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Kunst

Sun Ra ist nicht da

Die Ausstellung »Zu den Sternen!« im Arp-Museum in Remagen

Foto: Stefan Altenburger/Arp Museum
Sylvie Fleury: »First Spaceship on Venus – Soft Rocket in Silver (2)« (1999)

Der Künstler Sigmar Polke (1941–2010) malte 1969 ein Selbstbildnis mit dem Titel »Polke als Astronaut« und machte sich mit dem Werk »Apparat, mit dem eine Kartoffel eine andere umkreisen kann« über den durch die erste Mondlandung ausgelösten Hype lustig. Bei dem Apparat dreht sich ein auf einem Draht aufgespießter Erdapfel in Bodennähe um einen anderen Erdapfel. Polkes einstiger Lehrer an der Düsseldorfer Kunstakademie, Joseph Beuys, imaginierte laut einem Siebdruckmultiple von 1985 eine »Kosmische Wirtschaftsordnung«. 1987 präsentierte Andy Warhol kurz vor seinem Tod das Siebdruckpaar »Moonwalk«, das den Apollo-11-Astronauten Buzz Aldrin auf dem Mond zeigt. Apollo 11 war im Juli 1969 die erste erfolgreiche Mission mit einer Mondlandung der US-amerikanischen Raumfahrtbehörde NASA. Skeptiker führen bis heute an, dass die Mondaufnahmen der NASA in Hollywood entstanden seien. Im Mai 1961 hatte US-Präsident Kennedy auf die »space firsts« der Sowjetunion – Sputnik, Laika, Gagarin – mit einer Rede reagiert, in der er ankündigte, innerhalb einer Dekade einen US-Amerikaner auf den Mond zu schicken und ihn unversehrt wieder zurückzubringen. Präastronautiker glauben, die »space firsts« seien Vimanas gewesen, in der altindischen Mythologie und in vedischen Texten beschriebene fliegende Fahrzeuge der Götter und Helden.

»Bildhauer und Gelehrte, wer weiß etwas über die Sterne? Wer kann vertraut mit dem Universum umgehen?« Diese beiden Fragen finden sich auf der ersten Collage von 1964 des belgischen Künstlers Panamarenko (1940–2019). Sie zogen sich als Leitfaden durch sein Werk. Panamarenko entwarf u. a. diverse Raumschiffe, bis hin zu dem großen UFO-Werk »Bing of Ferro Lusto«, und formulierte 1993 seine Weltraumtheorie »Toymodel of Space«. Eine Retrospektive seiner Arbeiten im Jahr 2025 trug den Titel: »Journey to the Stars« (Reise zu den Sternen).

Im Bahnhof Rolandseck hat das Arp-Museum diesen Ausstellungstitel verkürzt zu »Zu den Sternen!« Der Untertitel lautet: »Weltraum und Weltflucht seit der Moderne«. Werke der oben genannten Künstler werden in der Show nicht gezeigt. Und es fehlt auch der Free-Jazz-Musiker Sun Ra (1914–1993), der ein wichtiger Vertreter des Afrofuturismus war und angab, auf dem Saturn geboren worden zu sein. Seine Musik stand unter dem Motto »Space is the place«. 1993 auf den Saturn zurückgekehrt, schickt Sun Ra immer wieder Botschaften. So fanden sich zuletzt in einer verstaubten Kiste in den Chicagoer Streeterville-Studios musikalische Preziosen, aufgenommen vor rund fünfzig Jahren. Warum ein Künstler, der sich stets zwischen den Sternen bewegte, nicht in die Ausstellung aufgenommen wurde, bleibt ein Geheimnis der Kuratorinnen, die offenbar bildende Kunst und Musik als zu trennende Kunstbereiche erachten.

Beim Betreten der Ausstellung stößt man zunächst auf Katharina Sieverdings Video »Die Sonne um Mitternacht schauen (Red) SDO/NASA«, montiert aus Tausenden Bilddaten der NASA. Sieverding setzt die Sonne als lebendigen Organismus ins Bild. Die Arbeit ist eine späte Anknüpfung an die Sonnenscheiben der Kelten und Germanen. In der frühen Sowjetunion war die Sonne neben dem roten Stern, respektive dem roten Planeten Mars, Sinnbild für Aufklärung und eine lichte Zukunft.

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Beeinflusst vom Kosmismus – einer philosophischen und kulturellen Bewegung in Russland, die u. a. den Aufbruch der Menschheit in das Weltall und die Überwindung der Gravitation propagierte – waren El Lissitzky und Alexander Rodtschenko. Von El Lissitzky zu sehen sind kosmische Farblithographien aus der Mappe »Die plastische Gestaltung der elektro-mechanischen Schau. Sieg über die Sonne«, die 1923 von der Kestnergesellschaft herausgegeben wurde. Bereits zwei Jahre zuvor hatte El Lissitzky begonnen, die futuristische, im 35. Jahrhundert spielende Zeitreiseoper »Sieg über die Sonne« von Alexej Krutschonych, uraufgeführt 1913 in St. Petersburg, als elektro-mechanische Schau zu planen. Zur Ausführung ist es nie gekommen. Seine Ideen erschienen statt dessen in der Mappe. Rodtschenkos Werk »Hanging Spatial Construction No. 9, Circle in Circle« (1920/21) hätte mehr Platz benötigt, um seine räumliche Wirkung zu entfalten. Die dynamisch-sphärische Skulptur entstand, indem Rodtschenko in regelmäßigen Abständen Kreise aus einer einzigen Sperrholzplatte sägte.

Die erste Fährte der Ausstellung führt in die Romantik, in der der sehnsuchtsvolle Blick durch ein Fernrohr (Carl Spitzweg, »Der Astrologe«, 1860/64) und aus dem Fenster (Johann Peter Hasenclever, »Die Sentimentale«, ca. 1846) die künstlerische Vorstellung vom Kosmos prägte. Aus den 1920er Jahren stechen neben den sowjetischen Werken Tanzstudien der Hamburger Fotografin Minya Diez-Dührkoops von den außerirdisch anmutenden Maskentänzern Lavinia Schulz und Walter Holdt hervor sowie das kolorierte Foto »Mondraketenflug« (1928) von Liesl Karlstadt und Karl Valentin. Das Foto zeigt Menschen, die sich in Schale geworfen haben, um ein Raketenflugzeug zu bestaunen. Walter Dexels bemerkenswertes Mappenwerk »Reise zum Mars« aus den zwanziger Jahren beinhaltet einen Zyklus von 20 Zeichnungen, in denen sich terrestrische und extraterrestrische Kräfte begegnen; neun davon sind ausgestellt. Zwei großformatige Fotos des Düsseldorfer Fotografen Thomas Ruff von 2012, die auf Nahaufnahmen der NASA basieren, sind ebenfalls dem Mars gewidmet. Ruffs synthetisierte Ansichten lassen die Betrachter die Perspektive von auf dem Mars Ankommenden einnehmen. Sylvie Fleury zeigt mit ihrer schlaff an der Wand lehnenden silbernen Stoffrakete, »First Spaceship on Venus«, was sie von der Technikeuphorie und den männlichen Eroberungsfantasien hält, die wiederholt von US-amerikanischen Techmilliardären zur Schau gestellt werden.

Ein Höhepunkt der Ausstellung ist die Videoarbeit »Farewell« (2024) der israelischen Künstlerin Yael Bartana: Eine Gruppe von Menschen entscheidet sich, den Planeten in einem Mehrgenerationenraumschiff zu verlassen und zu unbestimmten Galaxien zu reisen. Bartanas Arbeit ist in dem ritualisierten Rückblick des Judentums begründet. Israel versucht mit der derzeitigen expansiven religiös-nationalen Siedlungspolitik, die als göttliche Aufgabe gesehen wird, den messianischen Zustand vorwegzunehmen. Bartana entwirft die Diaspora des Alls als Alternative zur territorial gebundenen Nation.

In das Grün um das Arp-Museum herum hat die Künstlerin Mona Schulzek ihren »Outerspace Transmitter« aufgestellt, der Botschaften ins All schickt. Vielleicht kommt irgendwann einmal eine Antwort von einem der mehr als 60 Millionen Sterne, Nebel und Sternhaufen, die das von dem europäischen Weltraumteleskop Euclid zusammengesetzte Bild zeigt, das 2025 vom Zentrum der Milchstraße geschossen wurde.

→ »Zu den Sternen!«, Arp-Museum, Bahnhof Rolandseck, Hans-Arp-Allee 1 , Remagen, bis 10. Januar 2027

www.arpmuseum.org

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Erschienen in der Ausgabe vom 15.09.2026, Seite 11, Feuilleton

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