- → Thema
To boldly go …
Alle Phaser auf Betäubung: Star Trek wird 60 und ist schon lange tot, leider
Es ist einfach das letzte, »Das Letzte seiner Art«, so der deutsche Titel der ersten Folge der ersten Serie, der originalen, »Raumschiff Enterprise« (Star Trek: The Original Series, TOS), die am 8. September 1966 in Farbe über die US-amerikanischen Fernsehgeräte flimmerte – das erste tote Redshirt trug damals noch blau. So fällt der 60. Geburtstag auf diesen Dienstag, ein Datum, inkonsequent wie die Feierlichkeiten. Im kanadischen Fernsehen wurde die Folge zwei Tage früher ausgestrahlt, aber wen kümmert Kanada? Bereits im Jahr zuvor war der Pilot »Der Käfig« abgedreht und vom Sender abgelehnt worden: zu verkopft, was das Ende für Jeffrey Hunter als Captain Pike bedeutete. William Shatners Overacting als Captain James Tiberius Kirk und etwas mehr Action sollten das Ruder herumreißen. Der neue Pilot »Die Spitze des Eisberges« (treffender im Original: »Where No Man Has Gone Before«) folgte, nur nicht in Sendereihenfolge.
Wo nie ein Mensch zuvor war
Viel ist passiert in den sechs Jahrzehnten seither; Star Trek war immer am Puls der Zeit, ihr den Spiegel vorhaltend: Space Race, Vietnamkrieg, Astro-NATO kontra Kosmos-Klingonen in der alten Serie (1966–1969) – drei Staffeln manchmal skurriler Abenteuer, da viele Sets des Produktionsstudios Paramount zweitverwertet worden sind. Genreprägende Topoi wurden in die Welt getragen und Plotblaupausen gezeichnet. Vereinigte Menschheit, Vereinigte Föderation der Planeten, Sternenflotte – Serienschöpfer, Expolizist und Pilot Gene Roddenberry wollte keine interpersonellen Auseinandersetzungen in seiner Utopie. Der Konflikt lag im Außen, das es zu erforschen galt: Der Mensch ist geflogen, »weil er gar nicht anders konnte. Was, wenn die erste Apollo-Mission zum Mond nie stattgefunden hätte? Und wenn wir nicht den Mars oder den nächsten Stern erreicht hätten? Genausogut könntest du sagen, dass du wieder mit Skalpell operieren möchtest«, schwadroniert Kirk voll Pathos gegenüber dem skeptischen Schiffsarzt »Pille« McCoy gegen Ende der zweiten Staffel in »Geist sucht Körper«, denn »Risiko ist unser Geschäft, darum geht es doch überhaupt bei unsrer Mission, nur deshalb sind wir an Bord dieses Raumschiffs«. Westdeutsche Antwort aus demselben Jahr: »Raumpatrouille – Die phantastischen Abenteuer des Raumschiffes Orion«, eine Brücke voller Alltagsgegenstände, umlackiert, jeder konnte das Bügeleisen erkennen. Trash, bis es wehtut. Dann lieber TOS mit wertigem recycelten Kasbah-Set auf der Spur von Space-Jack-the-Ripper.
Im Juni 1969, nach drei Staffeln, wurde Star Trek abgesetzt: zu teuer, und die Einschaltquote war der NBC nicht hoch genug. Durch stete Wiederholungen bildete sich aber eine Art Graswurzelbewegung, Fans organisierten Conventions. Roddenberry nutzte das Momentum, gerierte sich als Guru, Geschäftsmodell Utopist. Er tourte von Campus zu Campus, lobbyierte für eine Weiterführung, natürlich unter seiner Knute. Crossmediale Werbung durch die NASA hat auch geholfen. Der Prototyp der ersten Raumfähre des Space-Shuttle-Programms wurde »Enterprise« getauft. Nichelle Nichols (die Kommunikationsoffizierin Lieutenant Uhura) war als Special Recruiter für die Raumfahrbehörde tätig. Es folgten ein Cartoon und sechseinviertel Filme – denn »Krieg der Sterne« (1977) hatte Science-Fiction mittlerweile massenkompatibel in die Kinos getragen. Auf der Leinwand setzte sich das Triumvirat Kirk–Spock–McCoy mit dem Altern und ihrer Rolle als Kalte Krieger auseinander. Am ersten Film war die NASA beratend beteiligt – mit dem Raumfahrtingenieur Jesco von Puttkamer aus dem Geschlecht derer von Puttkamer, dem auch Johanna, die Ehefrau Bismarcks, entstammte. Der zweite Film, »Zorn des Khan« (1982) von Nicholas Meyer, eine zum kosmischen U-Boot-Drama gesponnene »Moby Dick«-Erzählung, überzeugte auch außerhalb der Fanszene.
Francis Fukuyamas verfrühtes »Ende der Geschichte«, Happy 90s und diplomatische Weitsicht prägten den großen TV-Neustart, nun mit dem Titelzusatz »Das nächste Jahrhundert« (Star Trek: The Next Generation, TNG, 1987–1994). Die Utopie wird konkret im 24. Jahrhundert: »In den letzten 300 Jahren hat sich vieles verändert. Die Menschen sind nicht mehr vom Anhäufen materieller Dinge besessen. Wir haben Hunger und Not beseitigt, ebenso das Bedürfnis nach Besitz. Wir sind über unsere Kindheit hinausgewachsen«, klärt der britischste Franzose, Captain Jean-Luc Picard (Patrick Stewart), im Finale der ersten von sieben Staffeln auf (»Die neutrale Zone«). Natürlich erst nach einem Atomkrieg, denn es sei leichter, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus, so das vom marxistischen Literaturkritiker Frederic Jameson weiterverbreitete Bonmot. Dreidreiviertel TNG-Filme folgten.
Dem alten Bush seine »Neue Weltordnung«, Jugoslawien-Kriege verschränkt mit »Free Tibet«-Propaganda werden in »Star Trek: Deep Space Nine« (DS9, 1993–1999) verarbeitet, maßgeblich beteiligt als Produzent und Autor: Hans Beimler, Enkel von Hans Beimler. Die Sternenflotte der Föderation wird in den Krieg gezogen, Spione, gar Formwandler überall, die Utopie verliert ihre Unschuld, und im Post-Roddenberry-Umfeld darf das großartige Ensemble endlich seine Konflikte sieben Staffeln lang ausleben. Auf einer treuhändisch von der Föderation verwalteten Raumstation lebt Garak, ehemaliger Geheimdienstoffizier der ehemaligen Besatzung des Weltalltibets Bajor, als scheinbar braver Schneider. Mit seiner Meinung zum Root Beer hält er gegenüber dem Ferengi und Turbokapitalisten Quark nicht zurück: Es sei »so prickelnd und klebrig und fröhlich. Genauso wie die Föderation.« Barbesitzer Quark erwidert, postkoloniales Dilemma schmeckend: »Was wirklich beängstigend ist? Wenn man genug davon trinkt, beginnt man es zu mögen.«
Die Abenteuer des »Raumschiffs Voyager« (1995–2001) springen von MacGuffin zu Plot-Gimmick. Eine Crew will heimkehren; sie ist gestrandet, weitab, in einem dem Zuschauer bislang unbekannten Territorium. Where no man has gone before, im Deltaquadranten, brechen alte Muster auf; adressiert werden die edgy Teenager der späten 90er: Denken in Playstation-Dimensionen, zwischenmenschlich unterkomplex, schließlich wird Seven of Nine installiert, durchschaubar für den Schauwert, wie seinerzeit Pamela Anderson in »Baywatch«. Für wen es genau die richtige Zeit war, für den war es auch die richtige Serie.
Mit »Enterprise« (2001–2005) wird die Vorgeschichte, lange vor TOS, erzählt: Wie kam die geeinte Menschheit zu den Sternen? Doch die Sehgewohnheiten haben sich geändert, der neue Showtypus erzählt in zehn oder mehr Folgen einen zusammenhängenden Plot: »The Wire«, »Deadwood« und natürlich »Die Sopranos«. Die Abenteuer um Captain Archer – 20 zumeist in sich geschlossene Folgen pro Staffel – wirkten demnach altbacken. An konkurrierenden Sci-Fi-Produktionen mangelte es auch nicht. Das Franchise erlebte sein vorläufiges Ende. »All good things …«, so der Titel des TNG-Finales (»Gestern, heute, morgen«), müssen einmal enden. A posteriori wäre es vernünftig gewesen, wenn es so geblieben wäre.
Nur noch dem Namen nach
Doch die Kuh muss gemolken werden, mit neuen Filmen ab 2009. Alex Kurtzman (Drehbuch, Produzent) und J. J. Abrams (Regie) nutzten den dümmsten Trick aus der Kiste: Tabula rasa für alle IPs, Kanon ausgehebelt mittels neuer Zeitlinie, alles kann neu erzählt, Rücksicht auf Kontinuität muss nicht mehr genommen werden. Diese seither anhaltende Ära wird von Fans abwertend als »Nu Trek« bezeichnet: ein perfides Bewerbungsschreiben, irgendwann mal einen Star-Wars-Film drehen zu dürfen. Abrams hat den Sprung zu Star Wars geschafft und dann auch diesen Karren in den Dreck gefahren. Chapeau! »We have to bring more Star Wars into Star Trek« legt Roberto Orci, Koautor der Abrams-Star-Trek-Filme, Kurtzman in einem Interview mit Wired (Oktober 2008) in den Mund. Abrams erklärte gegenüber Jon Stewart in der Late-Night-Sendung »The Daily Show« vom Mai 2013 – natürlich scherzhaft, dennoch aufschlussreich –, er habe Star Trek als Kind nie gemocht, es sei ihm zu philosophisch gewesen. Roger Avery (Drehbuchautor unter anderem für »Pulp Fiction«) streute im Podcast »The Joe Rogan Experience« im Februar dieses Jahres, Kurtzman habe ihm eine Absage erteilt, er wolle keinen Autor, »der auch nur die geringste Vorliebe für die Originalserie« habe, »er wollte etwas Neues machen und etwas Neues schaffen«.
Der Schaden war angerichtet. Goldesel Star Wars ist ein actiongeladenes Märchen in Space. Star Trek hingegen war das Zusammenkommen eines Ensembles, um plausible Lösungen für große Probleme zu finden, technischer, soziologischer, moralischer Art. »Nu Trek« schwafelt von Science, als sei es ein magischer Fetisch. Inbegriff dessen wurde »Star Trek: Discovery« (2017–2024), Beginn der Streamingära auf CBS All Access, später Paramount plus, im Serienformat modernen Typs.
Die Show begann als Prequel zu TOS. Hatte »Enterprise« noch den Weg zur Gründung der Vereinigten Föderation der Planeten nachspüren wollen, unternahm »Discovery« nun gar keinen Versuch einer Begründung mehr. Designsprache und Stand der Technik liefen der chronologisch folgenden TOS zuwider. Widerspruch aufgelöst durch Zeitsprung: Der spannenden Frage, wie es nach »Voyager« oder dem letzten Film der TNG-Crew weitergehe, wich man aus und prügelte die Discovery in eine ferne Wildwestzukunft. Star-Wars-Abenteuer, garniert mit dem tourettehaften Humor des MCU unter Joss Whedon, Anspielungen auf aktuelle Popkultur. Aus dem Brückenensemble wurde eine Einfraushow: Wenn sie nicht im Raum ist, fragt der Diversity-Cast, wo sie denn sei, um die Probleme zu lösen. Überbordende Emotionalität und Individualismus verdrängen den säkularen Humanismus. Das behutsam, fanorientiert gewachsene Franchise – nun angekommen in der Ära der Produzentenshows. Deren verlängerter Arm: der Autorenraum. Hate-watching ist auch ein Konzept.
Mit dem Spin-off »Star Trek: Strange New Worlds« (seit 2022) wird jener Captain Pike aus dem 1965er Piloten aus der Versenkung geholt. Nicht ganz, er hatte zuvor einen Auftritt im TOS-Zweiteiler »Talos IV – Tabu« und war der Captain in der zweiten Staffel von »Discovery«. Die erste Staffel von »Strange New Worlds« durchwehte ein wenig der Geist von TNG, dieser Wind legte sich bald. Die seit »Discovery« implementierte Diversity-Agenda ersetzt auch hier einen dramaturgisch gut gemachten Plot; unablässig wird verbalisiert, statt einfach gezeigt. Eine multikulturelle Besatzung sollte in einer multikulturellen Zukunft eine Selbstverständlichkeit sein. »Ich finde es radikaler, dass die einfach nur da sitzen (auf der Brücke, jW), alle die gleichen Rechte haben, als unbedingt zu thematisieren, dass sie dazugehören und alle die gleichen Rechte haben«, argumentierte kürzlich Simon Fistrich hinsichtlich der Frage, wie TOS in den 60ern mit Integration und der Bürgerrechtsbewegung umgegangen ist, in einer Trek-am-Freitag-Sonderfolge des Podcasts »Trek am Dienstag«, den er zusammen mit Sebastian Göttling unterhält.
Zur beschriebenen Agenda tritt in »Strange New Worlds« eine unhinterfragte Militarisierung, wenn etwa Pike in der ersten Folge der dritten Staffel – unmissverständlich – dafür optiert, Föderationsregularien zu brechen, um einen potentiellen Gegner anzugreifen oder wenigstens zu provozieren, da dieser die Föderation in einem Moment der Schwäche wähnt. »Damals haben Sie Millionen hingemetzelt in albernen Streitigkeiten darüber, wie die Ressourcen Ihres kleinen Planeten aufzuteilen seien. Und vierhundert Jahre davor haben Sie sich gegenseitig umgebracht, weil Sie sich über die Bilder Ihrer Stammesgötter stritten. Seitdem gibt es keine Anzeichen dafür, dass sich die Menschen jemals ändern werden«, hatte das omnipotente kosmische Wesen Q, gekleidet als Captain der US-Marines, zu Picard gesagt. Der wusste bloß zu erwidern: »Aber selbst als wir solche Kostüme trugen, hatten wir bereits begonnen, rasche Fortschritte zu machen.« Die Zeit, als menschliche Geschichte in Star Trek auf diese Weise verhandelt wurde, ist leider vorüber.
Mentale Mobilmachung auch in der Sphäre der Geheimdienste: »Star Trek: Sektion 31« erschien nach schwerer Geburt im vergangenen Jahr als Direct-to-Streaming-Film, zunächst als Serie konzipiert, und ebenfalls als »Discovery«-Spin-off. Die Sektion ist ein föderationsinterner Geheimdienst, ein Staat im Staat, der eingeführt wurde in DS9. Ein notwendiges Übel dort, um die Schattenseiten des sonst so moralischen Planetenbündnisses zu thematisieren. DS9 zeigte die Sektion in ihrer Ambivalenz. Der moderne CGI-Matsch präsentiert dagegen eine Truppe von Haudegen, wie sie schon bei Theodore Roosevelt im Buche stand, als hätte ein Teil der »Ocean’s Eleven« sich in die Zukunft verirrt, geführt von einer ehemaligen galaktischen Imperatorin und Kriegsverbrecherin. Der Zuschauer lernt natürlich, dass auch sie bloß ein Mensch ist.
Wenigstens in der Cartoonsparte ist Paramount nicht völlig durchgedreht. »Star Trek: Prodigy« (2021–2024) bot Kindern zwei Staffeln nette Unterhaltung, die an die Abenteuer von »Raumschiff Voyager« anschließt. »Star Trek: Lower Decks« (2020–2024) von Mike McMahan, ausführender Produzent und Autor früher Staffeln von »Rick and Morty«, präsentiert mit entsprechendem Humor und zurückgehend auf das Konzept einer ebenso betitelten TNG-Episode, in der sich die Ensigns (die unteren Ränge) über ihre Dienstältesten echauffieren, denen sonst die Bühne gehört. Der Clou: Trotz Zeichentrickhumors, der sicherlich nur für eine spezifische Zielgruppe funktioniert, nimmt die Serie die Kontinuität des 90er-Jahre-Treks ernst, setzt dort an mit teilweise cleveren Verweisen.
Vergreist und doch ein Actionstar sollte er sein, Patrick Stewart als Picard in »Picard« (2020–2023). Anbindung an frühere Fans sucht die Serie, präsentiert zugleich nicht weniger den Zynismus der Ägide Kurtzman: Die späte Föderation ist nicht bloß korrupt, sondern obendrein fremdenfeindlich. Hanebüchen, dafür sieht die Serie gut aus. Jede dumme Idee wird von der folgenden Staffel überschrieben. Der neue Showrunner Terry Matalas schaffte es fast, mit der dritten Staffel das Ruder rumzureißen. Neues Corporate Design, selbst der Schriftzug änderte sich, für ein paar Folgen wird dreist der »Zorn des Khan« kopiert, leider fliegt die ausgemottete U. S. S. Enterprise NCC-1701-D mit Retrorumpfcrew in einen übergroßen Borg-Würfel, muss irgendwas im Zentrum treffen wie der Millennium Falcon den Hauptreaktor des Todessterns. Vielleicht das größte Verbrechen! Ist doch das Schiff der Galaxy-Klasse in seiner klobigen Form eine Ansage gegen wendige Weltraumschlachten. Es verkörpert seinen Auftrag als diplomatisches Flaggschiff, mit Arboretum, Vergnügungsmöglichkeiten und Sporthalle für die zivile Besatzung. Aus einer angekündigten Weiterführung wurde nichts. Nach Drehende hat Paramount alle Sets zerstören lassen: »Es gibt kein einziges Studio in Amerika, das eine Serie produzieren würde, in der die meisten Hauptdarsteller über 70 Jahre alt sind. Tut mir leid, aber das ist nun mal die Wahrheit. So ist Hollywood eben«, holte Marina Sirtis (die Darstellerin der Schiffspsychologin Deanna Troi) das Publikum und ihren Kollegen Jonathan Frakes zurück auf den Boden der Tatsachen, passenderweise während eines Panels auf der diesjährigen Star-Trek-Kreuzfahrt.
Dümmer, als erlaubt
Da sind wir auch schon bei den Highlights des Jubiläumsjahrs. Womit wird der Trekkie respektive Trekker abgespeist? Gimmicks: erwähnte Kreuzfahrt, Lego, ein Prequelhörspiel zu Khan, Romane (TOS, DS9), ein »Magic the Gathering«-Kartenset und eine dröge Briefmarke. Selbst das Franchise um »Akte X« hält dieses Jahr mehr bereit, obwohl es gar kein Jubiläum zu feiern hat.
Auch bei Paramount gibt es keinen Grund zum Feiern. Der Konzern befindet sich seit letztem Jahr im Überbietungswettstreit mit Netflix und Comcast um die Übernahme von Warner Bros. Discovery. Aktuell liegt man vorn, doch das US-Kartellamt ist noch unschlüssig, mehr dazu frühestens im kommenden März. Die Folge wäre ein Wegfall von 4.500 Arbeitsplätzen in Hollywood, prognostizierte das Branchenfachblatt Variety im August, nachdem in den vergangenen vier Jahren bereits 52.000 Jobs in der Filmindustrie von Los Angeles dran glauben mussten. Der gewerkschaftliche Einfluss ist in der Traumfabrik nicht zu unterschätzen, den Studios werden die Löhne zu teuer.
Flaggschiff des Star-Trek-Jahres 2026 war ein weiteres Spin-off von »Discovery«, mit dem ein altes Sujet bedient werden sollte, es steckt im Namen: »Star Trek: Starfleet Academy« (SFA) – Kadettenjahre sind keine Herrenjahre. Oft blickten Sternenflottenoffiziere in den Filmen und Serien zurück auf ihre Jahre als Kadetten, ein gleichnamiges Computerspiel von 1997 jagte Fans durch die Akademie. SFA wurde direkt nach der Ausstrahlung der ersten Staffel im ersten Quartal eingestellt. Ein großes Publikum habe die Show nicht erreicht und keinen Einzug in die Streaming-Top-ten-Liste des Marktforschungsinstituts Nielsen Media Research gehalten, konstatierte Variety am 23. März. Eine zweite wird noch kommen, da sie parallel zur ersten Staffel abgedreht wurde. Die alten Shows kamen in der Regel auf sieben Staffeln, und das, obwohl viele von ihnen ein paar Staffeln brauchten, den eigenen Ton zu finden.
In SFA sind alle Makel versammelt, die die Kurtzman-Ära gesammelt hat: Militarismus, plakative Diversity anstelle klugen Storytellings (das natürlich auch progressive Inhalte haben kann). Die formelle Sprache der Sternenoffiziere wurde ersetzt durch befremdlich wirkende zeitgenössische Floskeln der Selbstermächtigung und etwas, das die Produzenten für die Sprache der heutigen Jugend halten. Und auch in SFA finden sich Star-Wars-Tümelei und der mittlerweile staubige MCU-Humor. Eine jüngere Zielgruppe hat Paramount damit nicht erreicht, die hat einfach kein Interesse an Star Trek. Die Trademark ruhenlassen will das Studio aber auch nicht. Das eigentliche Zielpublikum: Der Autor dieser Zeilen flüchtete in seine Star-Trek-Selbsthilfegruppe, um die wöchentlichen Bolzenschüsse ins Hirn zu überstehen. »Jouissance« nennt es Jacques Lacan, den Genuss im Schmerz, fast hätte Paramount ihn gebrochen.
»Wenn es zwar kaum zur Handlung beiträgt, doch den Zuschauer aufhorchen lässt, handelt es sich wahrscheinlich um Fanservice in der einen oder anderen Form«, definiert das Urban Dictionary und fasst damit auch »Nu Trek« zusammen. Bei »Picard« erschien vielerlei davon noch plausibel, Reminiszenzen an frühere TNG-Episoden etc. SFA spielt weit in der Zukunft des 32. Jahrhunderts, nach »Discovery«, bedient sich eklektisch an 60 Jahren Star Trek: Kennst du noch diese Lokai und Bele, der eine Schwarzweiß, der andere Weißschwarz – plumpe Analogie auf Rassismus in TOS –, nun sieht man endlich einen weiblichen Vertreter dieser eigentlich ausgestorbenen Art. Kennst du noch den Holodoc aus »Voyager«? Robert Picardo ist im Main Cast, die Drehbücher tragen dem leider nicht Rechnung. Erinnerst du dich noch, wie die Enterprise-D ihre Untertassensektion vom Rumpf des Schiffes separieren konnte? Kennst du noch die Wale, die Kirk aus dem 20. Jahrhundert in die Zukunft gerettet hatte? Kennst du noch die ausschließlich männlichen, sterilen und als Kriegerrasse gezüchteten Jem’Hadar? Wir haben eine Halb-Klingonin-halb-Jem’Hadar als Lehrerin an der Akademie. Kennst du noch Dex und Jake Sisko? Endlich wird auch DS9 entwertet, die bisherigen Nu-Trek-Produkte hatten sich noch nicht an diesen Komplex getraut. Kadettin SAM in der True-Crime-Klasse auf der Militärakademie versucht herauszufinden, was aus Commander Benjamin Sisko nach dem Serienfinale geworden ist. Eine dümmliche Reaktion auf die Direktive ihrer vorgesetzten Photonenwesen, die Beweggründe organischer Lebewesen zu lernen. Ach ja, sie stammt von einem Hologrammvolk, das, anders als im Franchise etabliert und bar jeder sonstigen Logik, ohne Emitter außerhalb holographischer Räume überlebt und seine organischen Peiniger überwunden hat, ein kleiner Verweis auf eine winzige Andeutung in einer »Voyager«-Episode, die damit rein gar nichts zu tun hat.
Eklektisch und inkonsequent sind die zahlreichen Verweise; sie tragen kaum zur Handlung bei, sprechen auch eine ältere Zielgruppe nicht an, außer den trotzigen Hatewatcher, verkleistern damit den Serienkorpus zum Teenie-Highschool-Drama – wohlgemerkt an einer meritokratisch orientierten Militärakademie, die hier erscheint, als sei sie eine Einrichtung für Sonderpädagogik. Wenn Caleb, der brütende, smarte und zugleich sportliche Protagonist – »Discovery« hat das Ensemble ja bereits abgeschafft –, nicht in der Lage ist, sich bei seiner Freundin zu melden, nachdem sie aus einem Koma erwacht ist, die Nachricht vor dem Abschicken löscht, nur um es als rahmendes Moment einer Folge schließlich doch zu tun, dabei aber ausschließlich über sich und seine Gefühle berichtet, erscheint selbst das pubertäre »Voyager« im nachhinein als erwachsenere Serie. Wenn er SAMs Programm dann auch noch hackt, damit sie sich in einer Kneipe so richtig die Kante geben, etwas spüren kann, nähert SFA sich »Animal House« und anderem 80er-Fraternity-Sex-Klamauk an, der aus guten Gründen heute so nicht mehr gedreht werden könnte.
Die dümmliche Leichtherzigkeit wird von körperlicher Züchtigung wieder eingeholt. Caleb – von allen beschrien als isolationistischer Außenseiter, diese Info hatte der Schauspieler wohl nicht in den Regieanweisungen gefunden – verbockt dauernd etwas, jedenfalls werden ihm immer wieder degradierende Strafen auferlegt: Hazing als Gag normalisiert. Wenn die Akademie der Sternenflotte und das War College – es teilt sich, warum auch immer, mit der Akademie einen Campus – in einem Wettbewerb gegeneinander antreten wie die Polizeiakademie von Eric Lassard gegen den Budgetkonkurrenten von Mauser und Proctor, ist der ganze Spaß leider bitterernst im Vergleich zu den »Police Academy«-Blödelkomödien. In der TNG-Episode »Ein missglücktes Manöver« wurde jener Korpsgeist, den SFA selbstverständlich voraussetzt, kritisiert, juristisch belangt sogar.
Echten Unterricht, der über verpflichtende Theaterklassen zur Selbstfindung und einen Debattierklub hinausgeht, scheint es in SFA nicht zu geben. Beim Debattieren werden dann vom Campus aus diplomatische Entscheidungen über das Fortleben von Klingonen getroffen, mit Argumenten macht sich woker Militarismus breit, so wird salonfähig, was Paul Verhoevens in »Starship Troopers« (1997) als Allegorie auf den latenten Faschismus in der US-amerikanischen Gesellschaft erzählt hat.
Gestern, heute, morgen
Zwei Herzen in der Brust des Trekkies: Es ist aus und gut so – aber vielleicht, ja, vielleicht könnte doch noch was kommen, mit dem das alte Publikum rundum zufrieden ist. Warum sollte man so naiv sein? Ohne Neues zu erschließen, braucht Paramount gar nicht anzufangen. Wie das geschehen soll? Unklar. Marketingzyniker, Produzentenautoren und Besserwisser aus der Chefetage sitzen am Hexenkessel. Der CEO von Paramount Skydance, David Ellison, sieht eine Zukunft für das Franchise, so der Merger mit Warner Bros durchgehen sollte. Keine Serie, ein neuer Film soll es richten, Drehbuch schon in Auftrag gegeben, aber wie so oft in diesem Franchise gebietet es sich, frühe Gerüchte und vage Interessenbekundungen geflissentlich zu ignorieren. Einigen Kurtzman-Projekten hat Ellison wohl den Stecker gezogen, immerhin. Vielleicht versucht sich doch noch jemand an dem Drehbuch, das Quentin Tarantino bereits 2017 J. J. Abrams gepitcht hatte und das die Handlung in einem 30er-Jahre-Gangster-Setting ansiedelt, eine kleine Anspielung auf die abenteuerlicheren TOS-Abenteuer.
»Das, was du zurücklässt« – so der Titel des Finales von DS9 – ist eine Fangemeinde, und die bleibt stabil, denn es sind die kleinen Dinge: Matthew Cushman präsentiert dieses Jahr ein neues Schnittbild der TOS‑Enterprise. Er und sein Bruder zeichnen seit den 90ern verantwortlich für elaborierte Grafiken der Schiffe und Raumstationen. Aus einer überraschend anderen Ecke: Jens Ambrock vom Referat für Wirtschaft und Behörden beim Hamburgischen Beauftragten für Datenschutz und Informationsfreiheit veröffentlichte im April eine Monographie über »Das Recht der unendlichen Weiten: Gesetze und Direktiven im Star-Trek-Universum«, Teil der Reihe »Law in Literature« des Verlags Recht und Wirtschaft. Natürlich liefert auch der Podcast »Trek am Dienstag« mindestens einmal die Woche ab, eine chronologische Reise durch das Franchise, in diesem Jahr mit Sonderprogrammen zum 60. Jubiläum. »Ein Jahr Hölle« (»Voyager«, Staffel 4, Episode 8/9) wird es damit immerhin nicht.
→ Maik Rudolph schrieb an dieser Stelle zuletzt am 4./5. und am 6. Juli 2026 in zwei Teilen über den US-amerikanischen Mythos der »Frontier«: »Der äußerste Rand einer Welle« und »There Will Be Blood«.
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 3,0
Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Berufung möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!
