Zum Inhalt der Seite
Geschichte der USA

There Will Be Blood

250 Jahre USA: Die Eisenbahn über den Kontinent als Vorreiter der Industrialisierung. Über Grenzen, koloniale Expansion und den Mythos der »Frontier« (Teil 2 und Schluss)

Foto: IMAGO/StockTrek Images
Rough, Rough. Präsident Theodore Roosevelt ließ sich als Anführer seiner Reitereinheit im Kampf gegen die Spanier gerne martialisch in Szene setzen (Lithographie von W.G. Read, 1898)

Du bist Familienoberhaupt, mindestens 21 Jahre alt, US-Bürger mit sauberem Führungszeugnis und möchtest den Wilden Westen erleben? Deine Regierung übereignet dir ab 1. Januar 1863 ganze 160 Acre (ungefähr 65 Hektar) unbesiedeltes Land. Einziger Haken: Du musst es fünf Jahre bewirtschaften.

Bereits lange vor dem Ende des Bürger-kriegs 1865 war der Sieg der Nordstaaten absehbar. Entsprechend weitsichtig zeigte sich die Regierung in Washington, als sie mit dem Homestead Act von 1862 die Besiedelung der noch brachliegenden Territorien im Westen ermöglichte und damit zugleich eine Zukunftsperspektive für die Soldaten der Union eröffnete. Im selben Jahr wurden das Landwirtschaftsministerium gegründet und mit der Verabschiedung zweier Gesetze die nötigen infrastrukturellen Bedingungen für die Westexpansion geschaffen: Mit dem Pacific Railroad Act wurde der Ausbau des Schienennetzes befördert, mit dem Morrill Act schuf der Kongress die finanzielle Grundlage für ein landesweites System von Hochschulen für Landwirtschaft.

Idyllisch gestaltete sich das Leben für Otto Normalfarmer auf dem oft kargen Land allerdings nicht. Um so attraktiver war es, dass man für 1,25 US-Dollar pro Acre (ein Acre entspricht etwa 4.047 Quadratmetern), also insgesamt 200 US-Dollar, die Fünfjahresfrist, innerhalb derer man an das Land gebunden war, auf sechs Monate drücken konnte. Damit wurde der Weg für die Bodenspekulation geebnet. Zwischen 1862 und 1900 gingen weniger als die Hälfte des zu verteilenden Gebiets, nur 300 Millionen Acres, an 400.000 Farmerfamilien.

Das große Fressen

Ordentlich zugegriffen haben vor allem die Eisenbahnunternehmen. Bereits seit den 1850ern wurde ihnen Land übereignet, doch die eigentliche Zündstufe kam 1862 mit dem Pacific Railroad Act. Bis in die frühen 1870er gingen 71 Millionen Hektar an Eisenbahnunternehmen. Zum Vergleich: Das frischgebackene Deutsche Reich umfasste damals rund 54 Millionen Hektar. Um Verluste durch den harten Wettbewerb abzufedern – am Bau der ersten transkontinentalen Bahnstrecke, der Pacific Railroad, waren drei Unternehmen beteiligt – verkauften diese ihre Ländereien für fünf US-Dollar pro Acre, also mehr als das Dreifache der Preise, die der Homestead Act vorsah. Auch dem Schienenausbau selbst tat die Konkurrenzsituation nicht gut. Schnelligkeit statt Qualität lautete die Devise. Im Mai 1869 vereinigten sich die zwei im Westen und Osten begonnenen Bauabschnitte der Pacific Railroad im Bundesstaat Utah. Zuvor bauten die Bahnunternehmen aber noch fleißig parallel aneinander vorbei, um mehr staatliche Subventionen pro Meile einzuholen. All dies geschah auf dem Rücken billiger Arbeitskräfte, die en masse herangeschafft und ausgebeutet wurden, darunter viele Chinesen, die vor Sektenführer Hong Xiuquan, selbsternannter Bruder Jesu, und dessen Taiping-Rebellion geflohen waren.

Jene Frontier, so Frederick Jackson Turner in seinem Aufsatz »The Significance of the Frontier in American History« (Die Bedeutung der Frontier in der Amerikanischen Geschichte, 1893), die mit der Pacific Railroad erreicht werden konnte, »schreitet schneller und auf andere Weise voran als die, die mit dem Birkenkanu oder dem Packpferd erreicht wurde«. Zwar wurde der US-amerikanische Charakter weiterhin davon geprägt, doch das »Sicherheitsventil«, das Benjamin Franklin – bezogen auf die Demographie – in der Westexploration sah, schien zu klemmen. »Die Umsiedlung von Amerikanern in den Westen brachte dem Osten keine Ruhe. Sie war kein Ventil für die Unzufriedenheit, die zu groß war, um auf diese Weise eingedämmt zu werden«, konstatiert US-Historiker Howard Zinn in seiner »People’s History of the United States« (Geschichte des amerikanischen Volkes, 1980).

Auch andere Unternehmen profitierten vom Schienenausbau und dem rohstoffreichen Land, das sie in Beschlag nehmen konnten. »Das Essen und Trinken ging so lange weiter, bis nur noch die riesigen Kadaver übrig waren.« Als großes Barbecue beschrieb US-Historiker Vernon Louis Parrington die Zeit nach dem Bürgerkrieg: »Als die Rechnung dem amerikanischen Volk präsentiert wurde, stellten die Menschen fest, dass man sie mit Innereien abgespeist hatte, während die Kapitalisten den Truthahn verspeisten«, heißt es in »Main Currents in American Thought« (Hauptströmungen im amerikanischen Denken) von 1927.

Aus den 50.000 Kilometern Gleisnetz im Jahr 1860 wurden innerhalb von 50 Jahren 386.242 Kilometer. Dies zu verwalten und die Züge zu koordinieren setzte einen gut ausgebauten Verwaltungsapparat voraus. Die Bahnbetreiber seien die ersten modernen Unternehmen und hätten den Manager als neuen Sozialtypen hervorgebracht, argumentieren der heutige Chefredakteur von Bloomberg News, John Micklethwait, und sein Kolumnist Adrian Wooldridge in ihrer wirtschaftshistorischen Studie »The Company« (Das Unternehmen, 2003). Ihnen zufolge ist auch der Aufstieg der New York Stock Exchange eine Folge dieser Westexpansion. Denn seit dem Ende des Bürgerkriegs bis zum Zensusbericht von 1890, der die Frontier ad acta legte, diente sie vornehmlich der Finanzierung der Bahn, deren Anteile noch 1898 über 60 Prozent der öffentlich gehandelten Aktien ausmachten. Auf diese Aktien legte das 1889 gegründete Wall Street Journal sofort sein Hauptaugenmerk.

Zugleich mit der Bahn wurde auch das Telegraphennetz ausgebaut, später Telefonleitungen und Postwesen. Damit begann in den 70er und 80er Jahren die große Zeit der Versandhäuser. Richard Sears, Gründer des nach ihm benannten berühmten US-Versandhandels, hatte seine Karriere bei der Bahn begonnen. Nachdem sein Geschäftspartner Julius Rosenwald den Vertrieb professionalisiert und ihn von Sears’ Trickbetrügereien bereinigt hatte, umfasste der »Sears Catalogue« Ende des 19. Jahrhunderts mehr als 500 Seiten. Auch Andrew Carnegie, der später Standards für die Zergliederung von Arbeitsprozessen in der Stahlproduktion entwickelte, begann als Manager bei der Bahn, deren Bau die Entwicklung der modernen Massen- und Fließbandfertigung in den USA entscheidend begünstigte.

Keine Grenze für das Kapital

Nach dem Krieg mit dem südlichen Nachbarn hatten sich dank des autoritär regierenden mexikanischen Präsidenten Porfirio Díaz die Märkte für US-Großindustrielle geöffnet. »Mexikos Führung übergab die Wirtschaft des Landes praktisch an ausländische Investoren« – J. P. Morgan, John D. Rockefeller, Cargill, die Astors und die Guggenheims sind nur einige, die der US-Historiker Greg Grandin in seiner Monographie »The End of the Myth« (Das Ende des Mythos, 2019) listet. In nur 50 Jahren seien »die Ölförderung, die Eisenbahnen, die Versorgungsunternehmen, die Viehzucht, die Landwirtschaft und die Häfen nahezu vollständig« in die Hand von US-Unternehmen geraten. »Fast alle mexikanischen Exporte (…) gingen in die Vereinigten Staaten, und ein großer Teil der in den USA hergestellten Industriegüter wurde nach Mexiko exportiert.«

Dank Eisenbahn und Telegraphennetz gelang die kapitalistische Durchdringung des ganzen von den ursprünglichen 13 Kolonien eroberten Landes. Die Cowboys waren Ende des 19. Jahrhunderts schon längst keine freien Abenteurer mehr, die man romantisieren konnte, sondern mehrheitlich arme Schlucker, die Texas-Longhorn-Rinder aus dem Süden zu den Eisenbahnknotenpunkten in den Great Plains trieben, damit sie nach Osten geschafft werden konnten. Auch Minenschürfer, besonders nach dem Goldrausch von 1865, und Farmer konnten über das transkontinentale Schienennetz Absatzmärkte im Osten finden. Der Konkurrenzdruck unter den Ranchern stieg, je näher die Schienen kamen, und mit ihm eine neue Frontier: Statt wie früher die eigenen Herden auf freiem Land grasen zu lassen, mussten sie nun säuberlich von den Nachbarsherden abgegrenzt werden. 1874 erhielt Joseph Glidden ein Patent auf Stacheldraht (Modell: »The Winner«, Patentnummer 157124), Konkurrenzmodelle und Massenproduktion folgten. Auch der Zuzug neuer Siedler war den Ranchern nun ein Dorn im Auge. Die Böden der Great Plains waren nur leidlich erträglich, gute Böden für Rancher und Farmer rar. Längst hatten sich Unternehmen das Land mit den besten Böden unter den Nagel gerissen, was die Konkurrenz zwischen Ackerbauern und Viehzüchtern verschärfte.

Wer sich angesichts dessen verprellt fühlte und einer Romantik früherer Tage hinterhertrauerte, konnte als Ersatzhandlung zum Groschenroman greifen. Das Massenprodukt der Kulturindustrie wurde im späten 19. Jahrhundert zu einer Erfolgsgeschichte: Die Nachkriegsabenteuer und Verbrechen der Gang um Südstaatenguerillakämpfer Jesse James und die Younger-Brüder wurden zum US-Pendant von Robin Hood und seinen Merry Men. Auch andere Outlaw-Legenden bekamen hohe Auflagen. Wer es brav und staatstreu mochte, griff zu Allan Pinkertons Erzählungen, inspiriert von Eugène François Vidocq. Seine Privatdetektei war zeitweise größer als die U. S. Army und die Mitarbeiter fungierten gerne auch als Streikbrecher.

Anzeige

Eine andere Erfolgsgeschichte des Kapitals geht auf ein an Samuel Colt ausgestelltes Patent von 1836 zurück: Wie soll das US-amerikanische Wesen an der Frontier genesen, ohne den berühmten Revolver? Die nicht minder berühmte Winchester sollte 30 Jahre später folgen. Der Colt war ein günstiges Konsumgut, das keinen Nutzen bei der Jagd hatte. In der Werbung hieß es damals schon: »God created men, Col. Colt made them equal« (Gott schuf die Menschen, Colonel Colt machte sie gleich).

»Und nun«, so Turner in seinem erwähnten Essay von 1893, »vier Jahrhunderte nach der Entdeckung Amerikas, am Ende von hundert Jahren Leben unter der Verfassung, ist die Frontier verschwunden, und mit ihrem Verschwinden ist die erste Epoche der amerikanischen Geschichte zu Ende gegangen.« Nun darf der Mythos verfangen – und expandieren. The Frontier goes Übersee. So wurde »eine neue imperiale Frontier in Asien und Lateinamerika« geschaffen, »entlang der eine virile neue Generation die regenerative Gewalt des Krieges gegen die Wilden erleben durfte, der ihre Väter großgemacht hat«, schreibt der Historiker Richard Slotkin treffend in »Great Disorder« (Große Unordnung, 2024). Im Jahr 1898 wurde die Monroe-Doktrin mit dem Spanisch-Amerikanischen Krieg (23. April bis 12. August) offensiv umgesetzt. In dessen Folge schied Spanien endgültig aus der Riege der großen Kolonialmächte aus. Die USA besetzten Puerto Rico und Guam (beides bis heute sogenannte Außengebiete unter der Hoheitsgewalt der USA) sowie Kuba und die Philippinen.

Die Weltrolle

»Die Rolle Chinas spielen und uns damit begnügen, in unwürdiger Bequemlichkeit innerhalb unserer Grenzen langsam vor uns hinzuvegetieren«, könnten die USA nicht, verkündete Theodore Roosevelt 1899 in einer Rede. »Wenn wir ein wirklich großartiges Volk sein wollen, müssen wir uns aufrichtig darum bemühen, eine bedeutende Rolle in der Welt zu spielen.« Um die »großen Aufgaben« kämen die USA nicht herum. Gegenüber Spanien hätte es nur die Optionen des Wegduckens oder Handelns gegeben: »Wir können uns der Verantwortung, die uns in Hawaii, Kuba, Puerto Rico und auf den Philippinen obliegt, nicht entziehen.« Nach der spanischen Tyrannei drohe diesen Inseln nun die wilde Anarchie, darum sei es »sinnlos zu behaupten, wir hätten keine Pflicht zu erfüllen und könnten die von uns eroberten Inseln ihrem Schicksal überlassen«.

»Roosevelt ist das Gesicht der amerikanischen Bourgeoisie in ihrer expansionistischen Phase«, urteilte der marxistische Theoretiker Alan Woods 2005 in seinem Werk »Marxism and the USA«. Er habe die Kunst des politischen Marketings verstanden. Als Oberst leitete er das 1. US-Freiwilligen-Kavallerieregiment und benannte es in »Rough Riders« um. Ein Jahr nach dem Krieg mit Spanien schrieb Roosevelt seine Erfahrungen in einem Buch nieder. Der Krieg wird bei ihm zu einem Ventil und wirkt integrativ: Seine Soldaten kämen »aus den Gebieten, die erst kürzlich für die weiße Zivilisation gewonnen worden waren und in denen die Lebensbedingungen denen am nächsten kamen, die an der Frontier herrschten, als es noch eine Frontier gab«. Abenteuerlustig und resolut seien sie gewesen, mit gegerbten Gesicht hätten sie ohne zu zwinkern ihrem Gegenüber in die Augen geblickt. Besonders Goldschürfer, Jäger und Cowboys dienten unter ihm, mit »Schlapphüten, blauen Flanellhemden, braunen Hosen« sowie »Gamaschen und Stiefeln, mit locker um den Hals gebundenen Halstüchern«.

Offenkundig hat Roosevelt gleich auch noch John Wayne miterfunden, bis ins Detail wird hier das Bild raubeiniger Cowboys gezeichnet, das später, durch Hollywood verarbeitet, als Darstellung des typischen Frontiermenschen gelten wird. Zugleich erweitern seine Erzählungen den Nationalmythos um eine Romantisierung des Platoons, die Front wird zum gelungenen Melting Pot, in dem Soldaten jeglicher Herkunft zusammenfinden, und zur Grundlage einer lange nachwirkenden Ideologie: die USA als »Freedom« bringende Großmacht.

»Kein Krieg hat uns jemals so sehr verändert wie der Krieg gegen Spanien«, heißt es in »The Ideals of America«, einer Rede Woodrow Wilsons von 1901, damals frischgebackener Präsident der Princeton University. »Wir haben uns jenseits der Meere neue Frontiers erschlossen.« Später führte er als Präsident die USA in den Ersten Weltkrieg.

Die Auslegung der Frontier-These und der Umgang damit blieben Anfang des 20. Jahrhunderts vor allem bei der politischen Linken umstritten. »Der Aufstieg einer klassenbewussten Gewerkschaftsbewegung im Westen war weder das Ergebnis reinen Zufalls noch persönlicher Absicht«, schrieb der Sozialist Eugene Debs 1902 in der International Socialist Review – sich bewusst, dass in den Reihen der »Industrial Workers of the World« auch Cowboys, Rancher und Minenarbeiter vertreten sind –, »sondern folgte der aufkommenden Welle des revolutionären Geistes des Proletariats in den rauen und dünn besiedelten Bergstaaten – einer heterogenen Bevölkerung, die sich aus Pionieren, den abenteuerlustigsten, mutigsten und freiheitsliebendsten Männern aus allen Staaten des amerikanischen Kontinents zusammensetzte.« Eine andere Stimme aus dem eher sozialdemokratischen Lager, Walter Weyl, hielt 1912 in New Republican dagegen: »Der Vorstoß der Pioniere nach Westen versetzte den Amerikanern einen psychologischen Schlag, der die Entwicklung einer Sozialdemokratie behindern sollte. Der weite Kontinent berauschte den Amerikaner. Er vermittelte ihm ein überhöhtes Selbstbild. Er ließ den Gemeinschaftsgeist in den Schatten treten.«

Zu dem Zeitpunkt wurde das Publikum bereits auf entsprechende Stereotype eingestimmt. Schon 1903 war »Der große Eisenbahnraub« in die Kinos gekommen, produziert von der Edison Company. Der Stummfilm unter der Regie von Edwin S. Porter war der erste Western und auch der erste kommerziell erfolgreiche Film mit einer zusammenhängenden Handlung. Die materiellen Bedingungen für den Siegeszug dieses Genres waren gegeben, erklärt Richard Slotkin in »Gunfighter Nation« (Nation der Revolverhelden, 1992). Kostüme, Sets? Kaum nötig, denn weiterhin sah es in einigen Ecken des Westens so aus, wie man sich das vorstellt. Arbeitslose Cowboys und indigene Menschen gab es obendrein. Noch einflussreicher wurde D. W. Griffiths »Die Geburt einer Nation« von 1915, Filmkunstwerk und Verherrlichung des Ku-Klux-Klans gleichermaßen – Filmwissenschaftler schockieren damit bis heute gerne ihre bauchlinke Studentenschaft. Die junge Kulturindustrie bestimmte die Narrative.

Nach dem Ersten Krieg hatte vor allem der Historiker Walter Prescott Webb großen Einfluss auf die Frontier-These. Seine Grenze war jedoch statisch, er legte sie einfach auf den 98. Meridian fest, den Übergang in die Great Plains (so auch der Titel seines Standardwerks von 1931). Diese Region »bildet eine geographische Einheit, deren Einflüsse so stark waren, dass sie allem, was innerhalb ihrer Grenzen überlebt hat, einen charakteristischen Stempel aufgedrückt haben«.

Zwei Jahre zuvor hatten Börsencrash und Wirtschaftskrise die USA durchgeschüttelt. Franklin Delano Roosevelt entwarf 1932 in einer Wahlkampfrede die Antithese zu Turner: »Es gibt kein Sicherheitsventil in Form einer Prärie im Westen, in die diejenigen, die von der Wirtschaftsmaschinerie des Ostens aus dem Arbeitsleben verdrängt wurden, ziehen könnten, um einen Neuanfang zu wagen.« Damit argumentierte er durch die Hintertür für einen starken Sozialstaat – und rettete die Bourgeoisie. Mit Alan Woods gesprochen, verhinderte Roosevelt »eine soziale Revolution, die damals näher war als jemals zuvor in der amerikanischen Geschichte«.

Im All und im Süden

»Der Aufschwung, der schließlich einsetzte«, bescheinigt Woods, »war nicht dem New Deal zu verdanken, sondern dem Zweiten Weltkrieg.« Denn: »Amerikas Frontier liegt am Rhein«, wie Roosevelt laut zeitgenössischen Presseberichten in einem internen Gespräch gesagt haben soll. »Neue Frontiers des Geistes liegen vor uns«, bescheinigte Roosevelt 1944 dem Amt für wissenschaftliche Forschung und Entwicklung, bekannt für Menschenversuche und das Manhattan-Projekt. Noch weiter verlegte der Chefredakteur des Magazins Life, John Knox Jessup, die Frontier: Er verortete sie in einem Essay 1951 an der Elbe, dort trenne sie nun (amerikanische) Freiheit von (sowjetischer) Sklaverei.

Als Nationalmythos fand die Frontier nach dem Zweiten Weltkrieg Einzug in so ziemlich jede akademische Disziplin: sei es Ökonomie, Agrikultur, Politik, Soziologie oder Psychologie. In der Geschichtswissenschaft trat Ray Allen Billington Turners Erbe an und popularisierte die Frontier-These mit einem akademischen Standardwerk. Prägender blieb aber das Kino. Bis in die 1970er Jahre waren Western das bestimmende Genre in den Lichtspielhäusern, jedenfalls in den USA. Slotkin rechnet in »Great Disorder« vor: Von 1948 bis 1956 gab es jährlich schwankend zwischen 31 und 46 Westernfilme pro Jahr; in den 50ern folgten dann allerhand Fernsehserien. »Rio Grande« kam am 15. November 1950 in die Kinos, Wendepunkt im Koreakrieg: »Auf demselben Bildschirm, auf dem Wochenschauaufnahmen von Douglas MacArthur zu sehen waren, der durch sein Fernglas über den Yalu-Fluss hinweg nach China blickte, zeigte John Ford John Wayne als Colonel Yorke, der über den Rio Grande hinweg auf die Zufluchtsorte der Apachen starrte, deren Angriff ihm pingelige Diplomaten untersagt hatten.«

»Space, the final frontier« – diese zu erkunden nimmt sich das Raumschiff Enterprise vor, das drei Serienstaffeln (1966–1969) lang unterwegs ist, um neue Welten zu erforschen. Viele Lichtjahre von der Erde entfernt dringt die Enterprise in Galaxien vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat, ertönt es im Vorspann von »Star Trek«. Die vereinigte Menschheit wird mit der Space-NATO ins All bugsiert, trifft dort unter anderem auf die Klingonen, allegorisch: trunkene Kosmos-Russen. Ein fader Beigeschmack von John F. Kennedys »Friedenscorps« und USAID bleibt. »Was einst der äußerste Vorposten an der alten Frontier des Westens war, wird der äußerste Vorposten an der neuen Frontier der Wissenschaft und der Raumfahrt sein«, meinte Kennedy in seiner Rede an der William Marsh Rice University 1962. »Keine Nation, die darauf hofft, eine Führungsrolle unter den anderen Nationen einzunehmen«, könne es sich leisten, im »Race for Space« zurückzufallen. »The New Frontier«, schwadronierte er schon ein Jahr zuvor bei der Nominierung als Präsidentschaftskandidat, sei eine »voller unbekannter Chancen und Gefahren – eine Frontier voller unerfüllter Hoffnungen und Bedrohungen.«

Martin Luther King ging dieses ständige Wiederkäuen des Nationalmythos auf den Wecker, so Grandin. Die USA seien »ein Land, das die Tradition des Wilden Westens verehrt, und unsere Helden sind jene, die durch gewaltsame Vergeltungsmaßnahmen Gerechtigkeit walten lassen«, polemisierte King in »Why We Can’t Wait« (Warum wir nicht warten können, 1964).

»Es ist an der Zeit, dass wir dem Rest der Welt klar machen, dass es uns egal ist, ob sie uns mögen oder nicht«, hielt Ronald Reagan 1980 auf seine Wahlkampftournee dagegen. Der ehemalige Bühnencowboy wurde zum Rodeoclown im Weißen Haus und versprach auf der Tournee eine »strahlende Stadt auf einem Hügel«, den Traum des puritanischen Gouverneurs der Massachusetts Bay Colony, John Winthrop, von 1630 aufgreifend. »Es ist wieder Morgen in Amerika« – Wahlwerbespots, die 1984 seine Wiederwahl ebneten, waren vollgepackt mit ruraler Ikonographie: Bauernhöfe, Dorfkirchen, die grünen Rasen der Vorstädte. Verbitterten Vietnam-Veteranen bot Reagan ein neues Ventil: »Die Frontier wurde durch Counterinsurgency in Mittelamerika wieder geöffnet«, so Grandin. Dafür stand die »Restricted Interagency Group« bereit, denn Zentralamerika sei, so Reagan 1986 in einer Ansprache an die Nation zur Lage in Nicaragua, »unsere südliche Frontier«.

Begriffliche Beliebigkeit

Nachdem Frontiers recht wahllos auf dem Planeten und im Weltraum verortet worden waren, begann auch die Zunft der US-Historiker langsam an dem Narrativ zu rütteln. Vielleicht auch in Anbetracht der politischen Realität: »Turners Frontier beruhte auf einem einzigen Blickwinkel; sie setzte voraus, dass der Betrachter im Osten stand und nach Westen blickte«, brachte es Patricia Nelson Limerick, einer Vertreterin der sogenannten New Western History, 1987 in »The Legacy of the Conquest« (Das Erbe der Eroberung) auf den Punkt. Definiere man den Begriff Frontier präzise, referierte sie zwei Jahre später auf einer Konferenz in Santa Fe, »ist er nationalistisch und oft rassistisch; wird er jedoch von seinem Ethnozentrismus befreit, verliert er seine genaue Definition«. Alternative Schlagwörter hatte sie auch parat: Invasion, Eroberung, Kolonisierung, Ausbeutung, Entwicklung und Ausweitung des Weltmarktes. Besonders letzteres traf ins Schwarze: Das Nordamerikanische Freihandelsabkommen zwischen Kanada, Mexiko und den USA trat am 1. Januar 1994 in Kraft. »Diese neue globale Wirtschaft ist unsere neue Frontier«, so Präsident Bill Clinton 1993 in einer Rede in Boston.

»In unserer Welt und hier bei uns zu Hause werden wir die Frontiers der Freiheit erweitern« – dieses von George Bush Jr. 2004 im Zuge des »War on Terror« ausgegebene Mission Statement mutete dann schon wie eine Parodie an. Mit Barack Obama schwenkte der Fokus vom Mittleren Osten nach Asien – »Pivot to Asia«, sich dabei in der Frontier-Rhetorik wieder etwas zurückhaltend. Anders seine Außenministerin Hilary Clinton: Ihr Artikel »America’s Pacific Century« (veröffentlicht 2011 in The Atlantic) ist ganz im Geiste Theodor Roosevelts geschrieben: Einige Politiker würden weniger außenpolitische Aktivitäten und mehr Fokus auf die Wirtschaft zu Hause fordern, doch das sei falsch. »Diejenigen, die behaupten, wir könnten es uns nicht mehr leisten, uns weltweit zu engagieren, sehen die Sache völlig falsch – wir können es uns nicht leisten, es sein zu lassen.«

Nach Jahren der aggressiven neoliberalen Globalisierung gewinnen unter Donald Trump alte Grenzen wieder an Bedeutung. Im Streit um den Grenzzaun zu Mexiko meint Greg Grandin die aktuelle Frontier zu erkennen – eine die nicht expandiert, sondern verhärtet: »Stacheldraht kann«, salbaderte der aktuelle Präsident im Wahlkampf 2018, »wenn er richtig eingesetzt wird, ein wunderschöner Anblick sein.« Und schon seit Joseph Gliddens Tagen – der Farmer hielt sein Patent auf Stacheldraht bis 1892 und verdiente daran eine Million US-Dollar – ist das auch ein gutes Geschäft: unter Trump fließen Milliarden Dollar in Grenzbefestigungen. Allerdings ersetzt die dort geplante Mauer das Expansive nicht, sondern ergänzt es nur. Ob Grönland, Panama oder Kuba, für das Weiße Haus gilt auch im 21. Jahrhundert: Frontier ist immer da, wo die USA sie haben wollen.

→ Teil 1 des vorliegenden Beitrags erschien in der jW-Ausgabe vom 4./5. Juli.

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 06.07.2026, Seite 12, Thema

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Pressefreiheit schützen, Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!