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Industriepolitik

Beben in der Chemieindustrie

BASF will Evonik schlucken. Gewerkschaft IG BCE fürchtet weiteren Kahlschlag

Foto: Arnulf Hettrich/IMAGO
Aniliner in Ludwigshafen bekommen bald Zuwachs

Deutschlands größter Chemiekonzern will sich die Nummer drei einverleiben: Wie Ende vergangener Woche bekannt wurde, hat das BASF-Management ein erstes Übernahmeangebot an den Evonik-Hauptsitz nach Essen geschickt. Für 10,3 Milliarden Euro sollen sämtliche Anteile des Produzenten von Spezialchemikalien über die Theke gehen. Immerhin 22,15 Euro pro Aktie, und damit knapp 30 Prozent mehr als die letzte Börsendotierung vor Bekanntwerden des Interesses. Wie die Financial Times berichtete, hat die Evonik-Führung das Angebot zunächst als unzureichend abgelehnt. Nun wird weiter gepokert.

Schließlich ist viel Druck im Kessel: Von 2021 bis 2025 ist das Auftragsvolumen der deutschen Chemieindustrie um ein Fünftel eingebrochen; zuletzt wurde mit einer Kapazitätsauslastung von 70 Prozent ein historischer Tiefpunkt erreicht. Allein im vergangenen Jahr wurden laut Branchenverband VCI bei den Chemiekonzernen in der BRD 2.400 Jobs vernichtet. Beim Branchenprimus BASF sind die Umsätze infolge internationaler Handelskriege, erstarkter Konkurrenz aus China und hoher Energiepreise innerhalb von drei Jahren um fast ein Drittel auf 59,7 Milliarden Euro eingebrochen.

Andererseits hat BASF gerade erst 60 Prozent des Geschäfts mit Fahrzeuglack verhökert und will im kommenden Jahr die Sparte Agricultural Solutions an die Börse bringen. So würden in erheblichem Umfang liquide Finanzmittel frei, mit denen der Evonik-Deal finanziert werden könnte. Zudem dürften Management und Eigentümer auf Synergieeffekte hoffen, die eine Verschärfung der laufenden Kürzungsprogramme ermöglichen. Zwischen 2024 und Mitte 2026 hat BASF weltweit bereits 7.000 Arbeitsplätze abgebaut. Am Stammsitz Ludwigshafen waren erstmals seit 1954 weniger als 30.000 Arbeiter beschäftigt. Weitere Streichungen wurden bereits angekündigt. Auch die Evonik-Führung hat sich viel vorgenommen: Bis Ende 2029 sollen mindestens 3.000 Beschäftigte vor die Tür gesetzt werden, 2.150 davon an den deutschen Standorten.

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Entsprechend warnte die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE), beide Konzerne sollten sich hüten, diese Schraube zu überdrehen. Was Aktionären und Börsenhändlern schlüssig erscheinen möge, müsse mit Blick auf Beschäftigte, Standorte, Marktstrukturen und heimische Wertschöpfung noch lange nicht sinnvoll sein, so der Vorsitzende der Gewerkschaft, Michael Vassiliadis. Statt weiterer Restrukturierungs- und Personalabbauprogramme brauche es »Zukunftsperspektiven und Investitionszusagen«. Nur so werde eine Stärkung der deutschen und europäischen Standorte konkret greifbar.

Während die Beschäftigten um ihre Jobs bangen, sorgt die Übernahmeperspektive an der Börse für gute Stimmung: Nach Bekanntwerden der BASF-Offerte legte der Evonik-Aktienkurs sprunghaft um 18 Prozent auf 20,34 Euro zu. Branchenkenner gehen davon aus, dass die Evonik-Spezialchemikalien das Ludwigshafener Sortiment in margenstarken Nischen ergänzen und erhebliche »Skaleneffekte« ermöglichen würden. Leidtragende wären neben den Belegschaften von BASF und Evonik auch kleinere Wettbewerber, die der enormen Marktmacht des neuen Megakonzerns kaum gewachsen sein dürften. Vor allem bei Vorprodukten, Hochleistungspolymeren und funktionellen Additiven drohen weitere Pleiten und Arbeitsplatzverluste.

Vom Tisch sind die Pläne mit der Ablehnung des ersten Angebots längst nicht. Wie es weitergeht, hängt maßgeblich von der Positionierung der RAG-Stiftung ab, die 2007 im Rahmen des Ausstiegs aus dem subventionierten Steinkohlebergbaus gegründet wurde. Derzeit hält sie 43,8 Prozent der Evonik-Anteile und will ihr Engagement laut FAZ ohnehin schrittweise auf 25,1 Prozent reduzieren, um die Finanzierung der bergbaulichen Ewigkeitslasten breiter abzusichern. Im Kuratorium der Stiftung sitzen allerdings auch Vertreter der IG BCE sowie der nordrhein-westfälischen Landespolitik. Diese dürften von einer Verlagerung wichtiger Steuerungsfunktionen aus dem Ruhrgebiet in die Vorderpfalz kaum begeistert sein.

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Erschienen in der Ausgabe vom 30.09.2026, Seite 8, Kapital & Arbeit

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