Tödlicher Kampf um Land
Studie von »Global Witness«: Indigene und Umweltaktivisten auf der Abschussliste
Wer sich in Lateinamerika aktiv gegen Landraub, Rohstoffausbeutung, Regenwaldabholzung, Agrobusiness, Wasserkraft- und Straßenbauprojekte oder für seine Landrechte einsetzt, muss weiterhin um sein Leben fürchten. Das gilt vor allem für Kolumbien und Brasilien. Dies geht aus dem Mitte September vorgelegten Bericht »Collective Power: The struggle for protection for land and environmental defenders« von Global Witness hervor. Demzufolge ist Kolumbien noch vor Brasilien das tödlichste Land für Aktivisten. Dort wurden im vergangenen Jahr 39 Menschen ermordet, die »ihre Stimme zur Verteidigung ihrer Rechte auf Land sowie auf eine saubere, gesunde und nachhaltige Umwelt erhoben haben«, so die britische Menschenrechtsorganisation.
Insgesamt registrierte sie im vergangenen Jahr 124 Morde an Aktivisten weltweit. Honduras und die Philippinen belegen mit jeweils zwölf Todesfällen den dritten Platz, gefolgt von Mexiko mit zehn Opfern. In Brasilien verzeichnete Global Witness 26 Morde – mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr, als die Organisation zwölf Fälle registriert hatte: »In Brasilien waren 2025 bis auf einen alle von uns dokumentierten Fälle primär auf Landkonflikte zurückzuführen. Sieben Tötungsdelikte standen im Zusammenhang mit Forderungen indigener Gruppen nach Anerkennung ihrer angestammten Territorien.« 14 weitere Fälle betrafen Landlose, Kleinbauern und Quilombolas, Nachfahren afrikanischer Sklaven.
Die Ermordungen konzentrierten sich in dem größten Land Südamerikas im wesentlichen auf die Bundesstaaten Rondônia und Pará im Amazonasgebiet. Dort würden die Agrar- und Bergbaufront zunehmend in die Gebiete kleinbäuerlicher Gemeinschaften vordringen, schreibt die Menschenrechtsorganisation und räumt dabei ein, dass es wahrscheinlich eine hohe Dunkelziffer von Ofern gibt. »Wir sind uns bewusst, dass die Namen vieler Aktivisten (Landverteidiger), die im vergangenen Jahr ihr Leben verloren haben, möglicherweise fehlen, und wir werden womöglich nie erfahren, wie viele weitere ihr Leben für den Schutz unseres Planeten hingegeben haben.«
Die Situation ist vor allem für die indigenen Völker in Brasilien tatsächlich weitaus dramatischer. Laut dem im vergangenen August veröffentlichten Bericht »Gewalt gegen indigene Völker in Brasilien 2025« des Indigenen Missionsrats (Cimi, Conselho Indigenista Missionário) wurden 258 Indigene ermordet: 22 Prozent mehr als 2024. Die Daten stammen von den Gesundheitsbehörden der Bundesstaaten sowie vom Sterblichkeitsinformationssystem des Bundesgesundheitsministeriums in Brasília.
Die Bundesstaaten mit den meisten Opfern waren Roraima in Nordamazonien mit 82 getöteten Indigenen, der Staat Amazonas mit 47 und Mato Grosso do Sul im südwestlichen Brasilien mit 37 ermordeten Ureinwohnern. In allen drei Bundesstaaten stieg die Zahl der Todesfälle im Vergleich zum Vorjahr an. Im Nordostbundesstaat Bahia wurden 19 Indigene ermordet. Cimi verzeichnete zudem 18 Morddrohungen und 38 Mordversuche. Die Expansion der exportorientierten Agrarindustrie sei demnach die Wurzel vieler dieser Gewalttaten: »Diese Agrarindustrie wird künstlich durch Steuervergünstigungen und unbegrenzte Kreditlinien gestützt und benötigt neben der zunehmenden Aneignung und Ausbeutung von Land und Wasser auch den Bau großer Energie- und Verkehrsinfrastrukturprojekte durch den Staat.«
Nach Meinung des Missionsrats seien die wiederholten Angriffe auf die territorialen Rechte der indigenen Völker im Bundeskongress ein weiterer Grund für die Aufrechterhaltung und Zunahme der Gewalt gegen Brasiliens Ureinwohner. Ferner stünde noch immer eine endgültige Entscheidung des Obersten Bundesgerichtshofs zum umstrittenen Stichtagsgesetz (Marco Temporal) aus, das die angestammten Landrechte einschränken soll. Geschützt würde bei einer Billigung nur noch, wer nachweisen kann, dass er oder sie das entsprechende Land am Tag der Verkündung der aktuellen brasilianischen Verfassung bereits bewirtschaftet oder bewohnt hat. Alle anderen wären zum Abschuss freigegeben.
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