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Literatur

Aus der Provinz

Ein märkischer Chronist und Romancier: Günter de Bruyn zum 100. Geburtstag

Foto: Deutsche Fotothek/ZB/picture alliance
Balance zwischen Anpassung und Widerspruch: Günter de Bruyn (1926–2020)

»Die Beherrschten hatten gelernt, sich in Genügsamkeit zu bescheiden, und auch die Herrschenden begannen, sich mit dem Volk abzufinden. Sie verkündeten zwar weiter die unantastbare Lehre, weil ihre Legitimation einzig darauf beruhte, sahen aber von ihren kühnen politischen Zielen weitgehend ab. Von Ordnung und Wohlstand war mehr als vom Vorwärtsschreiten und Siegen die Rede. Die wirksamste Agitationsformel wurde Geborgenheit.« So beschreibt Günter de Bruyn in seinem Lebensbericht »Vierzig Jahre« von 1996 den Unterschied zwischen der Ära Ulbricht im Vergleich zu der Honeckers in den 70er und 80er Jahren der DDR und zieht darin auch Parallelen zu anderen Restaurationszeiten in Deutschland zwischen 1815 und 1989.

De Bruyn, Jahrgang 1926, Berliner und Wahlmärker, erlebte das Ende des Zweiten Weltkriegs als Flakhelfer und junger Wehrmachtssoldat. Er wurde nach der Kriegsgefangenschaft Landarbeiter und Neulehrer und konnte dann, obwohl er parteilos war und dem »ersten Arbeiter-und-Bauern-Staat auf deutschem Boden« zeitlebens kritisch gegenüberstand, Bibliothekar und schließlich sogar Mitarbeiter am Zentralinstitut für Bibliothekswesen in Berlin werden. Dort hielt er es allerdings nur bis 1961 aus und wagte dann den Schritt in die ersehnte, aber prekäre Existenz eines freischaffenden Schriftstellers.

Von Anfang an, genauer: von seiner ersten Erzählung »Freiheitsberaubung« (1978) bis zu seinem letzten DDR-Roman »Neue Herrlichkeit« (1984) eckte er immer wieder bei den Parteifunktionären und ihrer Zensurbehörde wegen seines kritischen Blicks auf den real existierenden Sozialismus an. Aber mit seiner leisen und listigen Widerspenstigkeit und dem Erfolg seiner Bücher im Westen gelang es ihm, dass sie nach vielen Querelen auch in der DDR erscheinen konnten. Das war ihm wichtig, denn hier lebten die Leserinnen und Leser, die bei Marx und Engels gelernt hatten, kritisch zu denken und zwischen den Zeilen zu lesen. Wer wissen will, wie konfliktreich de Bruyns Balanceakt zwischen Anpassung und Widerspruch für ihn war, der sollte die »Vierzig Jahre« lesen, die auch ein subtiler Lebensbericht über den Alltag in der DDR sind.

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Ich bin auf de Bruyns Romane durch die Verfilmung seiner »Märkischen Forschungen« von 1982 in der Regie von Roland Gräf mit Hermann Beyer, Kurt Böwe und Jutta Wachowiak aufmerksam geworden. Die Geschichte vom Dorflehrer Pötsch und dem Literaturprofessor Menzel, die beide das Leben des fiktiven märkischen Dichters Max von Schwedenow erforschen, erzählt davon, wie in der DDR selbst Autoren des 19. Jahrhunderts auf Linie gebracht werden sollten. Und was passierte, wenn sich jemand dem widersetzte. Günter de Bruyn konnte darüber einen so kenntnisreichen Roman schreiben, weil er sich als Herausgeber seines »Märkischen Dichtergartens« bei Autoren wie Hoffmann, Fouqué, Tieck und Rahel Levin Varnhagen gegen deren Umtopfung in den Schrebergarten des sozialistischen Realismus immer wieder zur Wehr gesetzt hatte.

Diese Porträts sind neben seinen vorzüglichen Anthologien »Als Poesie gut. Schicksale aus der Berliner Kunstepoche 1786 bis 1807« und »Die Zeit der schweren Not. Schicksale aus dem Berliner Kulturleben 1807 bis 1815« heute noch lesenswert. Wie Theodor Fontane gelang es de Bruyn, Literatur- und Weltgeschichte über Biographien aus der märkischen Provinz zu erzählen, die in mehr als 50 Jahren zu seiner zweiten Heimat geworden war.

Abseits der Hauptstadt und ihrer Behörden arbeitete er in seiner Einsiedlerklause am Blabbergraben bei Beeskow bis zu seinem Tod 2020 als kritischer Chronist und Romancier weiter. Die Paradoxien und Parallelen deutscher Geistes- und Literaturgeschichte durch die Jahrhunderte bis in die Gegenwart konnte er dort in aller Stille und Sorgfalt beschreiben.

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Erschienen in der Ausgabe vom 31.10.2026, Seite 10, Feuilleton

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