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Aus: Ausgabe vom 24.01.2026, Seite 15 / Geschichte
Raumfahrt

Alle Warnungen ignoriert

Die Explosion der »Challenger« am 28. Januar 1986 war eine der größten Katastrophen in der Geschichte der Raumfahrt
Von Hartmut Sommerschuh
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Serie von Bildern einer Familie, die den Start der »Challenger« von Cocoa Beach, Florida aus verfolgte

Verzweifelt, ja flehend hatte Roger M. Bois­joly, Ingenieur bei Morton Thiokol, in einer Telefonkonferenz mit den NASA-Managern zwölf Stunden zuvor darauf gedrängt, den Start zu verschieben. Denn es sollte Frost geben am US-Weltraumbahnhof Cape Canaveral. Boisjolys Firma hatte die Startraketen hergestellt und für deren Segmente auch die Dichtungen. Er wusste – das hatte die Erfahrung gezeigt –, dass sie durch die große Kälte spröde werden würden.

Ein Jahr zuvor, Ende Januar 1985, hatte die Raumfähre Discovery bei minus elf Grad abgehoben. Bei der Untersuchung ihrer aus dem Atlantischen Ozean geborgenen Startraketen hatte man an den Dichtungsringen durch Frost entstandene Schwachstellen entdeckt. Dort fand man Ruß und Brandspuren. Noch einen Millimeter, und die Dichtungsringe wären komplett durchgebrannt. In einem Appell an die Chefetage von Morton Thiokol hatte Boisjoly daraufhin im Juli 1985 vor einer »Katastrophe höchsten Grades – also Verlust von Menschenleben« gewarnt.

Um jeden Preis

Die Schaltkonferenz mit den NASA-Leuten im Kennedy Space Center wurde für eine kurze Bedenkzeit unterbrochen. In einem Film von National Geographic erzählte Boisjoly später, wie er seine vier ungläubigen Kollegen im Raum wegen dieser Gefahr verzweifelt anschrie, wie sein nur kurzzeitig verunsicherter Generaldirektor höhnisch zu ihm sagte, er solle »seine Ingenieurscheuklappen ablegen und als Manager denken« – und wie sie dann dem Start zustimmten. Abends soll Boisjoly zu seiner Frau verbittert gesagt haben: »Ich hatte einen tollen Tag. Sie starten morgen und bringen die Astronauten um.«

Zu dieser Zeit schlief die siebenköpfige Crew – Francis Richard Scobee, Michael Smith, Judith Resnik, Ellison Onizuka, Ronald McNair, der Nutzlastspezialist Gregory Jarvis und die ebenso betitelte Lehrerin Christa McAuliffe – ahnungslos. McAuliffe sollte die erste zivile Person in der Raumfahrt werden. Ihre Kinder fieberten wie viele andere in dieser Nacht zwei geplanten Unterrichtsstunden entgegen, für die sich die Geschichtslehrerin aus dem Weltall melden wollte. Sie war früh fasziniert gewesen von US-amerikanischen Pionierfrauen, wurde Präsidentin der Lehrerinnengewerkschaft von New Hampshire, hatte sich beim »Teacher in Space«-Programm der NASA beworben und war im Juli 1985 unter 11.000 Kandidatinnen ausgewählt worden.

Millionen Amerikaner saßen am Morgen dieses 28. Januars 1986 gespannt vor ihren Bildschirmen und Hunderte auf den Zuschauertribünen, fünf Kilometer von der Startrampe entfernt. Das Space Shuttle Challenger war neben Columbia, Discovery, Atlantis und Endeavour eine der fünf wiederverwendbaren Raumfähren, die die NASA zwischen 1981 und 2011 einsetzte. Sie hatte seit 1983 zehn Flüge absolviert. Der Start war wegen schlechten Wetters um eine Woche verschoben worden. Nach Jahren der Mittelkürzungen und des schwindenden öffentlichen Interesses sollten nun routinemäßige Shuttleflüge in den Weltraum die Nation wieder begeistern. Immerhin war es der 25. Start eines Spaceshuttles und 1986 sollte überhaupt »zum wichtigsten Jahr seit Beginn des Raumfahrtzeitalters« werden.

Boisjoly wollte nicht am Bildschirm zusehen. Der Ingenieur hatte Angst vor einem Inferno schon beim Abheben. Ein Kollege musste ihn regelrecht zum Monitor zwingen. Die gesamte Rampe war vereist, überall hingen meterlange Eiszapfen. Noch nie hatte es einen Start bei solcher Kälte gegeben. Wenigstens wurde in der Hoffnung, dass das Eis noch schmelzen würde, im Kontrollzentrum entschieden, zwei Stunden zu warten.

Zu Boisjolys Verwunderung lief dann zunächst alles nach Plan. Die Triebwerke zündeten. Das seltsame Paket aus zwei Startraketen, dem 46 Meter hohen rostfarbenen Tank voller Sauerstoff und Wasserstoff und dem daran hängenden Shuttle hob dröhnend ab. Schon hier hatte Boisjoly mit einem Kälteleck, mit Feuer an den spröden Dichtungen und einer dadurch ausgelösten Explosion gerechnet. Doch zunächst geschah nichts. Nach einer gezielten Drehung wurde die leicht geneigte Flugbahn erreicht, die Challenger erreichte eine Geschwindigkeit von 1.600 Kilometern pro Stunde. Dann wurde die Schubkraft reduziert, in 11.000 Meter Höhe kam »Max Q«, der kritischste Punkt. Wenn das Shuttle hier zu schnell fliegen würde, könnte der Staudruck der Luft das ganze Gefährt zerstören. Aber auch dies war kein Problem. Daraufhin wurden in den nun folgenden dünneren Luftschichten die Triebwerke auf volle Leistung gestellt. Mit 28.000 Kilometern pro Stunde sollte die Erdanziehung überwunden werden.

Tragödie live

Doch plötzlich explodierte die Challenger in einem Feuerball. Gefolgt von langen weißen Kondensfäden stürzten die Teile der Raumfähre in den Atlantik, darunter auch die abgerissene Kabine mit den Astronauten. Im NASA-Kontrollzentrum war es einige Sekunden lang still, bevor der Sprecher verhalten mitteilte: »We have a major malfunction.«

CNN, der als einziger Sender den Start live übertrug und auch die Ehrentribüne zeigte, hatte in diesem Moment auf die Gesichter von Christa McAuliffes Eltern gezoomt. Die ganze Welt erlebte mit, wie deren anfängliche Freude in Fassungslosigkeit und Entsetzen umschlug. Auch die Partyhüte tragenden Schüler von McAuliffe in ihrem Wohnort Concord in New Hampshire wurden live im Fernsehen gezeigt. Die Entscheidung, die Kameras nicht auszuschalten, als die Tragödie offensichtlich wurde, ja die Bilder in den Nachrichtensendungen sogar zu wiederholen, gilt bis heute als eine der umstrittensten in der Fernsehgeschichte.

Parallel zur aufwendigen Suche der Wrackteile und der Mannschaftskapsel mit den Leichen im Ozean durch die Marine setzte US-Präsident Ronald Reagan eine Untersuchungskommission ein. Ihr gehörten der Astronaut Neil Armstrong und der Physik-Nobelpreisträger Richard Feynman an. Der bestätigte schon am 11. Februar 1986 nach einem einfachen Experiment, was Boisjoly in den ersten Anhörungen über seine verzweifelten Warnungen an das Management ausgesagt hatte: Mit einem Glas Eiswasser wies er nach, dass der Kunststoff der Dichtungsringe an der rechten Feststoffrakete unter null Grad seine Elastizität verloren hatte.

Späte Bestätigung

Um ein unvoreingenommenes Ergebnis zu garantieren, stoppte der Vorsitzende der Kommission William P. Rogers sofort alle internen NASA-Untersuchungen durch Personen, die selbst beteiligt gewesen waren. Das gesamte Space-Shuttle-Programm wurde für zwei Jahre ausgesetzt. Boisjoly musste in diesen Jahren die Folgen eines Nervenzusammenbruchs auskurieren.

Seine berechtigten Befürchtungen wurden nachträglich alle bestätigt, vor allem bei der Auswertung der Film- und Fernsehaufnahmen: Bereits 0,678 Sekunden nach der Zündung war an der rechten Startrakete ein kleiner schwarzer Rauchpilz ausgetreten. Nach 58,8 Sekunden verwandelte der sich in eine Stichflamme. Diese wuchs in Sekunden zu einem Feuerstrahl, der rasch die Halterung am großen Tank zerstörte. Doch erst die Explosion 73 Sekunden nach dem Start war für die Zuschauer wie auch für die NASA-Mitarbeiter sichtbar. Druck und Hitze der Triebwerke hätten den weichen Dichtungsgummi zwischen den Segmenten rasch in seine Rillen pressen müssen. Aber er war zu hart, die Vertiefungen noch vereist.

Das seit den 1970er Jahren entwickelte Shuttle-Programm sollte durch die Wiederverwendung der Systemteile Flüge in den Weltraum deutlich kostengünstiger machen als mit Trägerraketen. Es wurde entscheidend für den Bau der Raumstation ISS, da sich große Module ins All transportieren ließen. Und es ermöglichte die Reparatur und Verbesserung des Hubble-Teleskops. Aber alles scheiterte schließlich an den stetig wachsenden Kosten für die Wiederaufbereitung der Orbiter und Startraketen. Nach dem Ende des Programms 2011 mussten US-Astronauten mit russischen Sojus-Kapseln zur Raumstation ISS fliegen. Nicht nur deshalb startete die NASA das »Commercial Crew Program« zur Förderung privater Firmen. 2020 gelang Elon Musks Konzern Space X wieder ein bemannter Start von US-Boden aus ins All. Seitdem führt das Unternehmen mit dem Raumschiff »Dragon 2« die bemannten Zubringerflüge der NASA zur ISS durch und seit 2021 auch touristische Raumflüge.

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