- → Ausland
Saudis in Bedrängnis
Jemen-Krieg: Offensive der Ansarollah geht weiter. Riad ruft zur Sicherung seiner Ölexporte Frankreich zu Hilfe
Frankreichs Armee muss ausrücken, um die Lebensader eines der reichsten Regime der Welt zu schützen. Präsident Emmanuel Macron hat am Donnerstag angekündigt, Soldaten, Radarsysteme und Luftabwehr ins saudische Janbu zu entsenden. Janbu ist der Endpunkt der Ostwestpipeline. Über sie kann Riad täglich bis zu sieben Millionen Barrel Rohöl von den Förderfeldern am Persischen Golf zur Rotmeerküste leiten und damit die von Iran bedrohte Straße von Hormus umgehen. Am 10. September hatten Drohnen mehrere Pumpstationen beschädigt und die Pipeline lahmgelegt.
Vollständig repariert ist die Leitung bis heute nicht. Satellitenbilder vom 17. und 22. September zeigen umfangreiche Erd- und Aushubarbeiten an einer der beschädigten Stationen. Die staatliche Ölgesellschaft Aramco hat die Pipeline inzwischen mit reduziertem Durchsatz wieder angefahren; bis die volle Kapazität erreicht ist, könnten jedoch noch mehr als zwei Monate vergehen. Dabei investiert Saudi-Arabien seit vier Jahrzehnten Milliarden, um seine Ölströme von der Schiffspassage durch die Meerenge von Hormus unabhängiger zu machen. Und während Janbu und die Ostwestpipeline unter Beschuss geraten, dringen die jemenitischen Ansarollah (»Huthi«) am anderen Ende der Rotmeerroute zugleich tiefer in den Raum um den Bab Al-Mandab vor.
Hinter Mokha und Dhubab kämpfen die Truppen um die Höhen von Kahbub an der Grenze zwischen Tais und Lahidsch. Wer sie kontrolliert, sichert den Zugang zur Meerenge und entscheidet, ob der neugewonnene schmale Küstenkorridor gehalten werden kann oder exponiert bleibt. Die Ansarollah versuchen also, den Landgewinn am Bab Al-Mandab ins Hochland zu verbreitern und zugleich Tais vom Süden abzuschneiden. Tais ist der wichtigste Logistikknoten der sogenannten Regierungstruppen zwischen dem Hochland und Aden. Seit dem Verlust Mokkas hängt die Stadt vor allem an der Straße über Al-Turba und den Pass Hedschat Al-Abd nach Lahidsch und Aden. Wird diese Verbindung unterbrochen, gerät Tais in operative Isolation. Genau darauf laufen die beiden aktuellen Angriffsachsen hinaus: von der Küste auf die Höhen hinter Bab Al-Mandab und von Norden auf die Tais-Aden-Straße. Gelingt beides, würden die Ansarollah nicht nur den Küstenkorridor absichern, sondern den gesamten Raum zwischen Tais, Lahidsch und Aden unter Druck setzen.
Militärisch versucht Riad, die Front mit zusätzlichen Kräften zu stabilisieren. Politisch ist das schwieriger. Denn hinter den Truppen steht kein geschlossenes Lager. In Aden, Lahidsch und anderen südlichen Städten richteten sich Proteste zuletzt auch gegen den saudischen Einfluss und gegen die von Riad gestützte »Regierung« – von der es immer wieder heißt, dass sie international anerkannt sei, die aber seit langem keine demokratische Legitimität besitzt und sich zum Teil im saudischen Exil befindet. Stromausfälle von teils 16 bis 20 Stunden täglich, Inflation und wirtschaftlicher Niedergang verschärfen den Unmut.
Dabei bedeutet Opposition gegen Riad keineswegs Unterstützung für die Ansarollah. Im Süden ist der Separatismus stark. Viele seiner Anhänger wollen weder von Sanaa noch von der saudischen Proxyregierung beherrscht werden. Human Rights Watch dokumentierte Anfang des Jahres Proteste und tödliche Gewalt durch »Regierungskräfte«. In Seijun forderten Demonstranten sogar, ein Porträt des saudischen Königs und die jemenitische Staatsflagge zu entfernen. In Hadramaut und Al-Mahra wiederum beanspruchen lokale und tribale Kräfte größere Autonomie und widersetzen sich dem Einfluss aus Sanaa, Aden, Riad und Abu Dhabi.
Damit verteidigt die von Saudi-Arabien gestützte Seite zwar Territorium, aber keine gemeinsame politische Ordnung. Südseparatisten, Stämme, Islamisten, lokale Milizen und die von der Saudi-Diktatur bezahlte »Regierung« kämpfen teilweise gegen denselben Gegner, ohne sich darüber einig zu sein, welchem Staat sie am Ende überhaupt angehören wollen. Die Ansarollah stehen damit militärisch einem Bündnis gegenüber, dessen politische Bruchlinien bis tief hinter die Front reichen.
Auf diese militärische und politische Schwäche reagiert Riad mit Bündnissen. Saudi-Arabien, Pakistan und die Türkei beraten im Rahmen des sogenannten Mekka-Pakts über militärische Unterstützung; hinzu kommt jetzt Frankreich.
Die hektische Suche nach neuen Bündnispartnern und zusätzlichen Exportrouten zeigt die strukturelle Verwundbarkeit des saudischen Ölstaates. Seine politische Stabilität beruht wesentlich darauf, die Einnahmen aus dem Erdöl in Wohlstand, Subventionen und staatliche Versorgung zu übersetzen, während politische Mitsprache brutal unterdrückt wird. Die Ansarollah brauchen Saudi-Arabiens militärische Gesamtmacht nicht zu brechen. Es reicht, die Grundlage dieses Herrschaftsmodells immer wieder zu treffen eine Diktatur, deren politische und soziale Stabilität unmittelbar am ungestörten Fluss des Öls hängt.
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 0,0
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
