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Theater

Kleininvestoren leben lustlos

Phase des Plunders: Peter Hacks’ bittere Komödie »Geldgott« in einer Inszenierung von Jens Mehrle. Die Produktion tourt durch Sachsen-Anhalt

Foto: Anja Mikolajetz
Angemessen bösartig: Timo­thée Dumont, Alicia Peckelsen und Ralf Bockholdt (v. l. n. r.)

Endlich reich sein! Das ist der Wunsch von Chremylos, der sich mit seiner einzigen Sklavin Fifine gerade eben so durchschlägt. Sein Tag scheint zu kommen, als er dem Geldgott Pluto begegnet. Dieser freilich ist vom Göttervater Zeus geschlagen und wankt heruntergekommen durch die Welt. Schlimmer noch: Er ist blind und schüttet den Wohlstand wahllos aus, an Arme und Reiche, an Fleißige und Faule. Chremylos nimmt sich seiner an, sorgt für Heilung, auf dass ihn der dankbare Gott mit Gaben überschütte.

Die Heilung gelingt, der Plan nicht. Pluto bereut – er habe die Übersicht verloren. Künftig werde er nur noch zu den Faulen gehen. Chremylos verspricht, für künftigen Reichtum eifrig zu arbeiten: »Merkwürdig«, so Pluto. »Durch Arbeit verliert man das Geld nur.« Wahr sei vielmehr: »Das Geld verdient sich selber.« Der Gedanke an Produktion sei »durch und durch voriges Jahrhundert. Den Umweg über die Ware macht die moderne Wirtschaft nicht mehr.«

Als Peter Hacks 1991 die Aristophanes-Komödie »Der Geldgott« umarbeitete, war der Finanzmarktkapitalismus bei weitem noch nicht so entwickelt wie heute. Plutos Gedankenwelt ist eine Mischung verschiedener Bestandteile. Dass das Geld arbeite, und nicht tatsächlich Arbeit der einzige wertschaffende Faktor ist, war als bürgerliche Ideologie etabliert. Dass im Imperialismus in seiner späteren Phase nur noch unbrauchbarer Plunder vermarktet werde, war Hacks’ Überzeugung.

Ins Unglück führt schließlich, dass man ein Startkapital braucht. Chremylos verkauft die geliebte Fifine an den bösartigen Alten Lüsterblick; sich selbst liefert er für etwas geliehenes Geld der keineswegs sympathischeren Witwe Beutelrock aus. Das Leben des Kleininvestors, der sich ein Dasein als erfolgreicher Emporkömmling vorlügt, ist lustlos. Der Wein ist billig, die Musik zum geplanten Fest ist schlecht, und als er endlich ein wenig Zeit allein mit Fifine abknappst, bleibt der erhoffte Sinnengenuss aus.

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Hacks’ Stück ist auch eines über das Glück: wie man es erlangt und vor allem, wie man es verfehlt. Wie in seiner weitaus bekannteren Aristophanes-Adaption, »Der Frieden« von 1962, geht es dabei auch und in großer Offenheit um sexuelle Lust. Im früheren Werk wurde sie allerdings freudvoll ausgelebt. Der »Geldgott« ist bitterer: Besitzverhältnisse ersticken sie. Die Verse im »Frieden« sind Prosa gewichen, und die einst fröhlichen Witze tendieren nun zum Sarkastischen.

Die Inszenierung von Jens Mehrle, die am vergangenen Sonnabend in Dessau Premiere hatte, kennt gleichwohl einen fast karnevalesken Ton herausgestellter Lustigkeit, so gleich eingangs in einem noch scherzhaften Streit zwischen Chremylos und Fifine. Dann folgt der Bruch: sobald der (in der Theaterfiktion) einzige Besucher sich einschaltet, nämlich der Herr Kohr, der sich im weiteren Verlauf als eine klägliche Schrumpfform des antiken Theaterchors herausstellt. Kohr mäkelt zunächst am Bühnengeschehen herum und beruft sich auf das ökonomische Gewicht von 400 Eintrittskarten. Der fiktive Sponsor »Kauff & Unbesehen« hat alle Tickets aufgekauft und an die Lohnabhängigen verschenkt. Die aber sehen lieber ein Fußballspiel, und Herr Kohr vertritt sie alle – aber nur, weil er erkältet ist und lieber ein Dach über dem Kopf hat. Die Sprache wird grob, und mit welchen Registern Hacks den kulturellen Niedergang gestaltet, ist hochartifiziell.

Mehrle unterscheidet in seiner Inszenierung diese Töne. Im betont Spielerischen wird deutlich, wo noch Spuren des Utopischen sind – hier ist das Künstliche herausgestellt. Mittels Prosa bricht hingegen die Realität nach der Konterrevolution ein. Nicht immer trifft dies ganz den Text, der als Ganzer von Desillusionierung gekennzeichnet ist. Manche der bösen Pointen in dieser Komödie hätte man sich trockener vorstellen können, schärfer gesprochen. Mehrles Version bewahrt mindestens so viel Heiteres, wie sich im Stück findet. Das weist auf die Schluss­szene voraus. Hier scheint ein von der Glücksgöttin Fortuna zurückgelassenes Füllhorn einen neuen Weg zum Genuss zu eröffnen, doch bleibt bei diesem rätselhaftesten aller Hacks-Enden die Frage offen, ob es bloß um Konsum oder um eine erfülltere Zukunftsperspektive geht.

Die Aufführung kommt mit einfachsten Mitteln aus. Das Füllhorn, zwei Leitern, ein Vorhang, ein Stecken, ein Topf, ein Seil – viel mehr braucht es nicht. Das liegt natürlich vor allem daran, dass der »Geldgott« in den kommenden Wochen in mehreren sachsen-anhaltischen Städten zu sehen sein wird, teils drinnen und teils draußen. Es ermöglicht aber auch eine äußerst flexible Personenführung. Ausstatterin Anja Mikolajetz hat zudem für phantasievolle Masken gesorgt, die anzusehen eine Freude ist.

Ralf Bockholdt macht die Naivität des Chremylos glaubwürdig und erreicht zugleich, dass die für das Stück notwendige grundlegende Sympathie für die Figur bewahrt bleibt. Hacks hat Fifine die überlegene Haltung und unterlegene soziale Position gegeben; Alicia Peckelsen bringt das Schnippische und Liebenswürdige ebenso heraus wie die Klugheit. Der Gott jammert anfangs, hat sogar dann noch seine gewohnt herrischen Momente und ist nach seiner Wiederherstellung von zynischer Lässigkeit: Aspekte, die Timo­thée Dumont zeigt. Susann Toni Wagner hat das Vergnügen, eine in jeder Hinsicht widerwärtige Beutelrock zu geben, während Felix Würgler entsprechend einen angemessen bösartigen und lüsternen Lüsterblick verkörpert. Volkmar Paschold begleitet nicht nur – wie schon in früheren Produktionen – das Geschehen musikalisch mit dem Bass, sondern repräsentiert zudem als Herr Kohr ein nicht eben kunstsinniges Publikum. In der Realität hingegen ist diesem »Geldgott« eine einfühlsamere und vor allem zahlreichere Besucherschaft zu wünschen.

→ Nächste Vorstellungen: 2.9., Aken (Alte Werft); 18.9., Dessau (brau.ART); 19.9., Zerbst (Museum der Stadt Zerbst); 4.10., Coswig (Simonetti-Haus); 9.10., Dessau (Logenhaus); 3.10. und 13.10. Wittenberg (Cranach-Hof resp. Stadtbibliothek)

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Erschienen in der Ausgabe vom 01.09.2026, Seite 11, Feuilleton

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