Neuausrichtung per Rotstift
Von Dieter Reinisch
Nicht wenige Journalisten rufen nach den drastischen Stellenstreichungen vom Mittwoch das Ende der renommierten Washington Post (Wapo) aus. Doch das politische Ende kam schon zuvor: die Anbiederung des Eigentümers, Amazon-Milliardär Jeff Bezos, an US-Präsident Donald Trump, mit der auch eine redaktionelle Neuausrichtung einherging. Die Kommentarspalten wurden zunehmend zum Tummelplatz rechtskonservativer Schreiber. Nun wird ein Großteil der Auslandsbüros geschlossen, und auch der »Newsroom« des einstigen liberalen Vorzeigeblatts soll deutlich schrumpfen. Dafür stellte Bezos im Herbst drei neue Kommentatoren aus dem MAGA-Umfeld ein.
Wie der New Yorker berichtete, erhielt die Redaktion der Wapo am Mittwoch morgen eine E-Mail mit der Anweisung, zu Hause zu bleiben. Die Redakteure sollten um 8.30 Uhr Ortszeit an einer Zoom-Konferenz teilnehmen. Anlass der Konferenz waren die bereits von vielen erwarteten Massenentlassungen. Das Ausmaß war dann aber doch überraschend: Ein Drittel ihrer Belegschaft wird entlassen, darunter die gesamte Sportredaktion, mehrere Auslandsbüros und die Buchberichterstattung, wie Associated Press berichtete. Insgesamt werden 300 von 800 Stellen gestrichen. Dabei sollen alle Korrespondentenbüros im Nahen Osten geschlossen werden. Aaron Wiener, der erst seit sechs Monaten das Wapo-Büro in Berlin leitete, teilte auf Bluesky mit, dass er entlassen worden sei und das Berliner Büro ebenfalls geschlossen werde. Es sei »ein schwarzer Tag«.
Die Sportredaktion wird ganz dichtgemacht – ein Weg, den die New York Times bereits vor einigen Jahren gegangen ist. Seither kauft sie ihre Sportberichterstattung von The Athletic zu. Dass die Wapo ähnliches plant, wurde spätestens Anfang Januar evident, als den Angestellten ihre Reisen zu den am Freitag in Mailand beginnenden Olympischen Winterspielen gestrichen wurden.
Wapo-Chefredakteur Matt Murray bezeichnete die Maßnahmen als schmerzhaft, aber notwendig, um das Medium zukunftsfähiger zu machen und den technologischen Wandel sowie die veränderten Lesegewohnheiten zu bewältigen. »Wir können nicht alles für jeden sein«, schrieb Murray in einer Mitteilung an die Mitarbeiter. Nach der Onlinekonferenz erhielten die Beschäftigten E-Mails mit einer von zwei Betreffzeilen – je nachdem, ob ihre Stelle gestrichen wurde oder nicht. »Eine Redaktion kann nicht ausgehöhlt werden, ohne dass dies Konsequenzen für ihre Glaubwürdigkeit, ihre Reichweite und ihre Zukunft hat«, protestierte indes die für die Wapo-Redaktion zuständige Gewerkschaft.
Die Wapo schreibt seit Jahren rote Zahlen. Der Rückgang der Abonnentenzahlen dürfte nicht zuletzt etwas mit übertriebenen politischen Kampagnen und der Kehrtwende des Blattes zu tun haben. Hat sich die Wapo während Trumps erster Amtszeit noch damit hervorgetan, den russischen Einfluss auf die Wahlen beweisen zu wollen, verzichtete sie beim Präsidentschaftswahlkampf 2024 – entgegen ihrer Tradition – die demokratische Bewerberin Kamala Harris zu unterstützen. Mit Beginn der zweiten Amtszeit Trumps wurde der politische Wandel vollends offenkundig.
Amazon-Chef Bezos hatte die Wapo im August 2013 für umgerechnet 230 Millionen Euro erworben. Im Februar 2025 wies er die Chefredaktion an, nur noch Meinungsbekundungen zu veröffentlichen, die persönliche Freiheiten und den freien Markt hochhalten. Daraufhin kündigte der für Meinungsstücke zuständige Redakteur David Shipley. Auch viele bekannte Kolumnisten und langjährig Beschäftigte haben seit vergangenem Jahr aus Protest ihren Dienst für die Wapo quittiert. Eine öffentliche Stellungnahme Bezos, der in den vergangenen Wochen von Wapo-Beschäftigten vielfach aufgefordert wurde, sich gegen die Kürzungen einzusetzen, gab es bis jW-Redaktionsschluss nicht.
Deutlich sichtbar wird der politische Wandel, den die Post im vergangenen Jahr durchlaufen hat, zum Beispiel bei der Berichterstattung über den Neubau des 8.400 Quadratmeter großen Ballsaals im Weißen Haus für rund 300 Millionen Euro: »In Verteidigung des Ballsaals im Weißen Haus«, schrieb die Wapo am 25. Oktober 2025. Ein großer Teil der zu holenden Profite aus dem Projekt entfällt auf Amazon.
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