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Irische Geschichte

Die letzte Bombe

Vor 30 Jahren verübte die IRA in Manchester ihren letzten Anschlag in England. Wenig später beendete sie den bewaffneten Kampf und schloss ein Friedensabkommen

Foto: REUTERS
Die Innenstadt von Manchester nach dem Anschlag (15.6.1996)

Die Bombe detonierte um 11.17 Uhr. Es war der 15. Juni 1996, ein Sonnabend, die Innenstadt von Manchester füllte sich. England richtete gerade die Fußballeuropameisterschaft aus, in Manchester sollte am nächsten Tag das Spiel Russland gegen Deutschland stattfinden. Die Stadt war bereits früher von der Irisch-Republikanischen Armee (IRA) ins Visier genommen worden, doch so einen Anschlag hatte sie noch nicht erlebt. Polizeiexperten schätzten, dass 1,5 Tonnen Sprengstoff detonierten, plaziert in einem Lieferwagen direkt vor einer Shoppingmall. Wie üblich hatte die IRA anderthalb Stunden vor der Explosion telefonische Warnungen abgesetzt, und die Polizei räumte die Gegend. Es soll die größte Bombe gewesen sein, die in Großbritannien seit dem Zweiten Weltkrieg detonierte. Trotz der Evakuierung wurden 200 Personen verletzt.

In einem Statement übernahm die IRA die Verantwortung. Man bedauere, dass Personen verletzt wurden. Die Organisation verwies auf den Waffenstillstand, den sie zwischen August 1994 und Februar 1996 ausgerufen hatte. Man habe die Friedensverhandlungen stärken wollen, doch die britische Regierung habe »diese Chance verspielt«. Die IRA schrieb: »Wir sind weiterhin bereit, den demokratischen Friedensprozess zu fördern.«¹

Streitpunkt war, ob die Partei Sinn Féin an Verhandlungen zur Beilegung des Konflikts beteiligt werden solle. Sinn Féin und IRA waren politisch verbunden und verfolgten das Ziel der Wiedervereinigung Irlands und ein Ende der britischen Herrschaft im Norden der Insel. Das Statement der IRA war ein Angebot zu einem dauerhaften Frieden und eine Warnung zur Fortführung des Kampfes zugleich. Zwei Wochen vor dem Anschlag in Manchester hatten Gespräche zur Beilegung des Konflikts begonnen – ohne Sinn Féin. Die Partei war ausgeschlossen worden, weil die IRA den Waffenstillstand aufgekündigt hatte. Deren Botschaft lautete: Verhandelt mit Sinn Féin, dann sind wir zum Frieden bereit.

Neben den Verletzten gab es vor allem ökonomischen Schaden. Die Innenstadt von Manchester war großflächig zerstört. Die IRA war ein großes Risiko eingegangen. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn der Sprengstoff verfrüht explodiert wäre. Um das Kalkül der IRA zu begreifen, muss man die Wandlung des Konflikts analysieren. Beide Seiten hatten eine unbequeme Wahrheit akzeptiert. Die britische Politik ging davon aus, dass die IRA militärisch nicht zu besiegen sei. Ebenso war sich die IRA bewusst, dass sie niemals genug Stärke aufbauen könnte, um Großbritannien zum Rückzug aus Nordirland zu zwingen.

Strukturell diskriminiert

Der seit Jahrhunderten schwelende Konflikt zwischen der britischen Herrschaft in Irland und der irischen Bevölkerung war 1969/70 eskaliert. Irische Katholiken wurden in Nordirland strukturell diskriminiert: Beim Wahlrecht galt das Haushaltsvorstandsprinzip, das britische Protestanten überproportional bevorteilte. Wahlbezirksgrenzen wurden durch »Gerrymandering« manipuliert. Im öffentlichen Dienst und bei der Zuweisung von Sozialwohnungen wurden Protestanten bevorzugt. Die Polizei Royal Ulster Constabulary (RUC) war fast ausschließlich protestantisch.

Die religiöse Zugehörigkeit war dabei weniger eine theologische als eine kulturelle und politische Markierung. Kern des Konflikts war ein Machtkampf zwischen zwei Bevölkerungsgruppen: den Unionisten oder Loyalisten – zumeist Nachkommen protestantischer Siedler aus England, die Nordirland als Teil des Vereinigten Königreichs erhalten wollten – und den irischen Nationalisten oder Republikanern, die ein vereinigtes Irland anstrebten und mehrheitlich katholisch waren.

Die 1967 gegründete überkonfessionelle »Northern Ireland Civil Rights ­Association« (­NICRA) begehrte gegen die Diskriminierung auf und forderte unter anderem gleiches Stimmrecht, Ende des »Gerrymandering«, Ende der Diskriminierung bei der Wohnungsvergabe und Auflösung der Sonderpolizei »B-Specials«. Inspiriert von Martin Luther Kings Bürgerrechtsbewegung in den USA und den europäischen Studentenprotesten wuchs die NICRA rasch. Die Polizei ging brutal gegen die Demonstrationen vor. Gleichzeitig kam es zu Übergriffen probritischer Milizen, wie der »Ulster Volunteer Force«. Als im Sommer 1969 Loyalisten katholische Viertel stürmten und in Belfast ganze Straßenzüge in Brand steckten, blieb die Polizei weitgehend passiv. Doch auch die Führung der IRA war nicht in der Lage, die Bevölkerung zu schützen. Statt dessen formten sich Stadtteilkomitees und lokale Verteidigungsstrukturen. Vor diesem Hintergrund spaltete sich die IRA in die politisch deutlich links orientierte »Official IRA« und die auf militante Gegenwehr setzende »Provisional IRA«, die »Provos«. Großbritannien entsandte die Armee, um die Lage zu befrieden. Zunächst wurde sie von vielen Katholiken mit Applaus empfangen.

Eskalation in Derry

Doch schnell wurde klar: Die Soldaten sind Teil der Unterdrückung. Die britische Regierung führte die Internierung ohne Gerichtsverfahren ein. Bis 1975 wurden fast 2.000 Personen verhaftet, fast ausschließlich irische Katholiken. Berichte über Folter mehrten sich. Am 30. Januar 1972 demonstrierten in Derry etwa 10.000 Menschen gegen die Internierung. Britische Soldaten eröffneten das Feuer und erschossen 13 Männer, darunter sieben Teenager, alles unbewaffnete Zivilisten. Weitere Demonstranten wurden teils schwer verletzt – nach dem »­Bloody Sunday« nahm die Gewalt explosionsartig zu.

Zu Hunderten schlossen sich junge Männer und Frauen den »Provos« an. Das Jahr 1972 war das blutigste des gesamten Konflikts: 479 Tote. Fast die Hälfte der rund 3.500 Todesopfer des Nordirlandkonflikts starben zwischen 1972 und 1976. In dieser Frühphase des Konflikts gab es fast täglich Bombenanschläge, Schießereien und Attacken auf Armee und Polizei. Die IRA nahm nicht immer Rücksicht auf zivile Opfer und platzierte Sprengsätze auch in Pubs, Geschäften und Bahnhöfen. Dutzende starben bei Explosionen oder Feuergefechten. Ebenso die britische Armee: Beim »Springhill Massacre« am 9. Juli 1972 töteten Scharfschützen fünf Katholiken in Belfast. Zu diesem Zeitpunkt hielt auch noch die »Official IRA« am bewaffneten Kampf fest; von ihr spaltete sich die marxistisch orientierte Irish National Liberation Army (INLA) ab. Die »Provos« waren inzwischen zur weitaus größten Fraktion innerhalb des militanten republikanischen Spektrums angewachsen. Es kam zu Spannungen und gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen den rivalisierenden Gruppierungen, bei denen auch Menschen getötet wurden. An den Rändern von IRA, »Officials« und der INLA vermischten sich politischer Kampf und organisierte Kriminalität. Die IRA finanzierte ihren Krieg durch Spenden – insbesondere von der großen irischen Diaspora in den USA –, aber auch durch Dutzende Banküberfälle.

Bei der IRA war man Anfang der 1970er Jahre noch von einem schnellen Sieg über die britische Herrschaft ausgegangen. Im Februar 1975 erklärte die IRA einen Waffenstillstand, es gab Verhandlungen mit London. Der britische Geheimdienst nutzte die Pause, um Informanten zu plazieren und die IRA-Strukturen auszuleuchten. Der Abbruch der Gespräche verursachte bei den Republikanern eine schwere Krise: War der Kampf verloren? Erlebten die »Provos« nur eine weitere Niederlage in den Aufständen der vergangenen Jahrhunderte? Eine Neuorientierung der Organisation musste her.

Die Phase 1975/76 markierte einen strategischen Wendepunkt. Die Jahre massiver Eskalation und viele Festnahmen hatten die IRA geschwächt. Die hohe Zahl ziviler Opfer hatte sie politisch diskreditiert, auch in Teilen der eigenen Community. In den Gefängnissen begann eine neue Generation junger Kader, die Grenzen des bewaffneten Kampfes zu reflektieren. Gerry Adams, später Vorsitzender von Sinn Féin, agierte als Vordenker. Er soll damals führendes Mitglied der IRA gewesen sein, was er bis heute bestreitet.² Aus der Krise heraus entstand die Strategie des »langen Krieges«. Ziel könne nicht der Sieg sein, »sondern nicht besiegt zu werden, um damit eine Lösung des Nordirlandkonflikts ohne Einbeziehung der Republikaner auszuschließen«.³ Die antiquierte Kompaniestruktur der IRA wurde durch ein Zellensystem ersetzt, das Infiltration erschwerte.

Das grüne Buch

Da der Guerillakrieg nur durch Unterstützung der Bevölkerung zu gewinnen sei, müsse zudem Sinn Féin zu einer echten Massenorganisation wachsen. Bisher war sie eher ein Anhängsel der IRA. In dieser Phase bewegten sich IRA/Sinn Féin deutlich nach links. Intern setzte die IRA auf Schulungen. Jedes neue Mitglied bekam ein Buch, das Ideologie, Strategie und Verhaltensregeln der Organisation zusammenfasste. Das »Green Book« enthielt eine klare Aussage: Das Ziel ist eine demokratisch-sozialistische Republik, in der wirtschaftliche und soziale Gerechtigkeit herrschen soll – beeinflusst vom marxistischen Gewerkschaftsführer James Connolly, der nach dem gescheiterten Osteraufstand von 1916 hingerichtet worden war. Das Buch enthielt auch Tips für Guerillataktik sowie Sicherheits- und Verhaltensregeln im Verhör. Absolute Geheimhaltung sei oberstes Gebot. Die sozialistische Ausrichtung der IRA war im Alltag weniger präsent als in der Theorie. Das politische Denken war von einer pragmatischen und wenig tiefgehenden Betrachtung der Klassenverhältnisse geprägt. Die Republik war das Nahziel. Den Sozialismus würde man danach ausarbeiten.

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Parallel hatte der Konflikt Einzug in die Gefängnisse gehalten. Die britische Regierung entzog den republikanischen Gefangenen im März 1976 ihren politischen Status. Fortan sollten sie Sträflingskleidung tragen, was sie verweigerten. So blieben sie nackt und hüllten sich in Decken. Als die Wärter das Leeren der Zellentoiletten einstellten, begannen die Häftlinge einen »Schmutzstreik« und schmierten ihre Fäkalien an die Wände. Die Bilder nackter Männer, die in kotverschmierten Zellen hausten, schockierten die Welt. Häufig unbeachtet bleibt, dass auch IRA-Kämpferinnen im Frauengefängnis Armagh mit »Dirty Protest« auf Misshandlungen durch männliche Gefängnisbeamte aufmerksam machten. Sie schmierten neben Fäkalien auch Menstruationsblut an die Zellenwände.

Trotz der Zustände machte die britische Regierung keine Zugeständnisse. Im März 1981 trat Robert »Bobby« Sands, IRA-Kommandeur im Knast, in den Hungerstreik. Ihm folgten 22 weitere Gefangene. Als in Nordirland eine Nachwahl zum britischen Unterhaus stattfand, stellte Sinn Féin Bobby Sands als Kandidaten auf. Am 9. April gewann Sands die Wahl und zog ins britische Parlament ein, doch die Regierungschefin in London, ­Margaret Thatcher, blieb stur. Man verhandle nicht mit Terroristen, hieß es. Bobby Sands starb einen Monat später nach 66 Tagen im Hungerstreik. Mehr als 100.000 Menschen kamen zur Beerdigung des 27jährigen.

Gerry Adams war damals Leiter des Hungerstreikkomitees von Sinn Féin, seit 1978 war er bereits Vizepräsident der Partei. Rückblickend schrieb er: »Jahrelang hatte man von uns gefordert, wir sollten uns Wahlen stellen, nun hatten wir das getan und massive Unterstützung durch die Bevölkerung erfahren. Dennoch zeigte die britische Regierung (…) keinerlei Bereitschaft, Konzessionen zu machen.«⁴ Nach Bobby Sands starben neun weitere Häftlinge, darunter Kieran Doherty, der kurz vor seinem Tod einen Sitz im irischen Parlament gewonnen hatte. Die internationale Reaktion auf den Tod der Männer war heftig. In vielen Metropolen in Europa gab es Demonstrationen, die teilweise in Gewalt gegen britisches Eigentum umschlugen. Im Herbst brach die IRA den Hungerstreik ab. Trotzdem erhielt sie nach einigen Jahren der Stagnation erneut massiven Zulauf. Sinn Féin hielt kurze Zeit später einen Parteitag ab. Dort äußerte Danny Morrison, früherer IRA-Kämpfer und seit 1979 Leiter der PR-Abteilung der Partei, die oft zitierte Doppelstrategie vom Gewehr in der einen und dem Wahlzettel in der anderen Hand. Die Partei rückte zaghaft vom Abstentionismus ab und nahm fortan die von ihr gewonnenen Sitze in den Kommunalvertretungen Nordirlands auch ein.

Die Rolle der Frauen

Die Geschichte der später als »Troubles« bezeichneten Konflikte wird fälschlicherweise oft als Männergeschichte erzählt. Frauen spielten in der IRA eine entscheidende, wenn auch lange unerkannte Rolle: als Aktivistinnen, Bombenlegerinnen und Scharfschützinnen. Die historische Frauenorganisation »Cumann na mBan«⁵ existierte weiterhin als Stützsystem, doch die »Provos« integrierten Frauen gleichberechtigt in ihre Strukturen. Die wohl bekannteste IRA-Kämpferin ist Mairéad Farrell. 1957 in Belfast geboren, trat sie mit 18 Jahren der IRA bei. 1976 wurde sie beim Bombenlegen ertappt und zu 14 Jahren Haft verurteilt. Im Gefängnis von Armagh wurde sie Kommandantin der Gefangenen, beteiligte sich am »Dirty Protest« und trat selbst in den Hungerstreik.⁶ Nach ihrer Entlassung 1986 studierte sie in Belfast Politikwissenschaft und wurde zu einer gefragten Person der republikanischen Bewegung. Sie bezeichnete sich als Feministin und Sozialistin. Farrell schloss sich erneut der IRA an und wurde im März 1988 gemeinsam mit zwei Mitkämpfern in Gibraltar von britischen Soldaten erschossen.

Nordirland war in den Jahrzehnten des Konflikts das am intensivsten überwachte Territorium der westlichen Welt. Der politische Wille der britischen Regierung, jeden Preis für Sicherheit und »Normalität« zu zahlen, machte Nordirland zur Petrischale des modernen Überwachungsstaates. Bereits frühzeitig wurden in Belfast, Derry und anderen Städten flächendeckende Kameraüberwachung und automatisierte Fahrzeugkennzeichenerfassung eingeführt. Das Experimentierfeld Nordirland lehrte die westlichen Geheimdienste, wie man eine Gesellschaft vollständig kontrolliert, ohne das Land formell zu einer Kriegszone zu erklären. Hinzu kam ein Netzwerk aus Zuträgern für die Polizei und Geheimdienste, das bis tief in die IRA reichte. Die IRA reagierte hart und tötete Dutzende tatsächliche und vermeintliche Spitzel. Daneben führten Kronzeugen in den frühen 1980er Jahren zu zahlreichen Verhaftungen. Hinzu kam ein »­Dirty War«. Im Zuge der Zusammenarbeit zwischen loyalistischen Milizen und Teilen der britischen Sicherheitskräfte wurden republikanische Aktivisten, darunter auch Rechtsanwälte, ermordet.

Vor diesem Hintergrund änderte die IRA ihre Taktik. Statt wilder Schießereien, wie zu Beginn der »Troubles«, gab es nun wenige Attentate, dafür wurde besser geplant. Im südenglischen Brighton detonierte am 12. Oktober 1984 während der Tory-Parteikonferenz eine Bombe mit Langzeitzünder. Fünf Menschen starben, Margaret Thatcher entkam knapp. Bei einem Weltkriegsgedenken am 8. November 1987 im nordirischen Enniskillen tötete eine IRA-Bombe elf Zivilisten, viele von ihnen ältere Menschen. Der Anschlag schadete IRA/Sinn Féin massiv.

Das Jahr 1988 war vielleicht das grauenhafteste Jahr des späten Konflikts. Am 6. März 1988 erschoss ein Spezialkommando der britischen Armee drei unbewaffnete IRA-Mitglieder in Gibraltar, darunter wie erwähnt Mairéad Farrell. Die Soldaten hatten das IRA-Kommando minutiös überwacht. Beim Begräbnis der drei Toten auf dem Milltown-Friedhof in Belfast griff ein loyalistischer Attentäter die Trauermenge mit Granaten und Schüssen an, drei Trauernde starben, 50 wurden verletzt. Als wiederum ein Opfer der Beerdigung zu Grabe getragen wurde, kam es erneut zu einem Zwischenfall. Ein ziviles Auto fuhr in den Trauerzug. Die aufgewühlte Menge umzingelte das Fahrzeug, das von bewaffneten britischen Agenten gesteuert wurde. Die beiden Corporals wurden misshandelt, fortgebracht und erschossen. Der gesamte Ablauf war von Journalisten dokumentiert worden. Die Fotos, die dabei entstanden, gehören zu den erschütterndsten Dokumenten des gesamten Konflikts.

Immer mehr Leuten in der republikanischen Bewegung wurde bewusst, dass der Konflikt nicht militärisch gelöst werden könne. Sinn Féin war zwar wieder stärker geworden, blieb aber weitgehend isoliert. Ein allgemeiner Erschöpfungszustand war die eigentliche Grundlage des Friedensprozesses.

Gespräche im Hintergrund

Ab Mitte der 1980er Jahre führte Gerry Adams zunächst geheime Gespräche mit John Hume von der gemäßigten irischen Social Democratic and Labour Party (SDLP). Adams war seit 1983 Präsident von Sinn Féin, und er brauchte einen Partner, der ihm politische Salonfähigkeit verlieh. Hume brauchte jemanden, der die Gewalt stoppen konnte. Doch zunächst legte Sinn Féin ihre strikte Haltung des Abstentionismus ab. Auf einem Parteitag im Dezember 1986 stimmten zwei Drittel der Delegierten dafür, fortan gewonnene Sitze im irischen Parlament, dem Dáil Éireann, einzunehmen. Ein kleiner Kreis, darunter ehemals führende Persönlichkeiten von IRA und Sinn Féin, sah darin Verrat und verließ die Versammlung. Sie gründeten »Republican Sinn Féin«, ihr militärischer Arm wurde die »Continuity IRA« – beide Organisationen blieben politisch marginal.

Gerry Adams hatte diese Transformation über Jahre intensiv vorbereitet und gegen erheblichen internen Widerstand durchgesetzt. Wiederholt traf er sich mit dem SDLP-Chef und späteren Friedensnobelpreisträger Hume. Parallel gab es Geheimkontakte zwischen Sinn Féin und der britischen Regierung, einen Kommunikationskanal, dessen Existenz beide Seiten jahrelang bestritten. Unter Einbeziehung der irischen Regierung veröffentlichten London und Dublin im Dezember 1993 die »Downing Street Declaration«. Nordirlands Status könne nur durch demokratischen Konsens seiner Bevölkerung geändert werden. Sinn Féin könne an politischen Verhandlungen teilnehmen, sofern die Gewalt ende.

Während Adams und Vertraute zugleich offen und verdeckt verhandelten, bombte und mordete die IRA weiter. In den 1990er Jahren führte sie mehr als 20 Anschläge in England und Kontinentaleuropa durch. Die Strategie: wirtschaftlichen Druck auf das britische Establishment ausüben, während man in Nordirland selbst die Gewalt auf einem vergleichsweise niedrigen Niveau hielt. Der Anschlag am 15. Juni 1996 in Manchester war die letzte IRA-Attacke in England. Bis zur Verkündung einer endgültigen Waffenruhe im Juli 1997 tötete die IRA noch zwei britische Soldaten in Nordirland.

Derweil hatte der Wahlsieg des Labour-Kandidaten Anthony Blair im Mai 1997 das politische Feld verändert. Auf den IRA-Waffenstillstand folgten intensive und letztlich erfolgreiche Verhandlungen. Am 10. April 1998 wurde das »Good Friday Agreement« als Friedensvertrag unterzeichnet und in separaten Abstimmungen in Nordirland (71 Prozent Zustimmung) und Irland (94 Prozent Zustimmung) angenommen. Es entstand eine Regierung mit geteilter Macht für Nordirland unter Einschluss von Sinn Féin. Irlands Verfassungsanspruch auf den Norden wurde geändert, die Waffen der IRA sollten vernichtet und die britische Armee weitgehend abgezogen werden. Hinzu kamen eine Reform der Polizei in Nordirland und – was für die IRA besonders wichtig war – die Freilassung ihrer Gefangenen auf Bewährung, darunter auch solche mit hohen oder lebenslangen Haftstrafen. Diese Regelung betraf jedoch nur jene Gefangenen, die sich zum Friedensprozess verpflichteten, nicht jene von Splittergruppen.

Eine kleine Truppe republikanischer Hardliner sah im »Good Friday Agreement« Verrat. Dissidenten gründeten die »Real IRA«. Nur wenige Monate nach dem Friedensschluss zündete diese »Wahre IRA« eine Autobombe in Omagh, 29 Menschen starben, allesamt Zivilisten, darunter Schwangere, Kinder, Touristen und Einheimische verschiedener Religionen. Es war das schlimmste Einzelattentat des gesamten Konflikts. Der Anschlag diskreditierte und marginalisierte die »Real IRA« nachhaltig, wenngleich bis heute kleine Gruppen unter wechselnden Bezeichnungen Attentate verüben.

Während die IRA ihre Waffen unter internationaler Kontrolle vernichtete, erlebte Sinn Féin nach 1998 einen beispiellosen politischen Aufstieg. Die Partei hatte die Transformation vollzogen, die Adams seit Jahrzehnten vorangetrieben hatte: vom politischen Anhängsel der IRA zur politisch stärksten Partei in Nordirland. Dort stellt sie mit Michelle O’Neill die Erste Ministerin der Regionalregierung. Im Süden schielt Sinn Féin unter Mary Lou McDonald schon lange nach der Macht.

Inzwischen ist die Frage nicht ob, sondern wann eine Abstimmung zur Vereinigung Irlands stattfindet. Anfang Mai berichteten die Irish News und andere Medien, dass laut Umfragen erstmals im Süden und auch im Norden Irlands eine Mehrheit für ein vereintes Irland in der EU stimmen würde.

Anmerkungen

1 Das vollständige IRA-Statement unter: www.irishtimes.com/news/text-of-ira-s-statement-1.60042

2 Ausführlich dazu unter anderem bei Ed Moloney: A ­Secret History of the IRA. London 2002

3 Vgl. Frank Otto: Der Nordirlandkonflikt. ­München 2024, S. 113

4 Vgl. Gerry Adams: Bevor es Tag wird. Berlin 1996, S. 360

5 Ausführlich dazu in Dieter Reinisch: Die Frauen der IRA. Cumann na mBan und der Nordirlandkonflikt 1969–1986. Wien 2017

6 Vgl. Rita H’Hare: A Republican story of women in struggle. In: An Phoblacht 08/2022, online unter: www.anphoblacht.com/contents/28359

→ Florian Osuch schrieb an dieser Stelle zuletzt am 24. April 2026 über die laufenden Volksbegehren »Berlin werbefrei« und Verkehrsentscheid: »Ein knappes Rennen«

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Erschienen in der Ausgabe vom 15.06.2026, Seite 12, Thema

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