Wettlauf zum Himmel
Von Marc Püschel
Knapp einen Monat ist es her, dass in China die »Zwei Sitzungen« des Nationalen Volkskongresses und der Politischen Konsultativkonferenz des chinesischen Volkes zu Ende gegangen sind. Im Fokus standen dabei vor allem der neue Fünfjahresplan (2026–2030) und die wissenschaftlich-technologische Entwicklung. Das betrifft, neben Zukunftstechnologien wie künstlicher Intelligenz, auch die Raumfahrt. Diese soll nach Bekunden der Kommunistischen Partei Chinas auf neue Füße gestellt werden. Die Volksrepublik strebt laut dem chinesischen Sender CGTN (15.3.2026) an, »den Ausbau seiner Raumfahrtkapazitäten zu beschleunigen« und die Luft- und Raumfahrt »zu einem zentralen Motor neuer Produktivkräfte zu machen, der einen wirtschaftlichen Mehrwert in Höhe von Billionen Yuan generieren kann«.
Zentraler Aspekt der neuen Strategie ist die Orientierung weg von großen staatlichen Einzelprojekten hin zum Aufbau einer Massenproduktion von Satelliten und Raketenteilen durch private Unternehmen und ein stärkerer Fokus auf kommerzielle Raumfahrt. Bereits im November 2025 hat die chinesische Raumfahrtbehörde CNSA einen Aktionsplan vorgestellt, demzufolge das Land bis 2027 zum weltweiten Marktführer im Bereich der kommerziellen Raumfahrt aufsteigen will. Dazu wurden Ende Dezember die Börsenbedingungen für Startups gelockert, wie die Nachrichtenseite Golem (5.1.2026) berichtete. Dies gelte vor allem für solche Unternehmen, die an der Entwicklung wiederverwendbarer Trägerraketen arbeiten.
Die private Raumfahrt ist jetzt bereits ein relevanter wirtschaftlicher Sektor. Laut Xinhua (5.4.2026) hatten die Kernindustrien der kommerziellen Raumfahrt Chinas im vergangenen Jahr einen Wert von rund einer Billion Renminbi Yuan (etwa 125 Milliarden Euro). Es gibt mittlerweile über 600 private Raumfahrtunternehmen im Reich der Mitte – vor acht Jahren waren es lediglich 30. Mehr als die Hälfte aller Raketenstarts im Jahr 2025 wurden bereits von kommerziellen Unternehmen durchgeführt, vorwiegend, um Satelliten ins Weltall zu bringen. In der ganzen Branche herrsche Aufbruchstimmung, wie das Handelsblatt am 21. März von der ersten Konferenz und Ausstellung für kommerzielle Raumfahrt in Shanghai berichtete.
Durch die Förderung privater Unternehmen soll – so der Plan – die industrielle Skalierung der Raumfahrttechnologie gelingen. Besonders Satelliten sollen nicht mehr »am Stück« gebaut werden, sondern modularisiert werden, so dass einzelne Bestandteile in großen Mengen hergestellt werden können. Auch die Beförderung ins All wird in die Hände von Startups gelegt. So wurden die Starts für die beiden Satelliten-Megakonstellationen Qianfan und Guowang an das Ende Dezember 2025 an die Börse gegangene Unternehmen Landspace vergeben. Die durch Tausende Satelliten gebildeten Netzwerke sollen schnelle Internetverbindungen ermöglichen und dem US-Unternehmen SpaceX mit seinen »Starlink«-Satelliten Konkurrenz machen. Mit Elon Musks Firma konkurrieren die Chinesen auch in anderer Hinsicht: Das Startup Space Pioneer hat eine in Teilen wiederverwendbare Trägerrakete namens »Tianlong 3« entwickelt, die mit der Space X-Rakete »Falcon-9« mithalten und Satelliten für Qianfan ins All bringen soll. Anfang April ist jedoch ein Teststart einer »Tianlong 3« am Weltraumbahnhof Jiuquan in der Wüste Gobi gescheitert.
Von der Zulieferung entsprechender Technik abgesehen bleiben zumindest die großen Weltraumprojekte »Staatssache«. Dazu zählen vor allem die Pläne für eine bemannte Mondmission im Jahr 2030, mit der Beijing in ein direktes Rennen mit der US-amerikanischen Artemis-Mission eintritt, die eine Landung auf dem Erdtrabanten für das Jahr 2028 vorsieht. Entsprechende Vorprojekte laufen schon oder sind bereits abgeschlossen. So gelang es China 2024 mit der Sonde »Chang’e 6« als erster Nation, Bodenproben von der erdabgewandten Seite des Mondes zu entnehmen. Mit der Nachfolgemission »Chang’e 7« soll dieses Jahr der Südpol untersucht werden, unter anderem, um dort nach vereistem Wasser zu suchen und damit langfristig die Errichtung einer Forschungsbasis auf dem Mond zu ermöglichen. Hier könnte sich jenseits des prestigeträchtigen Wettrennens um die nächste bemannte Mondlandung ein direkter Konflikt mit den USA entwickeln. Zwar existiert seit 1967 der internationale Weltraumvertrag, der es Staaten verbietet, Gebiete auf Himmelskörpern in Besitz zu nehmen. Sowohl die USA als auch China haben den Vertrag ratifiziert. Nicht unterzeichnet haben sie allerdings den ergänzenden »Mondvertrag«, der von den Vereinten Nationen 1979 vorgelegt wurde und die Ausbeutung von Rohstoffen zu Profitzwecken untersagt. So könnte ein Streit um mögliches Wassereis oder andere Ressourcen wie auf dem Mond vermutete seltene Erden entstehen.
Bei einem anderen Projekt steht die Volksrepublik dagegen so gut wie konkurrenzlos da. So könnte China bei der Erforschung des Planeten Neptuns mit Sonden eine Vorreiterrolle einnehmen, während die NASA vergleichbare Pläne aus Budgetgründen erst einmal aufgegeben hat. Entsprechende Pläne wurden am Rande des Nationalen Volkskongresses von Wissenschaftlern ins Spiel gebracht, wie Golem (29.3.2026) berichtete. Auch ein Flug zum Neptun ließe sich gut in Szene setzen: Falls Beijing im Jahr 2033 eine Sonde startet, würde diese bei einer geschätzten Reisezeit von 16 Jahren im Jahr 2049 – wenn sich die Gründung der Volksrepublik China zum 100. Mal jährt – auf dem Eisriesen ankommen.
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