Reformisten und Reformen
Die Herbstnummer der vierteljährlich erscheinenden Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung behandelt schwerpunktmäßig die revolutionäre Arbeiterbewegung zwischen 1900 und 1925 und hier insbesondere einige ihrer sozialdemokratischen Exponenten. Wolfgang Blöß schließt seine Untersuchung über »Die Sozialdemokratie auf dem platten Lande. Um das Agrarprogramm« mit dem zweiten Teil ab. Weil der Streit zwischen den Agrarmarxisten (für den sozialistischen Großbetrieb, so Karl Kautsky, Otto Braun) und den Agrarreformisten (für Parzellierung der Großgüter, so Eduard David) remis ausging, verfügte die SPD auch nach 1918 über kein schlüssiges Agrarprogramm. Noch bei der Bodenreform in der sowjetischen Besatzungszone wirkte diese Auseinandersetzung nach.
Von der Räterepublik und Ungarns Sozialdemokratie handelt eine kaum bekannte Denkschrift »An die Internationale Sozialistische Konferenz« aus dem Jahr 1921. Sie wird von Christian Stappenbeck dokumentiert und kommentiert als Zeugnis aus der sogenannten zweieinhalbten (Wiener) Internationale, in der sich die zentristischen Arbeiterparteien zusammengeschlossen hatten. Die Denkschrift wurde von vier politisch erfahrenen Marxisten verfasst, die als einstige Volkskommissare der Räterepublik und revolutionäre Sozialisten die Erfahrungen und Ereignisse, Chancen und Sackgassen des Jahres 1919 analysieren – in Auseinandersetzung mit der Kommunistischen Internationale.
Matthias John berichtet einmal mehr aus dem Alltag des Anwalts Karl Liebknecht zwischen Juni 1904 und Februar 1905. Die quellenreiche, detaillierte Darstellung gibt ein lebendiges Bild der Polizeiwillkür und Klassenjustiz der Kaiserzeit – ein wichtiger Beitrag zur Alltagsgeschichte. Der Historiker Ronald Friedmann, Verfasser einer kürzlich ebenfalls im Trafo-Verlag erschienenen Ernst-Thälmann-Biographie, schildert den Aufstieg Thälmanns an die Spitze der KPD als Ergebnis einer Intervention der Kommunistischen Internationale.
Die Stiftung »Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR« (SAPMO) veranstaltete 2025 vier Vortragsrunden über Frauen in der DDR, beginnend mit dem Vortrag von Gisela Notz »Teures Kaffeekränzchen oder Beitrag zur Emanzipation?« Sie stellte fest, dass in der DDR wie in der BRD 1975 feierlich das Internationale Jahr der Frau begangen wurde, wobei Veranstaltungen mit unterschiedlicher Umsetzung der UNO-Thesen stattfanden. Die gleichzeitige Weltfrauenkonferenz in Mexiko-Stadt vom Juli 1975 offenbarte tiefe Konflikte, weil sich Frauen aus dem globalen Süden unterrepräsentiert fühlten, berichtet Holger Czitrich-Stahl. Außerdem enthält das Heft Nachrufe auf die verstorbenen Professoren Erich Kundel, Dörte Putensen und Siegfried Kuntsche, die nach der »Abwicklung« der DDR-Wissenschaftslandschaft wichtige Stimmen außerhalb des etablierten Wissenschaftsbetriebes blieben. Von Interesse ist außerdem die Rezension des Buches von Reinhold Zilch über das »Handbuch des Königlich-Preussischen Hof-Staats 1813«. (jW)
Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung, Nr. 3/2025, 178 Seiten, Einzelheft 16 Euro, Bestellungen über den Buchhandel oder direkt beim Trafo-Wissenschaftsverlag, Finkenstr. 8, 12261 Berlin, E-Mail: info@trafoberlin.de
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