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Aus: Ausgabe vom 16.02.2026, Seite 10 / Feuilleton
Kunst

»Die Poesie wird mit dem Hammer gemacht«

Und mit Nägeln: Günther Ueckers Ausstellung »Die Verletzlichkeit der Welt« in Remagen
Von Jürgen Schneider
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Günther Uecker: »Nagelobjekt (Knie)« (1968)

Die Ausstellung »Die Verletzlichkeit der Welt« im Arp-Museum Bahnhof Rolandseck ist die erste nach dem Tod des Künstlers Günther Uecker (* 1930, Wendorf, † 2025, Düsseldorf) und dabei die letzte, an der er noch selbst mitwirkte. Uecker war dem Künstlerbahnhof Rolandseck eng verbunden: Das Werk »Bett zum Aufwachen« (1965) mit zwei Nagelreliefs auf Baldachin und Rückwand befindet sich noch heute in der Museumssammlung. Neben diesem Bett werden 44 Werke aus sieben Jahrzehnten gezeigt – von frühen Nagelobjekten über kinetische Installationen bis zu späten Serien.

Die 1960er Jahre prägten Günther Ueckers persönlichen Bezug zum ehemaligen Künstlerbahnhof Rolandseck und zu Johannes Wasmuth (1936–1997), der 1964 den verlassenen Bahnhof entdeckte und zusammen mit Vertreterinnen und Vertretern der rheinischen Kulturszene, darunter Uecker, zu einem Ort für Kunst, Musik und Literatur machte. 1964, als der Bahnhof noch kein Museum, sondern ein im Verfall begriffenes hochherrschaftliches Haus über dem Rhein war, nagelte sich ­Uecker seinen Weg von außen über die Treppe bis in die oberen Stockwerke, zu sehen in dem Film »Die Treppe« (1964).

Uecker wurde 1930 im mecklenburgischen Wendorf geboren und wuchs auf dem Bauernhof seiner Eltern auf der Halbinsel Wustrow auf. Als diese 1945 von Soldaten der Roten Armee eingenommen wurde, nagelte Uecker die Türen und Fenster des Hauses von innen mit Holzbrettern zu, getrieben von der Vorstellung, seine Mutter und Schwestern vor Übergriffen schützen zu müssen. In Grevesmühlen absolvierte Uecker eine Lehre als Anstreicher und Schreiner und studierte später in Wismar und an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. 1953 ging er nach Westberlin, und von 1955 bis 1957 studierte er an der Kunstakademie in Düsseldorf bei Otto Pankok, dessen antifaschistische und soziale Einstellung ihm zusagte. 1961 trat Uecker der Gruppe ZERO bei, die in der postfaschistischen BRD nach einer radikalen Erneuerung strebte. Stets aber, so ­Uecker, sei er ein »Meckelbörger Ossenkopp« geblieben – ein Mecklenburger Ochsenkopf.

Licht und Schatten

Der Zimmermannsnagel sollte diesen Ochsenkopf berühmt machen. »Die Poe­sie wird mit dem Hammer gemacht«, lautet ein Bonmot des russischen Dichters Majakowski, das Uecker als eine seiner Kernüberzeugungen gern wiederholte. Sein erstes Nagelbild, »Informelle Struktur«, entstand 1957, eine weiße Fläche, moduliert durch Nägel. Uecker haute die Nägel ab Ende der 1950er Jahre in Alltagsgegenstände. In der Ausstellung zu sehen sind etwa das Werk »TV auf Tisch« (1963), mit dem Uecker die einsetzende Fernsehsucht ins Visier nahm, sowie »Piano« (1964). Das Piano als Gegenstand des bürgerlichen Kulturfetischismus hatte Uecker 1964 im Pianohaus Kohl in Gelsenkirchen benagelt, und die Aktion 1970 in seiner Uecker-Zeitung dokumentiert. »Da muss ein Nagel reingeschlagen werden, damit da Widerstand erzeugt wird …, so dass Kunst eindringen kann in die Banalität von Leben«, erklärte Uecker seine Kunst. Für seine Hommage an die weltberühmte Choreographin und Begründerin des Wuppertaler Tanztheaters Pina Bausch (1940–2009) schlug Uecker Nägel in eine Nähmaschine, über der auf Knopfdruck eine Nadel tanzt (»Tanzende Nadel für Pina Bausch«, 2019).

Die Arbeit mit Nägeln ermöglichte es Uecker, auf Holzoberflächen eine faszinierende dreidimensionale Textur hervorzubringen. Durch die präzise Anordnung der Nägel entstehen Licht- und Schatteneffekte, die das Werk in Bewegung zu versetzen scheinen, wie es sich etwa beim Werk »Feld« (1975) zeigt. Uecker nannte solche Werke »leise kontemplative Felder«. Er trieb Nagel um Nagel in die Holzplatte, die vor ihm auf dem Boden lag: »Ich knie da drauf und mache das wie ein Acker. Das habe ich ja als Bauernjunge erlebt, dass sich die Felder so an der Ostsee im Wind verhielten. Und das hat mit meiner Naturwahrnehmung als Kind zu tun.«

Sand auf dem Boden

Stiefmütterlich behandelt wird die im Eingangsbereich zu sehende Installation »Barrikade« von 1968/69, die aus riesigen, zwischen mit Sand gefüllten Jutesäcken hervorragenden Nägeln besteht. Das Entstehungsjahr verweist auf deren Bezug zur Studentenrevolte. Einen expliziten Hinweis darauf sucht man ebenso vergeblich wie eine Erklärung, inwieweit diese Installation auf die Uecker-Aktion »Straßenbarrikade am Fürstenwall« in Düsseldorf von 1968 zurückzuführen ist. Dieser war in Baden-Baden Ueckers Präsentation »Terrororchester« vorausgegangen. Zu bestaunen waren Objekte, die den Besuchern keine Chance ließen, der Wucht des Geräusches zu entgehen, oder ein TV-Gerät, das von einem riesigen Nagel von hinten durchbohrt wurde. Zu hören waren Sirenen, Geschepper und Gerappel in Metalleimern und rotierenden Waschmaschinen oder unentwegt zuschlagende Hämmer.

Günther Ueckers Œuvre lässt sich nicht auf die strukturierte Topographie seiner Nagelgemälde reduzieren. So schoss er etwa mit Pfeilen auf eine Leinwand (»Pfeilbild«, 1971), setzte sich mit der Situation in der Volksrepublik China auseinander und beschrieb 19 große Tücher (»Brief an Beijing (Menschenrechte)« von 1994), von denen eines in Rolandseck zu sehen ist.

Ueckers kinetische Plastik »Sandmühle« (1969/2014) wurde erstmals im New Yorker Guggenheim-Museum gezeigt: Eine Kreisfläche aus Bausand liegt auf dem Boden, auf dem auch die Museumsbesucher stehen. Deren Blick folgt einer Reihe von verknoteten Schnüren, die im Sand bei ihrer Drehung ein Spiel aus Aktion, Reaktion und Wiederreaktion vollführen. »Der Künstler«, so der Kunsthistoriker Max Imdahl 1982 über die »Sandmühle«, »ist nicht Herr seines Werkes, er steht vor dem, was er geschaffen hat, oder genauer gesagt, ermöglicht hat, nicht klüger oder souveräner als wir.«

Günther Uecker – »Die Verletzlichkeit der Welt«. Arp-Museum Bahnhof Rolandseck, bis 14. Juni 2026. Der Ausstellungskatalog gleichen Titels erschien im Verlag der Buchhandlung Walther & Franz König, Köln. arpmuseum.org

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