es demnach zu Zusammenstößen. In Albanien demonstrierten Studierende am Sonnabend den fünften Tag in Folge für bessere Bildungsbedingungen. Vor dem Bildungsministerium in der Hauptstadt Tirana setzte die Polizei laut AFP erstmals Gummigeschosse ein.

Korrekturhinweis: Im ursprünglichen Text hieß es, dass ein Jugendlicher in Paris durch die Explosion einer Polizeigranate eine Hand verlor. Der Vorfall ereignete sich jedoch in Saint-Étienne. Wir haben die entsprechende Stelle im Text korrigiert.

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Erschienen in der Ausgabe vom 19.10.2026, Seite 1, Titel

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