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Brasilien

Mit Gott, Frauen und Evangelikalen

Brasilien: Wahlkampfstart von Arbeiterparteikandidat Lula da Silva und ultrarechtem Kontrahenten Flávio Bolsonaro

Foto: Adriano Machado/Reuters
Lula gibt sich am Sonntag im Fußballstadion »1. Mai« kämpferisch (São Bernardo do Campo)

In Brasilien hat der offizielle Wahlkampf um das Amt des Staatspräsidenten begonnen. Amtsinhaber Luiz Inácio Lula da Silva von der Arbeiterpartei (PT) wählte das Fußballstadion »1. Mai« in São Bernardo do Campo im Bundesstaat São Paulo für seine Auftaktkundgebung am Sonntag. An diesem historischen Ort hatte Lula während der Streiks der Jahre 1978/1979 die großen Gewerkschaftsversammlungen geleitet und seine politische Karriere begonnen. Sein aussichtsreichster Gegenkandidat, der ultrarechte Flávio Bolsonaro von der Liberalen Partei (PL), präsentierte sich in Rio de Janeiro an der Copacabana.

Vor rund 40.000 Anhängern erinnerte Lula an seine Zeit als Gewerkschaftsführer während der brasilianischen Diktatur und begründete seine Kandidatur für eine vierte Amtszeit mit der Notwendigkeit, eine Rückkehr der Rechten an die Macht zu verhindern. Der 80jährige umwarb dabei insbesondere die Frauen. Er würdigte ihre Rolle in der Gesellschaft und betonte die Notwendigkeit, Femizide zu bekämpfen und den Umgang von Männern mit Frauen zu ändern. Lula dankte persönlich seiner Mutter Dona Lindu, die ihren Ehemann verlassen und acht kleine Kinder allein großgezogen habe. »Frauen dieses Landes, senkt niemals euer Haupt, denn wir Männer müssen lernen, euch als Partnerinnen zu respektieren – nicht als Dienerinnen, Sklavinnen oder Bürgerinnen zweiter Klasse. Erhebt das Haupt, denn Gott hat uns gleich erschaffen. Wir müssen dieser Gewalt ein Ende setzen«, erklärte er.

Zudem versprach Lula ein neues Ministerium für öffentliche Sicherheit, insbesondere zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität. Es gebe Verbrecherbanden, die die Favelas beherrschten und den Menschen das Leben zur Hölle machten. »Wir werden die Bevölkerung befreien, indem wir jeden festnehmen, der glaubt, ihm gehöre eine Favela.« Es sei leicht, einen jungen Menschen in der Favela zu töten, doch die Drahtzieher lebten fern der Armensiedlungen in luxuriösen Wohnanlagen. »Wir müssen die Bosse zur Strecke bringen, um die Handlanger zu stoppen«, betonte Lula.

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In seiner Rede sprach sich der Amtsinhaber abermals für die Ausbeutung der kritischen Rohstoffe, insbesondere der seltenen Erden aus. Doch er wolle nicht bloß Rohstoffe exportieren, nur um später die daraus gefertigten Endprodukte wieder zurückzukaufen. »Wir wollen den Abbau, die Verarbeitung, die industrielle Wertschöpfung und die Fertigung direkt hier vor Ort durchführen. Wir wollen hier Arbeitsplätze schaffen und Wohlstand generieren. Ich möchte nicht, dass die Vereinigten Staaten, Russland, China, Frankreich, Großbritannien oder sonst irgend jemand unsere kritischen Mineralien ausbeutet. Wir sind es, die diese Ressourcen zum Wohle des brasilianischen Volkes erschließen werden. Das ist das Land sich selbst schuldig.«

Darüber hinaus sieht sich der 80jährige, an die Evangelikalen gerichtet, als eine Art »Auserwählter«. Lula: »Ich muss Gott jeden Tag danken. Denn wenn man bedenkt, woher ich komme und dass ich nicht vor dem fünften Lebensjahr verhungert bin und es schließlich dreimal zum Präsidenten der Republik gebracht habe, dann kann das nur das Werk Gottes sein.« Noch vor der Wahlrede des amtierenden Staatspräsidenten hatten seine Frau und »First Lady« Rosângela »Janja« gemeinsam mit dem evangelikalen Baptistenpastor Kleber Lucas einen Gospel vorgetragen. »Aus der Asche zurückgekehrt, aus dem Gefängnis zurückgekehrt, mit derselben Kraft, derselben Leidenschaft – er ist nicht nur ein Mann, er ist die Stimme, die niemals zum Schweigen gebracht wurde, er ist die Liebe des Volkes, das niemals aufgegeben hat«, sangen die beiden. In ihrer folgenden Rede stellte auch Janja die Frauenrechte in den Mittelpunkt und versicherte, an Lula gerichtet: »Wir sind die Mehrheit, und wir werden Dich wieder wählen.«

Rund 500 Kilometer entfernt an der bewölkten Copacabana herrschte weniger Wahlstimmung. Lediglich 8.900 Menschen kamen zum Wahlauftakt von Flávio Bolsonaro zusammen, so die Schätzung der Universität von São Paulo. Auch der 45jährige Senator der Liberalen Partei (PL) umwarb die Frauen. Brasilien werde mit ihm gewinnen, weil er die Frauen Brasiliens schützen werde, sagte er. Unter seiner Regierung würden Vergewaltiger von Frauen und Kindern im Gefängnis landen und nur nach einer chemischen Kastration freigelassen werden. Außerdem versprach Bolsonaro, das Land vor Korruption, Verbrechen, hohen Lebensmittelpreisen und steigender Staatsverschuldung zu schützen und »Gott, Land, Familie und Freiheit« in den Mittelpunkt seiner Politik zu stellen.

Trotz der auch aufgrund des ungewöhnlich kühlen Wetters geringen Beteiligung der Einwohner Rios an der Wahlveranstaltung an der Copacabana prophezeien die Meinungsforschungsinstitute ein Kopf-an-Kopf-Rennen am Wahltag Anfang Oktober zwischen Lula und dem rechten Präsidentschaftskandidaten, das erst im zweiten Wahlgang entschieden wird. Zünglein an der Waage werden die elf anderen Kandidaten sein, die selbst keine Chance haben, die Wahl zu gewinnen.

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Erschienen in der Ausgabe vom 19.08.2026, Seite 7, Ausland

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