Bürokratieopfer des Tages: Die Mehlschwalbe
Vorgestern saß ich im Ballsaal meines Frankfurter Herrenhauses und sinnierte dumpf vor mich hin, und auf einmal rief er hinein in meine Stube, miauend, der Mäusebussard, der Paul Lafargue unter den heimischen Gefiederten. Ich musste gar nicht auf den Balkon gehen und den Blick nach oben richten. Ich sah ihn vor dem inneren Auge seine Kreise buddhistisch ins herbstliche Blau zeichnen, meinen alten, treuen Freund, der mich schon als Kind durch seine äußerst reduzierte Tätigkeitsbereitschaft und seinen Freiheitswillen begeistert hatte.
Der Mäusebussard spricht nur, sofern er Lust hat. Die Mehlschwalbe ist habituell sein Gegenstück oder -bild: unbändig agil, schnittig konturiert und ein Schnattermaul auf Koks, das indes jeder, der noch weiß, was dörfliches Leben einst ausmachte, für immer ins Herz geschlossen hat.
»Früher war mehr Mehlschwalbe!« bellte der Herr Redakteur gestern ins Telefon. »Na klar!« raunzte ich ihn an. »Bedanke dich bei der beschissenen EU, die jeden Feldweg asphaltieren und jede schlammige Pfütze versiegeln lässt! Wo sollen die Mehlschwalben Nestbaumaterial finden? Geschweige denn Nahrung, wenn aus angeblich hygienischen Gründen Weidehaltung und Misthaufen verboten werden? Hinfort mit der Bürokratiebagage!«
»Der Bussard, der mit Seelenmuße den Himmel durchmisst, die Familienshowflüge (…) der Mehlschwalben im späten August – lässt sich gegen ihn, gegen sie (…) etwas sagen?« las ich daraufhin. Und: »Mehlschwalben! Früher beriefen sie jeden Abend auf den Telegraphenleitungen ihre Parlamente ein. Heute kennt sie kein Schwein.«
Das stimmt, ich habe es nämlich in die »Kritik der Vögel« hineingeschrieben. Die Mehlschwalbe, der Vogel des Jahres 2027, dieses zum Weinen zarte und gesellige Wesen, schaut seiner Auslöschung entgegen. Das soll sich der moderne Mensch mal hoch anrechnen.
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