Hirse (2)
Von Helmut Höge
Der oberste Agrarforscher Trofim D. Lyssenko war für uns als Antidarwinist interessant und mit seinem partisanischen, stets auf die Praxis gerichteten Vokabular sympathisch. Er sorgte dafür, dass die sowjetischen Genetiker ihre Forschungsstellen verloren. Sein Gegenspieler in der DDR wurde auf Weisung Walter Ulbrichts der Genetiker Hans Stubbe, der oberste Agrarakademiepräsident, der alles tat, damit die Lyssenkosche Sowjetbiologie hier in der Agrarforschung nicht Fuß fassen konnte. Die DDR-Biologen danken ihm diesen Abwehrkampf noch heute.
1943 übernahm Stubbe die Leitung des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Kulturpflanzenforschung in Wien-Tuttenhof. Dort wurden neben ziviler Forschung auch militärisch relevante Projekte zur Unbrauchbarmachung landwirtschaftlicher Nutzflächen durchgeführt.
Lyssenko ging von der Möglichkeit der »Umerziehung« von Pflanzen aus: Keimlingen wurde Intelligenz attestiert und Setzlingen solidarisches Verhalten. Einer der sowjetischen Genetiker, Nikolai Timofejew-Ressowski, konnte sich diesem revolutionären »Wahn« entziehen: Er ging nach Berlin-Buch und brachte es dort zum bedeutendsten Genetiker des deutschen Faschismus. Seine Forschungsergebnisse veröffentlichte er unter anderem in Der Erbarzt. 1988 erschien in der DDR vom sowjetischen Schriftsteller Daniil Granin ein verlogenes Porträt über Timofejew-Ressowski: »Sie nannten ihn Ur. Roman eines Lebens.«
Umgekehrt legte der US-amerikanische Genetiker Hermann Joseph Muller 1935 Stalin einen großen eugenischen Plan vor, den er »Out of the Night« betitelte. Darin heißt es übersetzt etwa: »Viele zukünftige Mütter, befreit vom religiösen Aberglauben, werden stolz sein, ihr Keimplasma mit dem eines Lenin oder Darwin zu mischen, um der Gesellschaft mit einem Kind von ihren biologischen Eigenschaften zu dienen.« Gegen diese makropolitischen Pläne protestierten nicht nur die Frauenverbände. Auch in den Zeitungen wurden solche und ähnliche Mixturen aus Soziologie und Biologie zur Massenproduktion des Neuen Menschen kritisiert, zumal sich das faschistische Deutschland ab 1933 die Rassenverbesserung qua Biopolitik auf die Fahnen geschrieben hatte und die Eugenik spätestens ab 1941 für die sozialistische Sowjetunion quasi verbrannt war. Wobei das Ziel nicht in Frage gestellt wurde, das man aber eher durch Pädagogik, Kollektivierung, Arbeit auf den Großbaustellen des Sozialismus, mit Taylorismus, Arbeitswissenschaft und – bis zum Sturz Trotzkis – mit Psychoanalyse erreichen wollte. Der Genetiker Muller ging 1941 enttäuscht zurück nach Amerika. 1946 erhielt er für seine genetische Forschung an Fruchtfliegen (über die sich Lyssenko lustig machte) den Nobelpreis für Physiologie und Medizin. Von 1949 bis 1950 war er erster Präsident der American Society of Human Genetics.
Lyssenko wurde im Westen als Scharlatan und Betrüger dargestellt, ähnlich wie zuvor der linke Biologe Paul Kammerer in Wien, der den Lamarckismus gegen den Darwinismus starkmachte. Nach Kammerers Selbstmord nach Fälschungsvorwürfen drehten der sowjetische Volkskommissar für das Bildungswesen, Anatoli Lunatscharski, und dessen Ehefrau 1928 mit Geld aus der deutschen Arbeiterbewegung den Film »Salamandra« über ihn, der in Deutschland verboten wurde.
Der Stalinpreisträger Lyssenko wurde 1956 als Akademiepräsident von Chruschtschow abgesetzt. Gänzlich verschwand der führende Biologe der UdSSR 1962. Er war laut Wikipedias Schmähartikel über ihn davon ausgegangen, dass »die Eigenschaften von Kulturpflanzen und anderen Organismen nicht durch Gene, sondern ausschließlich durch Umweltbedingungen bestimmt werden«.
Und dann war da noch der Harvard-Historiker Robert Conquest, dem das riesige außer Landes gebrachte Ukraine-Archiv für sein 1988 veröffentlichtes Buch »Ernte des Todes: Stalins Holocaust in der Ukraine 1929–1933« zur Verfügung stand. Darin heißt es in völligem Ami-Unverständnis der russischen Revolution: »Wo (der monarchistische Innenminister) Stolypin ›auf die Starken gesetzt‹ hatte, setzte Lenin auf die Schwachen.« Das konnte ja nicht gut gehen! Stolypin wurde von einem Sozialrevolutionär erschossen. Warum die Rote Armee das nach der Einnahme von Berlin-Buch und Wien nicht mit Timofejew-Ressowski und Stubbe tat, ist auch unverständlich.
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